Erziehung

Kein falsches Zeugnis

Kinder brauchen Vorbilder. Eltern sollten daher nur in Notfällen von Lügen Gebrauch machen. Foto: Thinkstock

Darf man Kinder belügen? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zunächst auf den Begriff der Lüge eingehen. Eine Lüge ist eine unwahre Aussage, die ein Mensch einem anderen gegenüber macht, in der Hoffnung, dass dieser das Gesagte als wahr auffasst. Meist geschieht dies, um einen Nutzen für sich selbst daraus zu ziehen. Aber Lüge ist nicht gleich Lüge, es gibt unterschiedliche Arten: Es gibt soziale Lügen, Zwecklügen, Notlügen, vorsätzliche und zwanghafte Lügen.

Bei Spiegel Online erschien unlängst ein Artikel unter dem Titel »Fast alle Eltern belügen ihre Kinder«. Darin wurde eine Studie vorgestellt, die unter amerikanischen und chinesischen Eltern durchgeführt wurde und feststellte, dass 84 Prozent der befragten amerikanischen Eltern und 98 Prozent der teilnehmenden chinesischen Eltern ihren Kindern schon einmal Lügen erzählt haben, um sie zu besserem Verhalten zu bewegen.

Die Art der Lügen reicht von eher »harmlosen« wie dem Märchen vom Weihnachtsmann bis hin zu »Drohlügen» wie »Wenn du dich nicht benimmst, werfen wir dich den Fischen zum Fraß vor«. Erstaunlich an den Ergebnissen war laut den Verfassern der Studie, dass die Eltern ihren Kindern gleichzeitig zu vermitteln versuchten, »die Wahrheit« sei ein »wichtiges kulturelles Gut«.

Tradition Als Rabbiner und Vater eines Sohnes ist für mich die Frage nach dem Umgang mit der Wahrheit Kindern gegenüber in zweierlei Hinsicht interessant. Was sagt unsere Tradition über Wahrheit und Lüge, und wie darf und werde ich in dieser Beziehung mit meinem Kind umgehen?

Was sagt die Tora zur Lüge? In der Tora finden wir eine klare Aussage dazu: »Lege kein falsches Zeugnis gegen deinen Nächsten ab!« ist eines der Verbote in den Asseret haDibrot, den sogenannten Zehn Geboten. Es nimmt also in der jüdischen Lehre einen prominenten Platz ein. Dieses Verbot untersagt mir, vor Gericht zu lügen und damit einen anderen zu be‐ oder entlasten. Da dieses Gebot explizit erwähnt ist, stellt sich nun die Frage, ob das Lügen eines der Laster des Volkes gewesen ist und nun per Gesetz unterbunden werden musste, oder ob das Nichtlügen eine solche Tugend der Vorväter war, dass sie unbedingt nachgeahmt werden soll.

Kain Schon in der frühen Menschheitsgeschichte begegnen uns Lüge, Unehrlichkeit und Unaufrichtigkeit. Als Kain seinen Bruder Abel erschlägt und Gott Kain fragt, wo sein Bruder sei, fragt Kain zurück: »Ich weiß es nicht, bin ich denn meines Bruders Hüter?« Wenn man auf Nachfrage etwas verschweigt, obwohl man um die Antwort weiß, ist das mindestens unaufrichtig, vielleicht aber schon eine Lüge. Als Adam und Eva vom Baum des Wissens um Gut und Schlecht essen und sich ihrer Nacktheit bewusst werden, verbergen sie sich vor Gottes Blicken. Auf Gottes Frage, wer ihnen denn gesagt habe, dass sie nackt seien, gibt keiner der beiden eine Antwort.

Schauen wir uns die Erzählungen über die Erzväter und -mütter an, sehen wir schnell, dass wir ständig über Lügen stolpern. Awraham lügt die Ägypter über seine Beziehung zu seiner Frau Sara an, indem er sie als seine Schwester ausgibt, und Sara macht sich zur Mitlügnerin, indem sie die Wahrheit nicht ausspricht. Obwohl Awraham merkt, dass diese Lüge vom Pharao aufgedeckt und nicht mit Begeisterungsstürmen angenommen wird, erzählt er sie später genauso dem König Avimelech. Auch dieser entdeckt die Wahrheit und reagiert eher mit Unverständnis.

Awraham Eine viel schlimmere Lüge erzählt Awraham seinem Sohn Jitzchak. Als Gott ihn vermeintlich dazu auffordert, seinen Sohn zu opfern – das heißt, zu töten und zu verbrennen –, nimmt Awraham den Jungen mit sich zu einem den beiden noch unbekannten Ort. Auf die Frage Jitzchaks, wo denn das Opfertier sei, antwortet Awraham nur ausweichend, dass Gott sich das Tier zum Opfer noch auswählen wird, obwohl er verstanden hat, wer gleich sterben wird.

Jakow betrügt seinen älteren Bruder Essaw um den Segen für den Erstgeborenen und lügt, angestiftet von seiner (und Essaws) Mutter, seinen Vater Jitzchak an. Er verkleidet sich nicht nur, um seinen erblindenden Vater zu täuschen, er lügt ihn sogar direkt an. Auf die Frage Jitzchaks, wer er sei, antwortet er: »Ich bin Essaw, dein Erstgeborener.« Daraufhin segnet ihn sein Vater, und Jakow wird zu einem der Erzväter des jüdischen Volkes.

Nach seiner Flucht vor der Rache des betrogenen Bruders ins Herkunftsland der Mutter heiratet Jakow seine beiden Cousinen Lea und Rachel. Nach mehreren Jahren Arbeit für seinen Schwiegervater Laban greift er zu einem Trick, um seinen Anteil an der Viehherde der Verwandten zu vergrößern. Laban fühlt sich, zu Recht(?), betrogen und bestohlen.

