Interview

»Jeder kann Kabbala lernen«

Herr Laitman, an wen richtet sich die Weisheit der Kabbala?
Sie gehört nicht nur den Juden, sondern der ganzen Welt. Diese Weisheit entstand im antiken Babylon. Dort herrschte damals ei-
ne große Krise, die der ähnelt, die wir heute erleben. Auch die einstige Zivilisation stand in einer globalen Verbindung, war von gegenseitigen Hass geprägt. Und einer der großen spirituellen Väter der Babylonier, Awraham, stellte fest, dass dies eine natürliche Entwicklung ist, um die Menschheit zu einer höheren Stufe zu bringen. Dass sie vom gegenseitigem Hass zur Verbindung miteinander gelangen müssen. Dies machte er öffentlich. Und, so steht es geschrieben, er verließ Babylon mit einigen tausend Menschen. Und aus dieser Gruppe entstand das sogenannte Volk Israel. Aber es ist kein Volk im eigentlichen Sinne, sondern eine Gruppe von Menschen, die sich aus ideologischen Gründen miteinander verbunden haben. Sie haben eine ganz einfache Mizwa auf sich genommen: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst.

Und was ist mit den anderen Mizwot?
Es gilt das Grundprinzip: Statt dem Ego zu dienen, soll die Verbindung miteinander erreicht werden. Damit haben sie damals die Krise bewältigt. Und, so haben alle Kabbalisten geschrieben, wird die Menschheit 3.700 Jahre später die gleiche Krise erleben, am Ende des 20. Jahrhunderts. Und tatsächlich sind wir in dieser globalen Krise. Wir sind voneinander abhängig, aber unser Ego erlaubt es nicht, uns miteinander zu verbinden. Und wieder offenbart die Weisheit der Kabbala die Möglichkeit, den Tikkun, die Korrektur, vorzunehmen. Dieser Tikkun ist ganz einfach: Vom Hass zur Liebe gelangen. Die 613 Mizwot haben mit den 613 Wünschen zu tun, die der Mensch in sich trägt. Diese sind alle egoistisch, sie müssen ins Gegenteil korrigiert werden. Nach Abschluss dieser Korrekturen gelangt man zur Nächstenliebe. Das ist die wahre Tora.

Es heißt, dass man erst die offenbarte Tora lernen soll, bevor man die verborgene Tora überhaupt verstehen kann. Ist das falsch?
Kabbalisten selbst haben die Menschen 3.700 Jahre lang von der Weisheit der Kabbala zurückgedrängt. Erst einmal musste sich der böse Trieb offenbaren. Aber schon im 16. Jahrhundert, sagen die Kabbalisten genau das Gegenteil. Man muss die Weisheit der Kabbala offenbaren.

Meinen Sie, dass die Kabbala ohne Mizwot funktioniert?
Die Kabbala spricht von der Korrektur der inneren Natur des Menschen. Die Einhaltung physischer Bräuche hat damit nichts zu tun. Sie haben keinen Zusammenhang mit der Korrektur der inneren Natur des Menschen. Vielleicht im Gegenteil? Wenn du die Mizwot einhältst, beruhigst du dich, dass du schon alles getan hast. Das Wichtigste ist die Korrektur des Innern. Meiner Meinung nach, und das entspricht der Weisheit der Kabbala, sind das alles Bräuche, das ist eine kulturelle Angelegenheit.

Sie meinen, die Mizwot seien nur jüdische Bräuche, und ungeachtet der Religionszugehörigkeit, kann jeder Kabbala lernen?
Jeder Goj kann die Weisheit der Kabbala lernen und ein großer Kabbalist werden. Er muss dazu keine äußerlichen Gebote einhalten. Schlussendlich wird die gesamte Menschheit zur Korrektur ihrer Natur gelangen. Und alle, auch das ist in den kabbalistischen Büchern geschrieben, können in ihrer Religion verbleiben. Denn Religion ist Kultur. Und sie hat absolut keinen Zusammenhang mit der inneren Korrektur. Ich persönlich halte die Mizwot ein. Denn sie sind die Bräuche und die Kultur meines Volkes, und ich will meinem Volk angehören. Aber ich habe Schüler, die Katholiken oder Muslime sind – das stört uns nicht. Warum auch? Sie können Schweinefleisch mit Sahnesauce essen, und die Kabbala verstehen. Das hat nichts mit unserem physischen Körper zu tun.

