Redezeit

»Ich verliebte mich, als ich begann, den Talmud zu studieren«

Rabbinerin Sharon Brous über ihren Platz unter den Top-50-Rabbinern, Frauen in jüdischen Gemeinden und wie sie Pessach feiert

von Veronique Brüggemann  08.04.2012 11:28 Uhr

Rabbinerin Sharon Brous Foto: privat

Rabbinerin Sharon Brous über ihren Platz unter den Top-50-Rabbinern, Frauen in jüdischen Gemeinden und wie sie Pessach feiert

von Veronique Brüggemann  08.04.2012 11:28 Uhr

Frau Rabbinerin, in der vergangenen Woche sind Sie zur Nummer fünf der 50 einflussreichsten Rabbiner in den Vereinigten Staaten gewählt worden. Wie fühlt sich das an?
Es ist ermutigend zu sehen, dass innovative Formen jüdischen Lebens und jüdischer Gemeinde nicht nur Einzelne berühren, sondern auch helfen, einen Dialog darüber zu formen, was in der jüdischen Welt möglich ist. Es ist wirklich eine Ehre für unsere Gemeinde, auf diese Art anerkannt zu werden.

In dem Ranking werden die Plätze eins bis vier von Männern belegt. Wie ist es für Sie, in diesem von Männern dominierten Beruf zu arbeiten?
Ich bin froh, sagen zu können, dass ich in unserer Gemeinde nicht als weibliche Rabbinerin gesehen werde, sondern einfach nur als Rabbi. Zugleich erwarten unsere Mitglieder, dass ich alles von mir zur Arbeit bringe – und so lese ich die Tora und Rituale nicht nur durch die Linse eines Schülers, eines Lehrers, eines Seelsorgers und Predigers, sondern auch durch die einer Mutter, einer Tochter, einer Schwester. Offenkundig hat Judentum noch immer eine patriarchische Tradition, die eine Herausforderung für Frauen in Führungsrollen bleibt. Ich spüre täglich Untertöne von Patriarchat und sogar Frauenfeindlichkeit in der jüdischen Gemeinde. Entscheidungen und Wahrnehmungen der jüdischen Gemeinschaft sind zu oft von Angst getrieben. Dennoch sind in den letzten paar Jahrzehnten die Chancen für Rabbinerinnen und Gemeinde‐Leiterinnen beachtlich gewachsen.

Warum haben Sie sich entschieden, Rabbinerin zu werden?
Ich bin nicht religiös aufgewachsen und wusste nicht, dass es Aufgabe eines Rabbiners ist, den Menschen eine Vorstellung davon zu geben, was möglich ist: in unseren Häusern, unseren Gemeinden und der Welt. Ich hatte das Bedürfnis, für Würde, Gleichheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Aber irgendwann erkannte ich, dass die Leute, die ich am meisten bewunderte – die wahren Verteidiger von Zivilcourage –, Menschen waren, die durch ihren Glauben angetrieben wurden. Und das überzeugte mich, mein eigenes Judentum ernsthaft zu erkunden. Und zu meiner Überraschung verliebte ich mich, als ich begann, Talmud zu studieren und Schabbat zu erleben. Ich begann, den jüdischen Kalender als ein Gefäß für meinen Aktivismus zu betrachten und jüdische Theologie und religiöse Praktik als eine starke Motivation, die Gesellschaft und eine Welt zu bauen, in der ich eines Tages meine Kinder aufziehen wollte.

Sie sagten schon, Sie sind nicht religiös aufgewachsen. Trotzdem: Welche Rolle spielte jüdische Identität in Ihrer Kindheit und Jugend?
Ich war relativ säkular, aber mit einem starken Gefühl von jüdischer Identität. Für meine Familie waren jüdische Kultur und Geschichte wichtig, aber wir hatten keine kohärente rituelle Praxis oder tieferes Verständnis der Tora. Als ich begann, diese zu studieren, erkannte ich, dass ich als Jüdin praktisch Analphabetin war. Das Gute daran ist, dass ich die Gelegenheit hatte, die zentralen jüdischen Texte und Ideen zum ersten Mal als Erwachsene kennenzulernen. So begegnete ich den Texten nicht nur mit durchdringenden Fragen, sondern auch tiefer Ehrfurcht und Demut.

Was ist so innovativ an Ihrer noch sehr jungen Gemeinde »Ikar« in Los Angeles?
Es war unsere Vision, eine Gemeinde zu erschaffen, die ebenso viel Wert auf jüdische Lehre und rituelle Praxis einerseits und dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit und Veränderung andererseits legt. Eine Gemeinde, die respektiert, dass alle Teile des Selbst für die Suche nach Bedeutung und Bestimmung nötig sind. Unsere Gemeinde spricht viele Juden an, die sonst eher desinteressiert und entfremdet von konventionellen Ausdrücken des jüdischen Lebens sind. Insbesondere viele junge Leute suchen nach kreativeren und flexibleren Formen, ihr Judentum auszudrücken. Die meisten unserer Leute sind in ihren 20ern, 30ern und 40ern und waren vorher überhaupt nicht an jüdischem Leben beteiligt. Alle Aspekte unseres Gemeindelebens, von Schabbat und Feiertagen über unsere Programme für Soziale Gerechtigkeit bis hin zum Unterricht für Erwachsene und Kinder, greifen ineinander und drücken unsere Vision von ernsthafter Beschäftigung mit der jüdischen Tradition, tiefer persönlicher Bedeutung und einem wahrhaftigen Sinn für globale und gemeinschaftliche Verantwortung aus. Wir geben uns sehr viel Mühe, unseren Mitgliedern beim Ringen um die Frage, was es wirklich bedeutet, ein Jude und ein Bürger der Welt zu sein, zu helfen.

Warum schaffen es andere Gemeinden nicht, vor allem junge und religionsferne Menschen anzusprechen?
Damit jüdische Gemeinden und Organisationen – sowohl die alten und etablierten als auch die neuen und aufstrebenden – in der nächsten Generation gedeihen können, brauchen sie meiner Meinung nach drei Qualitäten: Authentizität, Kreativität und Zivilcourage.

Diese Woche ist Pessach, wie verbringen Sie den Feiertag?
Wir haben große, wunderschöne Seder, die die ganze Nacht dauern und zutiefst kreativ und bedeutungsvoll sind. Yetziat mitzrayim – der Exodus aus Ägypten – ist wahrlich die Kernerzählung des jüdischen Volkes, und Pessach erinnert uns daran, dass wir unsere Leben durch das Paradigma der Erlösung führen. Daraus können wir Hoffnung sogar in den dunkelsten Momenten schöpfen.

Mit der Rabbinerin sprach Veronique Brüggemann.

Rabbinerin Sharon Brous (38) hat an der Columbia University studiert und wurde 2001 ordiniert. Sie ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und lebt in Los Angeles.

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