Re’eh

»Ich, Anochi, der Ewige«

Wenn G’tt von sich spricht, verwendet die Tora gelegentlich das Wort »Anochi« statt »Ani«. Foto: Marco Limberg

Der Wochenabschnitt Re’eh berichtet von Segen und Fluch sowie von Geboten, die im Land Israel befolgt werden sollen, und er warnt vor Götzendienst.

Ich möchte allerdings auf ein einziges Wort in diesem Wochenabschnitt eingehen: ein Wort, das uns die Tiefe des Toratextes demonstrieren kann und tiefe philosophische Implikationen hat. Es geht um dasselbe Wort, das auch die Zehn Gebote einleitet. Es ist das zweite Wort in unserer Parascha.

Der Wochenabschnitt wird mit folgendem Vers eingeleitet: »Siehe, Ich (Anochi) lege euch heute den Segen vor und den Fluch« (5. Buch Mose 11,26).

Midrasch Das Wort »Anochi« wird hier anstatt des typischen »Ani« für das Wort »ich« verwendet.

Es ist merkwürdig, dass die hebräische Sprache zwei verschiedene Wörter für ein und denselben Begriff hat. Der Midrasch Jalkut Schimoni sagt daher, dass es sich beim hier benutzten Wort »Anochi« gar nicht um ein hebräisches, sondern um ein ägyptisches Wort handelt.

Noch interessanter wird es, wenn man in Betracht zieht, dass die Zehn Gebote von demselben ägyptischen Wort eingeleitet werden. G’tt beginnt seine persönliche Offenbarung an die gerade aus Ägypten ausgezogenen Israeliten und an alle darauffolgenden Generationen in der Sprache der ägyptischen Sklavenhalter.

zehn GEBOTE Der mittelalterliche Kommentator Raschi (1040–1105) schreibt, dass sich alle Gebote der Tora aus den Zehn Geboten herleiten. Rabbiner Jeschaja Horovitz (1558–1630) schreibt, dass die Zehn Gebote ihren Ursprung im ersten Gebot haben: »Ich (Anochi) bin Haschem, dein G’tt, der dich aus Ägypten, dem Ort deiner Sklaverei, herausgeführt hat« (2. Buch Mose 20,2).

Und das kabbalistische Werk Der Sohar offenbart uns, dass alle Gebote der Tora, einschließlich der Zehn Gebote, ihren Ursprung in dem ersten Wort der Zehn Gebote finden: und zwar im ägyptischen Wort »Anochi« und nicht im hebräischen »Ani«.

Der Lubawitscher Rebbe, Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), sieht in dieser Tatsache eine tiefe philosophische Botschaft: Er verwies darauf, dass Ägypten die Supermacht jener Epoche war, in der die Tora offenbart wurde. Die dortige Gesellschaft war zutiefst materialistisch eingestellt und aus jüdischer Sicht alles andere als spirituell. Die ägyptische Gesellschaft war im egozentrischen Teil des irdischen Daseins verwurzelt. Die brutale Versklavung der Israeliten ist dafür nur ein Indiz.

Genau deswegen müsse das wohl wichtigste Wort der Tora in der ägyptischen Sprache sein. Es soll uns lehren, dass die Tora auch ein Buch für die irdischsten und vermeintlich unspirituellen Situationen ist. Das Wort G’ttes hat die Fähigkeit, die dunkelsten Ecken mit Licht zu erfüllen und den Menschen zu verwandeln.

talmud Der Talmud (Traktat Schabbat 88b) erzählt von einer Diskussion, die Mosche mit den Engeln im Himmel geführt haben soll, als er die Tora empfing. Die Engel beschwerten sich bei G’tt und meinten, dass die Tora im Himmel besser aufgehoben sei als auf Erden.

Die jüdische Vorstellung von Engeln (Malachim) ist eine von spirituellen Wesen, die in alternativen Dimensionen verweilen und keinerlei Trieb zum Bösen besitzen. Ein Engel tut den Willen G’ttes und hat nicht die freie Wahl, sich dagegen zu entscheiden. Die Engel waren davon überzeugt, dass das Wort G’ttes bei solch erhabenen Wesen wie ihnen viel besser aufgehoben sei als bei Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen mit irdischen Begierden und Schwächen.