Wie kann jemand, der kein Hebräisch beherrscht und kaum Grundlagen der jüdischen Religion kennt, Kabbala lernen?
Wir haben mehr als zwei Millionen Schüler in fast 70 Ländern, wir arbeiten in 43 Sprachen. Meine Bücher sind in 17 Sprachen übersetzt worden. Ich denke, dass Herkunft oder Sprache absolut keinen Unterschied in der Aufnahme der Weisheit der Kabbala darstellen.

Ist »Bnei Baruch« ein Institut, eine Organisation oder eher eine Bewegung?
Das ist eine Akademie der Kabbala, es geht um universitäres Lernen. Unsere Angebote sind kostenlos für jedermann, das gesamte Material ist in allen Sprachen kostenlos. Man muss sich nicht registrieren. Und wir veranstalten solche Kongresse, wie in Berlin, auf der ganzen Welt. Sieben bis zehn pro Jahr. Und daran nehmen viele Araber, auch israelische Palästinenser teil. Sie sind für uns wie Brüder und Schwestern.

Wie finanziert sich Ihre Akademie?
Wir verkaufen nichts. Unsere Organisation bekommt keinen Cent von niemandem. Das ist unser Grundsatz. Auch wenn uns jemand eine Spende geben will, nehmen wir sie nicht an. Unsere Aktivitäten finanzieren sich ausschließlich aus dem »Maaser«, dem Zehnten, von jedem, der zu unserer Organisation gehört. Wer also bei uns richtig studiert, zahlt ein Zehntel seines Einkommens in die allgemeine Kasse.

Wie viele Beschäftigte hat »Bnei Baruch«?
Ich denke, es sind etwa 170. Aber dazu kommen noch Tausende, die freiwillig mitarbeiten. Wir unterhalten allein in Israel zwei Fernsehsender, mit 24 Stunden Programm täglich. Wir haben ein großes Studio, in dem viele Mitarbeiter das Video- und Audiomaterial verarbeiten. Über das Internet senden wir unsere Informationen, Vorträge und Lektionen in die ganze Welt.

Sie sind kein ordinierter Rabbiner, warum tragen Sie den Titel »Raw«?
Ich habe einen Doktortitel in Kabbala, bin Professor für Ontologie. Aber es stimmt, ich bin kein Raw, Rabbiner. Und ich bin auch nicht so glücklich darüber, dass man mich so bezeichnet. Aber was soll ich dagegen tun? Raw heißt übersetzt »Großer«, ist heutzutage doch eher ein Titel für diejenigen, die den Menschen erklären, wie Bräuche einzuhalten sind, die wissen, wie man etwas koscher macht. Es ist heute keine wirklich große Ehre, Raw genannt zu werden.

Was sagen Sie zur Kritik von Rabbinern, die meinen, dass Ihre Art, Kabbala zu vermitteln, nicht mit der wahren Lehre vereinbar ist?
Ich beschäftige mich schon seit 35 Jahren mit der Weisheit der Kabbala. Ich habe mein Wissen vom letzten großen Kabbalisten erhalten. Hinsichtlich der Kenntnis der Kabbala bin ich bereit, mit jedem Einzelnen zu sprechen. Bringen Sie mir 20 oder 30 von denen, und sagen Sie später, wer der Kabbalist ist. Ich glaube nicht, das Kritik an mir berechtigt ist. Unsere Aktivität ist dazu da, die gesamte Welt zu verbinden. Und das ist die Aufgabe des Volkes Israel. Und die Welt kann man nur verbinden, wenn man den Menschen keine Handlungen aufdrückt, wie die, die als Mizwot bezeichnet werden. In diesem Sinne sind wir tätig. Wir arbeiten auf einem ganz anderen Gebiet als die Rabbiner. Wenn ein gläubiger Jude zu uns kommt, der bei uns lernen möchte, nehmen wir ihn nicht an. Die Trennung ist klar.

Das Gespräch führte Detlef David Kauschke.

Michael Laitman ist 1946 in Vitebsk/Weißrussland geboren, lebt seit 1974 in Israel. 1980 begann er seine kabbalistischen Studien bei Rabbiner Baruch Ashlag. 1991 gründete er Bnei Baruch, das »Kabbalah Bildungs- und Forschungs zentrum«. Der Wissenschaftler (Professor der Ontologie, Diplom in biologischer medizinischer Kybernetik, Doktor der Philosophie und Kabbala) wird in einer Information seines Zentrums als »bedeutendste Authorität der authentischen Kabbala« bezeichnet.

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