Korach

Keine Freiheit ohne Grenzen

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Unsere aktuelle Parascha ist nach Korach benannt, einem Cousin von Mosche und Aharon. Dieser stellt gemeinsam mit einigen anderen die Führung der beiden infrage. Er ruft eine Versammlung von 250 prominenten Gemeindeleitern zusammen und wirft Mosche und Aharon vor: »Die ganze Gemeinde ist heilig, jeder Einzelne von ihnen, warum erhebt ihr euch über die Versammlung des Ewigen?« Mosche, ziemlich müde von den ständigen Streitigkeiten, schlägt deshalb einen Test vor, um ihre Führung bestätigen zu lassen. Er instruiert Korach und seine Anhänger, Räucherpfannen mit Weihrauch vor den Ewigen zu bringen, zusammen mit Aharons Räucherpfanne.

Mosches Unmut steigert sich jedoch, als Datan und Aviram, zwei berüchtigte Unruhestifter, die sich Korach angeschlossen haben, seine Einladung zu einer friedlichen Beilegung des Konflikts glattweg ablehnen. Mosche appelliert daher an G’tt und bittet darum, ihre Opfergaben nicht anzunehmen.

Auf G’ttes Befehl hin warnt Mosche das Volk

Auf G’ttes Befehl hin warnt Mosche dann das Volk. Es solle sich von Korachs Versammlung distanzieren, anderenfalls werde es ebenfalls bestraft. Mosche selbst schlägt einen entscheidenden Test vor: Wenn die Rebellen eines natürlichen Todes sterben, ist er nicht G’ttes Bote. Wenn jedoch die Erde sie verschlingt, sei dies der Beweis ihrer Sünde gegen G’tt. Wie vorhergesagt, öffnet sich daraufhin die Erde und verschlingt Korach mitsamt seinen Anhängern und deren Besitz. Schließlich verzehrt ein g’ttliches Feuer die 250 Männer, die unbefugt Weihrauch darbrachten.

Trotz dieser dramatischen Vorkommnisse rebelliert das Volk weiterhin gegen Mosche. Man beschuldigt ihn nun auch noch, den Tod ihrer Brüder verursacht zu haben. Als Reaktion auf diese andauernde Opposition befiehlt G’tt Mosche, sich von der Versammlung zu verabschieden, was wiederum eine tödliche Plage auslöst.

Die Rebellion Korachs und seiner Verbündeten hatte also verheerende Folgen für die Aufständischen. Sie wollten, dass alle gleich sind. Korach erhob das Banner der Gleichheit, was sich in dem Satz »Die ganze Gemeinde ist heilig« widerspiegelt. Er weigerte sich zudem, den besonderen Status anzuerkennen, den der Schöpfer Mosche und Aaron verliehen hatte. Seine Bestrafung lehrt, dass man im Namen der Gleichheit auch völlig dane­benliegen kann oder sogar Menschenleben in Gefahr bringt.

Ein paar Beispiele verdeutlichen dies: Sollten wir etwa im Namen der Gleichheit jedem erlauben, ein Flugzeug zu steuern, Baupläne zu genehmigen oder Herzoperationen durchzuführen? Müssen wir bereit sein, jede Meinung und Sichtweise zu respektieren? Und wenn jemand eine kohärente Philosophie entwickelt, die Diebstahl oder sogar Mord und Totschlag rechtfertigt, sollten wir etwa seinen Ansichten Respekt zollen?

Wahrheit und Unwahrheit, Licht und Dunkelheit, Gut und Böse

So wie Korach nicht die eindeutigen, durch G’tt definierten Autoritäten akzeptiert hat, so wie er an diesem Punkt die Grenzen im Namen der Gleichheit aller nicht respektieren wollte, ist es auch ein Merkmal unserer Zeit, dass die Grenzen zwischen Wahrheit und Unwahrheit, Licht und Dunkelheit, Gut und Böse verwischt und verklärt werden. In anderen Zeiten basierten Werte noch auf klaren Grundlagen, die den Menschen einen Kompass boten, um sich in der spirituellen und ethischen Welt zu orientieren. Heute dagegen basieren sie nur allzu oft auf stets wechselnden Trends und vergänglichen Theorien. Das führt gelegentlich dazu, dass das Schiff der Menschlichkeit von einer Seite zur anderen schwankt, ohne einen festen Anker zu haben.