Sympathie Trotz alledem – Täuschung, Betrug, Lügen und Unaufrichtigkeit – gehört aber diesem Jakow die Sympathie des Lesers. Vielleicht gerade weil wir uns in seinen Verfehlungen selbst wiedererkennen und verstehen, warum er in manchen Situationen so gehandelt hat oder sogar genauso handeln musste.
Soviel zu unserer Familiengeschichte. Was aber sagt die Tradition zur Lüge selbst?

Im 15. Psalm finden wir Hinweise darauf, welch hohen Stellenwert Ehrlichkeit in unserer Überlieferung genießt: »Ewiger, wer darf weilen in deinem Zelt? Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berg? Wer in Unschuld wandelt und Gerechtigkeit übt und die Wahrheit redet von Herzen …«

handel Ein weiteres Beispiel, in diesem Fall sogar eine Mizwa, ein Gebot, finden wir in der Tora zum Thema Ehrlichkeit im Einzelhandel: »Ihr sollt euch nicht vergreifen am Recht noch am Längenmaß, noch am Gewicht, noch am Hohlmaß. Rechte Waage, gutes Gewicht, richtiges Epha (Hohlmaß) und gerechtes Hin (Flüssigkeitsmaß) sollt ihr haben! (…) Ich, der Ewige, bin euer Gott« (3. Buch Mose 19, 35–37).

In der Mischna, der schriftlichen Fixierung der mündlichen Überlieferung, lesen wir in Bava Batra Kapitel 5,10 eine Spezifikation dieses Gebots: »Ein Lebensmittelhändler reinigt seine Maße zweimal pro Woche, seine Gewichte wöchentlich und seine Waage nach jedem Gebrauch.« Ehrlicher Umgang miteinander, auch im Geschäftsleben, ist also fest im Gesetz verankert.

Es stellt sich nun die Frage, ob es wenigstens erlaubt ist, ein wenig zu flunkern. Im Business Menschen um Geld zu betrügen, kann man ja nicht mit Notlügen vergleichen, geschweige denn damit, Kindern Märchen von Drachen und sieben Zwergen zu erzählen.

Im Babylonischen Talmud, der Diskussion über die Mischna, finden wir im Traktat Bava Mezia 24a eine interessante Feststellung: Rav Jehuda sagt, ein Gelehrter dürfe in drei Fällen lügen. Er darf vortäuschen, ein Mischnatraktat nicht zu kennen, um sein Wissen nicht zur Schau zu stellen. Er darf, nach seinem Sexualleben gefragt, die Auskunft verweigern, und er darf über einen vorzüglichen Gastgeber lügen, um diesen vor einem Ansturm von zweifelhaften Gästen zu bewahren.

Luftballon Die Frage, ob es nun legitim ist, seinen Kindern eine Wahrheit zu verschweigen oder ihnen sogar eine bewusste Lüge zu erzählen, ist damit aber immer noch nicht beantwortet. Ich habe vor einiger Zeit in Jerusalem eine Szene beobachtet, in der ein Vater mit seiner etwa achtjährigen Tochter sprach. Anscheinend hatte er ihr bei gutem Benehmen einen Luftballon versprochen, den die Kleine nun einforderte, weil sie sich die ganze Woche über gut verhalten habe. Der Vater aber antwortete, er habe ihr nicht gesagt, dass sie in diesem Fall einen Ballon bekäme, sondern dass sie vielleicht einen Ballon bekommen könnte.

Die Enttäuschung war dem Mädchen im Gesicht abzulesen. In diesem Fall hat der Vater vielleicht nicht gelogen, aber seine Tochter hat gelernt, dass sie sich auf Aussagen ihres Vaters nicht verlassen kann. Dies kann auch dann die Konsequenz sein, wenn eine Lüge vonseiten der Eltern durch die Kinder aufgedeckt wird. Was aber in der Eltern‐Kind‐Beziehung, wie in jeder anderen Beziehung, wichtig ist, ist das Wissen, dass ich mich auf den anderen und sein Wort verlassen kann.

Bienen Wie gehe ich nun mit der Wahrheit um, wenn es um mein eigenes Kind geht? Diese Frage weiß ich noch nicht zu beantworten, da mein Sohn noch zu jung ist, um Fragen zu stellen. Aber ich selbst habe mir diese Frage oft gestellt. Wenn das Kind beginnt, nach dem eigenen Ursprung zu fragen – werde ich ihm dann, in seinem zarten Alter, von Liebe und Sex erzählen? Oder weiche ich lieber auf Blumen und Bienen aus?

Wenn mein Kind nach dem Ursprung der Welt fragt – erzähle ich ihm dann von Urknall und Evolution, von Affen und Darwin? Oder eher von einem allmächtigen Gott, von sechs Schöpfungstagen, von Adam und Eva und dem Paradies? Und wenn unser Kind beginnt, an der Supermarktkasse die in Augenhöhe liegenden Süßigkeiten zu fordern – werde ich ihm dann einen Vortrag über Zucker, Karies und Diabetes halten? Oder sage ich, dass wir die Dinge beim nächsten Einkauf mitnehmen werden, in der Hoffnung, dass mein Sohn alles vergisst, sobald wir den Laden verlassen haben?

Ich denke, vieles hängt davon ab, wie wir Eltern die Welt verstehen – und von unserer Geduld, den Kindern die Welt so zu erklären, wie wir möchten, dass sie sie verstehen. Denn eines Tages müssen sie sich schließlich allein, ohne Eltern, in ihr zurechtfinden.

Der Autor ist rabbinischer Studienleiter des Ernst‐Ludwig‐Ehrlich‐Studienwerks ELES.

www.eles-studienwerk.de

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