Körper und Seele

Im Gleichgewicht

Was die moderne Heilkunde vom alten kabbalistischen Wissen lernen kann

von Detlef David Kauschke  04.03.2010 00:00 Uhr

Immer die Balance halten, auch auf sandigem Untergrund. Foto: imago

Was die moderne Heilkunde vom alten kabbalistischen Wissen lernen kann

von Detlef David Kauschke  04.03.2010 00:00 Uhr

Wer krank ist, geht zum Arzt. Die meisten Patienten vertrauen eher auf Aspirin und Antibiotika als auf Gebet und Glauben. Wenige denken bei einer Erkrankung über Fragen der Balance und des Bewusstseins nach. Noch weniger werden das Licht als Quelle der Heilung anerkennen. Anders der Jerusalemer Rabbiner und Kabbalist Matityahu Glazerson. Er ist davon überzeugt, dass Krankheit Ausdruck von fehlender Balance ist, und dass Licht (hebr.: or) für die Gesundheit eine ganz wesentliche Rolle spielt. Glazerson verweist darauf, dass das deutsche Wort Heilung oder das englische Healing dem hebräischen »hilah« entsprechen, was sinngemäß »Schein« bedeutet. In seinem Buch Torah, Light and Healing schreibt er: »Heilung bedeutet, dass eine Person in einen Zustand zurückversetzt wird, in dem die g’ttliche Lebenskraft wieder scheint«.

Weiterhin verweist er zum Beispiel darauf, dass die Buchstaben des Namens des Frühlingsmonats Ijar die Abkürzung sind für »Ani Elohim Rofecha« (Ich bin Gott, dein Heiler). Der Monat Ijar ist der Monat, in dem die Sonne wieder ihre heilenden Strahlen wirken lässt und die »Erde von der Schwäche des kalten Winters heilt«.

perfektion Der Kranke heißt auf Hebräisch »choleh«. Dieses Wort erscheint fünfmal in der Tora. Die Zahl Fünf hat eine besondere Bedeutung, als Symbol für Perfektion, wie bei den fünf Büchern der Tora. Dass das Wort fünfmal in der Bibel erscheint, bedeutet nach Ansicht Glazersons, dass die Tora, also das göttliche Licht, die Krankheit beseitigen, Körper und Geist wieder in Perfektion überführen kann. Wodurch? Durch Freude. Wenn die hebräischen Buchstaben des Wortes fünf, »chamesch«, in anderer Reihenfolge angeordnet werden, ergibt sich das Wort »simcha«, was wiederum »Freude« bedeutet. So wie es in den »Sprüchen« (17,22) heißt: »Ein fröhliches Herz gibt gesundes Aussehen.«

Diese und andere uralte jüdische Weisheiten kehren in die moderne Heilkunde zurück. Unlängst bot die Jüdische Volkshochschule Berlin dazu einen Vortrag an. Ofir Touval, Diplom‐Psychologe, Heilpraktiker und Kinesiologe, und Dr. Ori Wolff, Chirurg und Orthopäde, sprachen dabei über »Altes Wissen und ganzheitliche Medizin«.

Spezialisten Wolff, der in Berlin eine Praxis für ganzheitliche Medizin betreibt, sagt, dass es »Wahrheit« gibt, die sich immer wieder durchsetzt. Dies gelte für die ayurvedische und die traditionell chinesische Medizin, wie auch für die Philosophie der Kabbala. Es sei das alte Wissen über die Zusammenhänge der Gesundheit von Geist und Körper. Selbstverständlich seien moderne medizinische Erkenntnisse wichtig, dennoch, so beklagt er, würden wir heute in einem »Zeitalter der Spezialisten« leben. Patienten, die von Facharzt zu Facharzt liefen, würden das am eigenen Leib erfahren.

