Rezension

Kaleidoskop im Festtagsrhythmus

Von Rosch Haschana bis Schawuot Foto: PR

Rezension

Kaleidoskop im Festtagsrhythmus

Rabbinerin Dalia Marx lädt mit ihrem neuen Buch zu einer bunten Reise durch das jüdische Jahr ein

von Jérôme Lombard  23.12.2021 12:05 Uhr

Wenn sich ein Jahr dem Ende neigt und ein neues vor der Tür steht, ist vieles ungewiss: Werde ich im neuen Jahr diesen einen Job finden, der zu mir passt? Werde ich mich vielleicht neu verlieben? Wird die Corona-Pandemie endlich vorbei sein?

Nur die Zeit kann darauf Antworten geben. Was wir an jedem Rosch Haschana aber mit Sicherheit wissen: An Chanukka werden wir die acht Kerzen der Chanukkia entzünden und den Sieg der mutigen Makkabäer über ihre seleukidischen Besatzer feiern, an Purim werden wir uns bunt verkleiden und uns über Esthers schlaue List gegen den persischen Herrscher freuen, an Jom Kippur gehen wir in uns und vergeben den Menschen, denen wir in der Vergangenheit böse waren.

STRUKTUR Feste, Feier- und Gedenktage bilden den festen Rhythmus im jüdischen Jahres­kreis, der dem Leben der Menschen eine Struktur und ein Stück Gewissheit gibt – auf jahrhundertealte Traditionen und Bräuche ist auch in der heutigen Welt Verlass.

Dabei ist Tradition natürlich nicht gleich Tradition. Wie Schabbat und Feiertage gefeiert werden, hängt davon ab, wo man lebt, Fragen von »orthodox«, »liberal«, »religiös« und »säkular« spielen ebenso eine Rolle wie individuelle familiäre Bräuche, der Zeitgeist sowie Einflüsse aus der Umgebung.

Die israelische Rabbinerin Dalia Marx lädt mit ihrem soeben in deutscher Sprache erschienenen Buch Durch das Jüdische Jahr interessierte Leser ein, die Vielfalt des jüdischen Kalenders kennenzulernen und zu entdecken, wie unterschiedlich Jüdinnen und Juden den Jahreszyklus mit seinen wiederkehrenden Daten gestalten.
Dafür stellt die Professorin für Liturgie und Midrasch am Hebrew Union College in Jerusalem die zwölf Monate des jüdischen Kalenders in jeweils einem eigenen Kapitel vor – von Tischri bis Elul auf insgesamt mehr als 380 Seiten.

Die Autorin gibt Auskunft über Charakter, Geschichte, Feier- und Gedenktage eines jeden Monats, sie beschreibt weniger bekannte religiöse Traditionen, Gebete, Gedichte und Bräuche. Bei alledem geht Dalia Marx immer auch der Fragestellung nach, welche Bedeutung die Traditionen im modernen Leben des 21. Jahrhunderts spielen.

SÄKULARE JUDEN »Können säkulare Jüdinnen und Juden Schabbat, Fest- und Fastentage authentisch begehen, auch ohne überlieferte theologische oder halachische Aussagen zu bejahen? Sind die dabei gepflegten Traditionen allenfalls Nostalgie und Folklore, oder sind sie in der Lage, unser Lebensgefühl und unsere Überzeugungen aufzunehmen?« So formuliert es die Übersetzerin des Buches aus dem Hebräischen, Rabbinerin Ulrike Offenberg.

Dalia Marx stellt sich diesen Fragen, ohne – und das ist bestimmt kein Spoiler – eine abschließende Antwort zu geben. Vielmehr ist ihr Buch ein Appell für Vielfalt und die Akzeptanz unterschiedlicher, auch individueller Gestaltungsformen des jüdischen Jahreskreises.

Vermutlich auch wegen dieses offenen, zu weiteren Diskussionen anregenden Ansatzes wurde das Buch 2018 in seiner israelischen Erstauflage zu einem großen Erfolg. Durch das Jüdische Jahr will gerade kein rein enzyklopädisches Nachschlagewerk sein, obwohl es sich aufgrund der Detailfülle, des strukturierten Kapitelaufbaus Monat für Monat und der profunden Kenntnis der Autorin über den jüdischen Lunisolarkalender und seine Spezifika durchaus als solches eignet.

ERZÄHLSTIL Dalia Marx bietet aber noch mehr. Sie bietet trotz des stringenten Buchaufbaus einen wechselnden, nicht langweilig werdenden Erzählstil zwischen persönlich-anekdotisch und theologisch-akademisch.

Durch die Schilderung von aschkenasischen und sefardischen Perspektiven auf Traditionsgeschichte und Gegenwart wird das Buch zu einem Kaleidoskop von Ost und West, von Israel und der weltweiten Diaspora, von Freude und Trauer im Kalenderjahr, das zusammengefasst zu einem bunten Bild des großen Ganzen verschmilzt – und damit ein traditionsgeschichtliches Spiegelbild jüdischen Lebens an sich bietet.

»Vielfalt ist eine Grundbotschaft dieses Buches, ich mag Diversität und bin von ihrer Kraft überzeugt«, schreibt Autorin Dalia Marx. Ein schöner Satz, der sich auch gut als Vorsatz für das neue bürgerliche Jahr 2022 eignen könnte.

Dalia Marx: »Durch das Jüdische Jahr«. Mit Illustrationen von Elad Lifschitz/Studio Dov Abramson. Aus dem Hebräischen übersetzt und bearbeitet von Rabbinerin Ulrike Offenberg. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2021, 384 S., 32 €

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