In diesem Kontext ist auch die Idee entstanden, dass jede Meinung und Sichtweise irgendwie respektiert werden müsse. Auf den ersten Blick mag das ein logischer Ansatz sein. Denn wer entscheidet letztendlich über die Wahrheit? Der eine denkt auf die eine Weise, aber jemand anderes denkt eben anders. All das hat zum Entstehen von Slogans wie »Respektiere den anderen« und »Respektiere das andere« geführt, die suggerieren, dass sie in die Zehn Gebote aufgenommen werden sollten.

Tatsächlich sehen wir auch hier das Verwischen von Grenzen und ein konzeptionelles Durcheinander. Ideen, die einen Kern der Wahrheit enthalten, werden ganz einfach zusammengewürfelt. Tatsächlich gebietet die Tora: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Wir müssen jeden Menschen lieben und respektieren. Bedeutet dies aber, dass auch jede Meinung und Sichtweise respektiert werden sollte?

Die gleiche Tora, die uns gebietet: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, definiert auch ganz klar, was gut und was böse ist, was erlaubt und was verboten, was koscher ist und was nicht, was würdig und was inakzeptabel ist. Der Lubawitscher Rebbe machte dies deutlich durch seine Art und Weise, mit einem Juden umzugehen, der eine nicht-koschere Metzgerei betrieb: Wir sollen diesen Juden lieben, aber wir können und müssen auch unmissverständlich sagen, dass es verboten ist, das Fleisch, das dieser verkauft, zu essen!

Respekt vor anderen

Auch der Respekt vor anderen hat seine Grenzen, genauso wie es innerhalb des jüdischen Volkes Grenzen zwischen den Kohanim, den Leviten und den Israeliten allgemein gibt; zwischen dem Schabbat und den Wochentagen; zwischen einer Mizwa sowie ihrer Übertretung. Diese Grenzen bilden das Fundament stabiler und dauerhafter Werte.

So wird erzählt, dass ein christlicher Priester den berühmten Rabbi Chaim von Brisk einmal angesprochen haben soll: »In der Tora steht geschrieben, dass man sich nach der Mehrheit richten soll.« Wir Juden verwenden dieses Gesetz zum Beispiel in einem Streit zwischen Weisen. Wenn alle sagen, dass das Gesetz so sein sollte und nur ein oder zwei von ihnen eine abweichende Meinung haben, dann wird das Gesetz auf Basis der Mehrheit beschlossen.

Und so fragte der Priester den Brisker Rav weiter: »Wir Christen sind die Mehrheit, warum folgt ihr uns nicht?« Der Rav antwortete: »Wenn wir Zweifel haben, müssen wir der Mehrheit folgen, aber was die Tora angeht, haben wir keinen Zweifel daran, dass sie wahr ist, auch wenn wir Juden in der Minderheit sind.«

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

inhalt
Korach und seine Anhänger Datan und Aviram rebellieren gegen die beiden Anführer Mosche und Aharon. Der Ewige selbst bestraft den Putschversuch und lässt sowohl Korach als auch seine Anhänger vom Erdboden verschlingen. Andere Sympathisanten Korachs werden durch ein himmlisches Feuer verzehrt. Dennoch herrscht Unmut unter den Israeliten. Darauf folgt eine Seuche, die von Aharon beendet wird. Um seine Position an der Spitze zu verdeutlichen, sollen die Anführer jedes Stammes ihren Stab ins Stiftszelt bringen. Und siehe da: Aharons Stab treibt Blüten.
4. Buch Mose 16,1 – 18,32

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