Doch Mosche erwidert: »Habt ihr die Tora gelesen? Es steht dort, man soll die Eltern ehren, und ihr Engel habt doch gar keine Eltern! Es steht dort geschrieben: ›Ich bin Haschem, dein G’tt, der dich aus Ägypten, dem Ort deiner Sklaverei, herausgeführt hat‹, und ihr wart nie in Ägypten versklavt!«

Mosches Argument ist klar. Es ist das irdische Leben, das den Menschen dazu befähigt und ihm die Würde gibt, die Tora zu empfangen.

Einheit In der spirituellen Welt ist G’ttes Existenz und Einheit klar und offenbar. Es gibt keinerlei Zweifel am Schöpfer. Nur hier in der physischen Welt existieren der Zweifel und die Verborgenheit des G’ttlichen.

Das hebräische Wort für »Welt« ist »Olam«. Dieses Wort ist eng verwandt mit den Wörtern »ne’elam« (verborgen) und »lehit’alem« (sich verbergen). Diese Welt gleicht der Verborgenheit. Sie verbirgt den Schöpfer, der sie erschaffen hat.

Die Kabbala baut diesen Gedanken weiter aus. Laut den Kabbalisten ist unser Universum das Ende einer Kette zahlreicher Welten, die die g’ttliche Existenz verbergen sollen.

Man stelle sich eine Lichtquelle vor. Jedes Objekt, das um diese Lichtquelle gespannt wird, führt dazu, dass das Licht gedimmt wird – bis es kaum mehr sichtbar und es gar nicht mehr klar ist, ob die Lichtquelle überhaupt noch leuchtet.

Die Lichtquelle symbolisiert die Essenz des Schöpfers. Das äußerste um die Quelle gespannte Objekt in dieser Metapher ist unsere Welt. Und das gedimmte Licht ist die subjektive Wahrnehmung des G’ttlichen im Diesseits.

Bestrafung Die Kabbalisten sehen in diesem Zustand keine Bestrafung, sondern eine erhabene Berufung. Der Mensch hat die Möglichkeit, die Mauern zu durchbrechen, also die Grenzen zwischen uns und der Lichtquelle, der g’ttlichen Essenz von Güte, Liebe, Licht und Wärme.

Weil der Mensch den freien Willen hat, kann er diese unterste und letzte Welt in der Kette der Welten zu einer perfekten Reflexion der Lichtquelle machen.

Um es mit den Worten des Alter Rebben (1745–1813) zu sagen: »G’tt wollte eine Wohnung in der untersten Welt (…), deswegen hat er die Tora gegeben« (Tanya Kap. 36).

Im Licht des Gesagten wird der Zusammenhang zwischen dem Wort »Anochi«, der talmudischen Quelle und der kabbalistischen und chassidischen Idee klar. Diese Welt mit all ihrem Chaos kann, soll und wird zu dem Ort werden, an dem die größte Dimmung des Lichts zur Einheit mit der Lichtquelle transformiert wird.

Genau deswegen hat Mosche sich gegen die Engel, die in einer der Lichtquelle näheren Welt verweilen, durchsetzen können. Und genau deswegen ist das erste Wort der Zehn Gebote ägyptisch und nicht hebräisch.

Wir sehen: Das Wort G’ttes ist für die Welt gedacht – eine Welt, die es zu transformieren gilt.

Der Autor studiert Sozialarbeit in Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Re’eh beginnt mit den Worten, die Mosche an das Volk richtet: »Siehe, Ich lege heute vor euch Segen und Fluch!« Den Segen erhalten die Bnei Israel, wenn sie auf die Gebote G’ttes hören. Der Fluch wird über sie kommen, wenn sie sich nicht entsprechend verhalten und sich fremden Götzen zuwenden. Bei den nachfolgenden Ritualgesetzen geht es um die Errichtung eines zentralen Heiligtums, um Schlachtopfer, die Entrichtung des Zehnten (Ma’aser) und um die Erfüllung von Gelübden (Neder). Dann folgen die Speisegesetze, und zum Schluss werden die Regeln für das Schabbatjahr beschrieben und die Feiertage Pessach, Schawuot und Sukkot sowie die damit verbundenen Vorschriften erwähnt.
5. Buch Mose 11,26 – 16,17

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