Wajera

Ideales Fundament

Zivilisationen, die auf Geist und Fürsorge ausgerichtet sind, gehen nie unter

von Rabbiner Yehuda Teichtal  22.10.2018 16:13 Uhr

Physische Kraft ist wichtig, aber auf lange Sicht gedeihen wir nur dann, wenn wir uns auf spirituellen und moralischen Idealen gründen. Foto: Getty Images / istock

Zivilisationen, die auf Geist und Fürsorge ausgerichtet sind, gehen nie unter

von Rabbiner Yehuda Teichtal  22.10.2018 16:13 Uhr

In unserem Wochenabschnitt wird von der ersten Barmizwa berichtet. Der Midrasch sagt, dass an dem Tag, an dem Jizchak 13 Jahre alt wurde, sein Vater ihm ein großes Festmahl bereitete. Awraham war ein einflussreicher Mann, deshalb gehörten zu den Gästen Edelmänner, Könige und Gelehrte. Einer von ihnen war Og, ein furchteinflößender Riese. Er zählte zu den gefürchtetsten Kriegern jener Zeit.

Während der Feier sagte Og, der kein Freund der Juden war: »Jizchak ist bloß ein kümmerlicher, kleiner Junge. Ich könnte ihn mit einem Finger zerdrücken. Dieses Kind ist bedeutungslos.« G’tt antwortete Og hierauf: »Ich schwöre, du wirst Tausende seiner Nachkommen sehen!«

Warum sagte Og dies bei Jizchaks Barmizwa zu einem der Gäste? Wen interessiert es, dass er das Kind zerdrücken könnte? Und überhaupt, warum droht man dem Geburtstagskind auf seiner Barmizwa‐Feier? Wenn man die Familie nicht mag, dann solle man gar nicht erst hingehen.

Schoa Viele Jahrhunderte später, am 7. Juni 1942, wurde in New York auch eine Barmizwa gefeiert. Es war eine dunkle Epoche in der jüdischen Geschichte. Wenige Monate zuvor hatte die Ermordung der Juden in Auschwitz begonnen, und im Januar war bei der Wannsee‐Konferenz die Organisation der »Endlösung« besprochen worden. Am Vorabend der Barmizwa, am 6. Juni, wurde das Krakauer Ghetto liquidiert. Nur wenige Wochen später, am 30. Juni, berichtete die »New York Times«, dass die Nazis bereits eine Million Juden ermordet hatten.

Welche Botschaft kann man einem Barmizwa‐Jungen in einer solchen Zeit mit auf den Weg geben? Rabbiner Menachem Mendel Schneerson, der Lubawitscher Rebbe, versuchte es mit einem Midrasch.

Bei Jizchaks Barmizwa fand eine große Debatte ihren Anfang, die Tausende von Jahren andauern sollte. Og war ein mächtiger Kriegsherr, der allein von seiner physischen Kraft lebte.
Awraham predigte eine andere Doktrin: Ein lebendiger moralischer G’tt war die Substanz der Zivilisation. Auch wenn die Menschen die Wahl hatten, zu zerstören und zu manipulieren, so war die Güte der ultimative Motor des Lebens.

Für Og, den absoluten Materialisten, war Awrahams Hingabe einem höheren moralischen System und einer unsichtbaren höheren Macht gegenüber lächerlich. Og war der Meinung, der Glaube sei nur etwas für Alte und Sterbende. Die Jugend hingegen brauche eine konkrete Botschaft, die ihre jungen Körper und ihre Vorstellungskraft anfeuern könne. Geht ins Fitnesss‐Studio, lernt zu kämpfen und zu siegen! Nur das könne den jungen Menschen Leidenschaft vermitteln.

Bei Jizchaks Barmizwa entbrannte eine riesige Debatte. Die Gäste wandten sich an Og und sagten: »Du, der stets behauptet hat, Awrahams Theologie könne die junge Generation nicht inspirieren, schau es dir an – wir sitzen hier bei der Barmizwa von Awrahams Sohn! Hier ist ein gut aussehender, aufgeweckter, starker, erfolgreicher junger Mann voller Hingabe für die Weltanschauung seines Vaters. Die Tradition wirkt anregend auf ihn, und die Ideale seines Vaters feuern ihn an.