Wolff benutzt ein altes indisches Bild, bei dem ein Elefant aus verschiedenen Perspektiven gesehen wird. Ein Betrachter sitzt dabei auf dem Hintern des Tieres und meint, er sehe einen Berg. Der andere sitzt zwischen den Beinen, und sieht eine Höhle. Der hinten am Schwanz sitzt, meint, dass er auf einen Zweig blickt. Ein anderer sitzt am Ohr, und denkt, es sei ein großes Blatt. Keiner sehe den Elefanten! Und so ähnlich verhalte es sich in der heutigen Diagnostik. »Wir brauchen Generalisten«, meint Wolff. Es sei gut, Fachärzte zurate ziehen zu können. »Doch nur mit Spezialisten geht es nicht mehr.«

Auch Ofir Touval fordert, dass nicht ausschließlich die Symptome, sondern vielmehr die Ursachen betrachtet werden müssen. Der Kernpunkt seiner Arbeit liege darin, die Wurzeln der Erkrankung zu erkennen. Der Patient müsse lernen, das Bewusstsein wieder ins Lot zu bringen. Das könne man mit Mitteln der Schulmedizin, Homöopathie und Physiotherapie unterstützen. Doch an erster Stelle stehe die Triasformation des Bewusstseins, dort seien die Antworten zu finden: »Letztendlich verstehen wir, dass alles im Kopf beginnt und endet.«

Glauben Und wenn Touval von Kopf und Bewusstsein spricht, dann kommt er auch schnell zum jüdischen Glauben. Er hat sich intensiv mit Talmud und Tora auseinandergesetzt und verschiedene kabbalistische Werke studiert. Er weiß, welche profunden medizinischen Kenntnisse bereits vor hunderten und tausenden Jahren vorhanden waren.

Touval verweist auf den Zohar, das bedeutendste kabbalistische Werk. Dort werde beispielsweise erläutert, dass in der Galle die harte und bittere Energie von Eifersucht und Missgunst sitze. »Wenn jemand zu sehr damit beschäftigt ist, zu schauen, was der andere hat, und er selbst nicht besitzt, führt das irgendwann einmal zu einer Erkrankung der Galle.« In kürzester Zeit könne dadurch auch das ganze System erkranken.

Dies ist Ausdruck von zwei grundlegenden Erkenntnissen: Erstens, dass alle Organe und Teile des Körpers miteinander verbunden sind, in diesem Fall die Galle mit der Leber oder dem Herz. Und zweitens, dass das Bewusstsein den Körper beeinflusst, hier im negativen Sinne. Dies könne bis zu genetischen Veränderungen gehen, meint Touval. »Depressive Menschen können mehr Probleme auf der Gen‐Ebene bekommen als Menschen, die glücklich ihr Leben leben.«

Freude Auch Touval betont also das Prinzip Freude. Entsprechend hat die chassidische Lehre die Freude, »Simcha«, zu einem Grundprinzip des Gottesdienstes erhoben. »Das hat viel mit Ekstase zu tun. Aber genau das ist die Energie, die am schnells‐ten eine Heilung vorantreiben kann«, erklärt Touval.
Schützt Lebensfreude also vor Krankheit? Ori Wolff findet diese Aussage zwar etwas verkürzt, aber auch er ist überzeugt: »Man muss Negatives vermeiden und sollte sich auf Positives konzentrieren. Man darf noch nicht einmal sagen: Ich vermeide jetzt das Negative. Unser Gehirn kapiert das nicht. Man muss einfach positiv denken.«

Dabei hilft das Vertrauen auf Gott: »Freude ist denen, die redlichen Herzens sind«, heißt es in den Psalmen (97,11).

Gesundheit heißt auf Hebräisch »briah«. In diesem Wort ist das »jira«, fürchten, enthalten. Es ist die Furcht vor dem Allmächtigen, die sich hier ausdrückt. So wie es König Salomon in den »Sprüchen« (10,27) formuliert hat: »Die Furcht vor dem Ewigen mehret die Tage.«

Einklang Ein langes Leben ist nur mit einer gesunden Natur zu erreichen. Und die setzt eine Balance voraus, bei der Körper und Seele im Einklang sein müssen. Die Gesundheit des einen setzt die des anderen voraus. Dies wird auch mit dem »Mische Berach«, dem Segen für die Kranken, deutlich. In diesem Gebet wird um »Refuat Hanefesch« und »Refuat Haguf« gebeten, also die Genesung des Geistes und die Genesung des Körpers. »Dabei ist es kein Zufall, dass der Geist oder die Seele zuerst erwähnt werden«, erläutert Ofir Touval. »Schon den alten Weisen war klar, dass richtige Heilung im Spirituellen und Geistigen beginnt, nicht im Körperlichen.«

Refuah ist die Heilung. Ordnet man die hebräischen Buchstaben nur anders an, entsteht das Wort »pe’er«, was wiederum Glanz oder Pracht bedeutet.

