Nostalgie

Im Rückwärtsgang

Schulterblick: Nach hinten zu schauen, ist zweifelsohne wichtig. Doch darf man dabei den Blick nach vorn nicht verlieren. Foto: imago

Die deutsche Disco-Gruppe Boney M machte im Jahr 1978 mit ihrem Hit »Rivers of Babylon« den Psalm 137 der großen Allgemeinheit bekannt. Doch es war nicht Boney M, die den Hit geschrieben haben, und es war auch nicht ihr Produzent Frank Farian, sondern die Melodians, eine jamaikanische Reggae-Band. Und so erlangte der Klagepsalm Weltberühmtheit und wurde zum großen Hit seiner Zeit.

Da stellt sich die Frage, warum eine Reggae-Band ausgerechnet einen Psalm, der von der Vertreibung der Juden und der Zerstörung Jerusalems erzählt, als Liedtext auswählt. Für die Rastafari, eine Bewegung, die in den 30er-Jahren auf Jamaika entstand, spielte der Bezug zur Bibel eine wichtige Rolle: Sie übertrugen den 137. Psalm mit seinen Bildern von Trauer und Vertreibung auf die Nachfahren der verschleppten Sklaven.

Ersetzt man die Flüsse Babylons durch den Ozean, Zion durch Afrika und Babylon durch die Neue Welt, ergibt sich das gleiche Bild: Menschen, die in der Vertreibung um ihre verlorene Heimat trauern und sich nach ihr sehnen – ein Bild der Nostalgie.

fleischtöpfe Leider muss ich die Fans von Reggae und Rastafari enttäuschen. In unserem Wochenabschnitt Beha’alotcha werden weder Dreadlocks noch andere Attribute der Rastafari erwähnt. Vielmehr geht es um das Klagen der Israeliten. So berichtet bereits das 2. Buch Moses davon, wie die Juden über ihren Zustand klagten und sich zurück nach Ägypten sehnten, wo das Leben angeblich viel besser war, weil es dort Töpfe voller Fleisch gab.

Auch in diesem Wochenabschnitt klagt das Volk über die schlechte Ernährungssituation. Schon wieder wollen die Israeliten zurück nach Ägypten, weil dort angeblich alles besser war. Das Man, das der Ewige ihnen gibt, ist dem Volk zu einseitig; und so beginnt das große Klagen, das sich gegen Mosche und gegen den Ewigen richtet.

Der Schrei nach Fleisch und anderen Speisen ist ein Ausdruck dafür, dass das Volk mit seiner Situation nicht zufrieden ist und dass fundamentale Probleme und Fragen ungelöst blieben. Langeweile, mangelnde Herausforderung und die unangenehme nomadische Lebensweise waren die wirklichen Probleme, die das Volk belasteten.

Anstrengungen Die Generation der Sklaven war damit überfordert, ihre Freiheitsträume zu verwirklichen. Kurz, bevor sie ihr Ziel, das Gelobte Land, erreicht haben, überkommt sie der Wunsch, alles rückgängig zu machen. Sie wollen keine Herausforderung, keine Anstrengungen und vor allem keine Selbstständigkeit. Auf einmal scheint alles Schlimme und Erniedrigende, das sie in Ägypten erlebt haben, vergessen zu sein – ein Anfall von Nostalgie.

Nostalgie wird sehr oft mit der Emigration, dem Wechsel von Lebensort und -umständen in Verbindung gebracht. So kann man auch in diesem Wochenabschnitt von der Nostalgie sprechen, die die Israeliten empfinden. Es ist normal, dass Menschen sich nach der Vergangenheit sehnen – sofern sie schön war.

Aber Nostalgie ist auch destruktiv, denn sie ist nicht nur das Gefühl des Sehnens nach der Vergangenheit, sondern das Gefühl der Trauer um die Gegenwart, die ein Mensch nicht bereit ist, anzunehmen. Anstatt in der Gegenwart die Zukunft aufzubauen, fängt der Mensch an, in seiner Vergangenheit zu leben, und entzieht sich somit der Zukunft. Die Einstellung der Israeliten ist dieselbe, sie wollen nicht in der Gegenwart ihre Zukunft aufbauen und flüchten sich in die Fantasiewelt ihrer alten Heimat.

Dass dies auf Dauer keine Lösung ist und zu einer Katastrophe führt, sehen wir im Wochenabschnitt der nächsten Woche. Der Generation der Ausgewanderten wird mitgeteilt, dass sie das Land, das ihnen versprochen wurde, nicht betreten werden. Sie hängen derart stark an der Vergangenheit, dass sie sich damit ihre Zukunft verbauen.

Diskussionen Leider ist die biblische Geschichte von den klagenden und sich nach ihrer Heimat sehnenden Menschen auch heute sehr oft Realität. Ich führe immer wieder Diskussionen zu diesem Thema mit Menschen aus meiner Gemeinde und versuche, ihnen klarzumachen, dass die Zukunft nicht in der Vergangenheit liegt, sondern in der Gegenwart.

Man kann versuchen, das Gefühl der Nostalgie zu verarbeiten, wie zum Beispiel durch Musik oder Kunst, was die Autoren auch mit ihrem Psalm 137 versuchten, aber man darf nicht der Nostalgie verfallen und in ihr seine Zuflucht finden. Die schwere Strafe, die die Israeliten dafür erhielten, dass sie nicht in der Gegenwart ankommen wollten, wird heute keiner bekommen, aber die heutige Strafe ist das gestörte seelische Gleichgewicht und die verminderte Lebensqualität.

Der Wochenabschnitt lässt uns eine Lektion lernen: dass nämlich die Zukunft darin liegt, Gegenwart und Vergangenheit zu verknüpfen, um Neues aufzubauen. Denn wie steht es im Buch Kohelet: »Sprich nicht: ›Wie ist es gekommen, dass die früheren Tage besser waren als diese?‹ Denn nicht aus Weisheit fragst du danach« (7,10).

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

inhalt
Der Wochenabschnitt beginnt mit den Vorschriften für das Licht im Stiftszelt. Danach bringt er weitere Vorschriften für die Leviten. Außerdem wird ein zweites Pessachfest für diejenigen eingeführt, die es im Monat Nissan nicht feiern konnten. Ferner wird geschildert, wie am Tag eine Wolke und nachts eine Feuersäule die Anwesenheit des Ewigen am Stiftszelt anzeigen. Immer wenn die Wolke sich vom Stiftszelt entfernte, setzten auch die Kinder Israels ihren Zug fort.
4. Buch Moses 8,1 – 12,16

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