Og blieb unbeeindruckt. »Ich kann dieses Kind mit meinem Finger zerdrücken!« Og war der Meinung, dass dieser Junge es nicht schaffen würde. »Jizchak ist ein Junge, der immer noch von seinem alten Vater beschützt und von dessen Erwartungen gestützt wird. Aber eines Tages, wenn er sich um sich selbst kümmern muss, dann wird mein Finger ihn zerdrücken. Dies ist keine Welt der Gnade, dies ist eine Welt der Macht – die Mächtigen besiegen die Schwachen.«

hoffnung Man muss zugeben – Macht übt einen gewissen Zauber auf uns Menschen aus. Ogs Meinung lässt sich scheinbar schwer ignorieren. Welchen Wert hätte der Glaube angesichts der ägyptischen und babylonischen Kriegsmaschinerie gehabt? Welche Hoffnung hätte der kleine Jizchak angesichts der überwältigenden Brutalität haben können? Was hätten all die Traditionen und die Schma Jisraels angesichts der griechischen und römischen Schlagkraft gebracht? Oder, welche Hoffnung kann es bei einer Barmizwa‐Feier im Jahr 1942 geben, wenn hilflose Menschen vom dämonischen Finger des Dritten Reichs zerdrückt und abgeschlachtet werden?

In diesem Moment erhebt G’tt Seine Stimme bei dieser Barmizwa: »Ich schwöre, du wirst Tausende seiner Nachkommen sehen.«
Ogs Macht war sehr groß, doch sein Finger, nicht einmal seine gesamte Macht, konnte das klitzekleine Volk Jizchaks zerdrücken, auch nicht während der Schoa, als Millionen Juden ermordet wurden. Der Same Jizchaks wird überleben und gedeihen. Am Jisrael Chai!

Geist Zivilisationen, die auf Macht aufgebaut sind, überdauern nicht. Jene hingegen, die auf der Fürsorge für die Machtlosen errichtet werden, sterben nie. Auf lange Sicht ist nicht allein die militärische oder ökonomische Kraft von Bedeutung, sondern die Art und Weise, wie wir die Flamme des menschlichen Geistes entfachen.

Dies gilt im Kollektiv für Völker, aber auch für Individuen. Physische Kraft ist wichtig, aber auf lange Sicht gedeihen wir nur dann, wenn wir uns auf spirituellen und moralischen Idealen gründen.

Das Judentum hat niemals den Wert materieller Kraft und physischer Macht gemieden. Doch ist ein spiritueller Kern das Fundament, auf dem die Muskeln unseres Körpers aufgebaut werden sollen. Der Glaube Awrahams ist nicht nur für das spirituelle Leben von Vorteil, auf lange Sicht ist er auch für ein Leben voller physischer Kraft nützlich.

Heute wende ich mich an alle Barmizwa‐Jungen und Batmizwa‐Mädchen und an alle jungen Frauen und Männer:
Vor 3700 Jahren veranstaltete Awraham ein großes Festmahl anlässlich der Barmizwa‐Feier seines Sohnes. Der Riese Og machte sich über die Veranstaltung lustig. Doch beinahe vier Jahrtausende später ist Og Geschichte – aber das Barmizwa‐Festmahl dauert bis zum heutigen Tag an. Lasst uns also die Fackel übernehmen, die Awraham Jizchak überreichte. Möge sie uns als Wegweiser durch das Leben dienen.

Denn es ist diese Fackel der Tora und der Jüdischkeit, die es uns ermöglicht, ein wundervoller Mensch zu sein und unser gesamtes Potenzial auszuschöpfen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.
inhalt

Paraschat Wajera
Der Wochenabschnitt erzählt davon, wie Awraham Besuch von drei g’ttlichen Boten bekommt. Sie teilen ihm mit, dass Sara einen Sohn zur Welt bringen wird. Awraham versucht, den Ewigen von seinem Plan abzubringen, die Städte Sodom und Amorra zu zerstören. Lot und seine beiden Töchter entgehen der Zerstörung, seine Frau jedoch erstarrt zu einer Salzsäule. Awimelech, der König von Gerar, nimmt Sara zur Frau, nach‐ dem Awraham behauptet hat, sie sei seine Schwester. Dem alten Ehepaar Awraham und Sara wird ein Sohn geboren: Jizchak. Hagar und ihr Sohn Jischmael werden fortgeschickt. Am Ende der Parascha prüft der Ewige Awraham: Er befiehlt ihm, Jizchak zu opfern.
1. Buch Mose 18,1 – 22,24

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