In der Kabbala heißt es, dass pe’er die spirituelle Quelle der Heilung ist. Heilung ist der Zustand, in dem die Elemente in Balance sind, was sich wiederum in strahlender Schönheit ausdrückt.

Pe’er besteht aus drei hebräischen Buchstaben: Pe, Alef, Resch. Das Alef, erklärt Rabbiner Glazerson, ist die Intelligenz. Pe und Resch zusammen sind »par«, was »Bulle« oder »Kraft« bedeutet. Wenn die Intelligenz (Alef) also in der Mitte des Wortes steht, ist die Balance hergestellt. Ist es nicht so, entsteht das Wort »perah«, was »Barbar« oder im übertragenen Sinne »wild« bedeutet. Das heißt, dass die kraftvolle Unkontrolliertheit zum Beispiel durch die schnelle Verbreitung von Viren, Bakterien oder kranken Zellen im Körper zur Erkrankung führt.

Und wie pe’er auf Balance und Ausgeglichenheit hinweist, deutet auch das Wort »schalem« auf diese Bedeutung hin. Dem kabbalistischen Werk Sefer Hajetzira zufolge steht der erste Buchstabe dieses Wortes »schin« für »esch«, also Feuer. Der dritte und letzte Buchstabe, das »mem«, steht wiederum für »majim«, Wasser. Zwei Gegensätze, die durch den mittleren Buchstaben »lamed« ausgeglichen werden. »Lamed« steht für »lew«, Herz.

Wenn jemand gesund werden will, sucht er Heilung. Er will heil, also ganz werden. Heil, ganz, vollkommen, heißt auf Hebräisch: schalem.

Gegensätze Die Heilung »refuah« hat übrigens einen Zahlenwert von 287. Dies entspricht den Werten von gut (»tow«), 17, und schlecht (»ra«), 270. Dies bedeutet, dass Heilung das Gute und Schlechte im Menschen ausgleicht und so zur Genesung führt.

Die Balance der Gegensätze ist für die Gesundheit des Menschen eine Grundvoraussetzung. Ori Wolff kann dies auch wissenschaftlich belegen, denn dieses Prinzip gelte ebenso in der Quantenphysik. Und für den Stoffwechsel, wo Säure und Base im Ausgleich sein müssen. Wie auch die Radikalen und Radikalfänger, wie die Zellteilung und Zellleistung. »Alles muss im Gleichgewicht sein, dann ist alles okay. Ist es nicht in Balance, gibt es Probleme«, so Wolff.

Und dieses Prinzip gelte auch in allen anderen Heilmethoden, die versuchen, dieses Gleichgewicht herzustellen. »Wir können es die linke und rechte Säule der Kabbala oder Ying und Yang nennen. Das spielt keine Rolle«, ergänzt Touval.

Doch schlussendlich ist Heilung ein Ausdruck göttlichen Willens. Selbstverständlich rät das Judentum zu ärztlicher Hilfe, und nicht zum bl0ßen Vertrauen auf »Hilfe von oben«. Dennoch ist, sagen die Rabbiner, die letztendliche Genesung eine göttliche Entscheidung.

So formuliert es auch Yaakov Gerlitz, Direktor der Jerusalemer Jewish Healing Foundation: »Heilung kommt von Haschem. Wenn ich eine Akupunktur vornehme, dann versuche ich nicht nur, den Körper zu harmonisieren und die Inbalance zu korrigieren. Vielmehr versuche ich auch, die Person mit Haschems göttlichem Willen zu verbinden.«

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