Talmudisches

Im Schatten des Guten

Vorsicht! Auch positive Eigenschaften können zum Verhängnis werden. Foto: Getty Images/iStockphoto

Im Talmudtraktat Jevamot wird davon erzählt, dass König David gesagt habe: »Drei Eigenschaften hat diese Nation (Israel): Barmherzigkeit, Scham und Güte – wer diese drei Zeichen hat, kann sich ihnen anschließen« (79a). Diese Aussage steht im Kontext einer historischen Diskussion: Nach Mosches Tod nehmen die Kinder Israels Kanaan ein, dabei kommt es zu einem Friedensvertrag mit den Gibeonitern (Jehoschua 9). Jahrhunderte später kämpft König Schaul trotz des Friedensvertrags »in seinem Eifer für Israel und Juda« (2. Schmuel 21,2) gegen die Gibeoniter und tötet viele.

Nachdem David König von Israel wird, bricht eine Hungersnot aus, und David erfährt von G’tt, dass dies eine Folge des gebrochenen Friedensvertrags ist. Er versucht, die Gibeoniter zu besänftigen, und bietet ihnen als Zeichen der Versöhnung Geld an.

Die Gibeoniter verzichten und erklären: »Von dem Mann (Schaul), der uns zunichtegemacht hat und der uns vertilgen wollte, dass uns nichts bleibe in allen Landen Israels – von seinen Söhnen soll man uns sieben Männer geben, dass wir sie hinrichten« (2. Schmuel 21, 5–6). König David geht auf das Angebot ein, aber er erlässt ein Gesetz, das den Gibeo­nitern die Konversion zum Judentum verbietet.

KONTEXT In diesem Kontext wird das eingangs angeführte Talmudzitat gebracht: Wer sich der Nation Israels anschließen will, muss barmherzig, schamhaft und gütig sein. Da die Gibeoniter mit ihrer Forderung gezeigt haben, dass sie die Blutrache schätzen, wird ihnen der Weg ins Judentum versperrt.

Laut den Kommentatoren handelte es sich bei Schauls Krieg gegen die Gibeoniter um einen legitimen Verteidigungskrieg. Er hatte das Recht, sich gegen die kriegerische Bedrohung zu schützen. Deswegen ist auch niemand auf die Idee gekommen, direkt eine Versöhnung zu suchen. Erst durch die Hungersnot machte G’tt die Israeliten darauf aufmerksam, dass trotzdem eine (wenn auch geringe) Schuld auf den Israeliten lastet, denn die Kriegsführung war angesichts des Jahrhunderte zuvor geschlossenen Friedensvertrags zu brutal. G’tt wollte die Israeliten von jeglicher möglichen Schuldzuweisung reinigen.

Die Auslieferung der sieben Söhne ist nach dem jüdischen Gesetz eigentlich unzulässig. Wir haben nicht das Recht, Unschuldige auszuliefern, um dadurch eine Aussöhnung herbeizuführen. Laut dem Radak (1160–1235) handelt es sich hierbei um einen besonderen g’ttlichen Erlass, der über der Rechtsprechung steht, da G’tt alle Details im Universum kennt und entschieden hat, dass die Seelen der sieben Söhne Schauls diese Form der Reinigung durchlaufen müssen. Laut Rabbi Saadia Gaon (882–942) waren die sieben Söhne durch Verbrechen gegen die Gibeoniter schuldig geworden, und die Auslieferung war in diesem speziellen Fall zulässig.

GEFAHR Interessanterweise gibt es für jeden der Punkte in der talmudischen Aussage (Barmherzigkeit, Scham, Güte) eine zusätzliche Aussage, die auf die Gefahren der jeweiligen Eigenschaften eingeht. Es heißt im Midrasch: »Wer barmherzig mit den Unbarmherzigen ist, wird unbarmherzig mit den Barmherzigen.« Es heißt auch: »Der Schamhafte kann nicht lernen« (Pirkej Awot 2,5). Weil schamhafte Menschen nicht genug Fragen stellen. Und im 3. Buch Mose 20,17 wird die sexuelle Sünde als Güte (Chesed) bezeichnet – ein unkontrollierter Wunsch zu geben, der in Perversion ausartet.

Aus all dem sehen wir, dass auch positive Eigenschaften zum Verhängnis werden können. An anderen Stellen lehrt die Tora, dass negative Eigenschaften zu Ressourcen werden können. Durch das Gebet können wir unsere nationalen und persönlichen Eigenschaften mit G’ttes Hilfe zu Quellen des Lichts werden lassen, so wie es heißt: »Gedenke an Ihn in allen deinen Wegen, so wird Er deinen Weg gerade machen« (Mischle 3,6).

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