Sünde

Hoch hinaus

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Sünde

Hoch hinaus

Die Erbauer des Turms von Babel erhielten ihre Strafe: Sie wurden in alle Welt zerstreut und ihre Sprachen verwirrt

von Rabbiner Jaron Engelmayer  30.09.2013 21:51 Uhr

In christlich-jüdischen Studien wurden Schülern von Religionsklassen Texte mit G’ttesbezug aus dem sogenannten Alten Testament und dem christlichen Neuen Testament ohne Quellenangabe vorgelegt. Die Schüler hatten die Aufgabe, die ihnen unbekannten Texte den beiden Schriften zuzuordnen. Daraus ergab sich ein interessantes Bild: Den G’tt des »Alten Testaments« bringen die Schüler normalerweise mit Strenge und Strafe in Verbindung, während »der G’tt des Neuen Testaments« als nachsichtig, liebend und milde wahrgenommen wird. Nicht weniger interessant an dieser Studie war, dass die Zuordnung aufgrund dieser Einschätzung in der überwiegenden Mehrheit der Fälle falsch ausfiel!

Babylon In unserem Wochenabschnitt treffen wir G’tt jedoch tatsächlich gleich in zwei Begebenheiten als einen strafenden G’tt an: Die sündige Menschheit wird fast vollständig durch die Sintflut vernichtet, und wenige Generationen später werden die Erbauer des Turms von Babylon in alle Welt zerstreut und ihre Sprachen verwirrt. Seither sind Schüler mit Fächern wie Französisch oder Latein bestraft.

Wenn wir die Geschichte des Turmbaus genau lesen, müssen wir uns fragen: Wofür wurde die damalige Generation eigentlich bestraft? In der Tora heißt es nur: »Und sie sagten: ›Lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht, sodass wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht auf der ganzen Erde zerstreuen‹« (1. Buch Mose 11,4). Was erweckte den Zorn G’ttes in so starker Weise?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, ist es wichtig zu verstehen, was die Menschen mit dem Turmbau bezweckten, aber vor allem, welche Ziele sie damit nicht verfolgten. Als Noach die Arche nach der Sintflut verließ, schloss G’tt einen Bund mit ihm. G’ttes Versprechen bestand darin, keine Sintflut mehr über die Welt zu bringen. Und was musste der Mensch als Gegenleistung erbringen?

aufbau Die Anweisung G’ttes an den Menschen lautete angesichts der zerstörten Welt einleuchtend: »Seid fruchtbar, vermehret euch und füllet die Erde!« (1. Buch Mose 9,1 und 9,7). Die Aufgabe des Menschen nach der Sintflut lag also im Aufbau und Bestand der Welt.

Schon im ursprünglichen Sinne der Erschaffung der Welt und des Menschen war ihm von G’tt diese erhabene Aufgabe zugedacht. Die letzten Worte der Schöpfungsgeschichte sind uns aus dem Kiddusch am Freitagabend wohlbekannt: »ascher bara e-lokim la’asot« – »(G’tt ruhte von allen Werken,) die G’tt erschaffen hat, zu tun« (1. Buch Mose 2,3).

Das letzte Wort – »la’asot« (»zu tun«) – impliziert, dass das Werk in Wirklichkeit noch nicht vollendet war. Zwar war es vollkommen in seinem Potenzial, aber noch gilt es, dieses Potenzial zu verwirklichen, es »zu tun«. Diese Aufgabe fällt dem Menschen zu: »Und der Ewige, G’tt, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bearbeiten und zu bewahren« (2,15). Nochmals bekräftigt wird dieser Umstand beim Propheten Jeschajahu: »Denn also spricht der Ewige, Schöpfer des Himmels, Er ist G’tt, der die Erde gebildet und sie gemacht hat, Er hat sie eingerichtet, nicht umsonst (wörtlich: als Chaos) hat Er sie geschaffen, zur Bewohnung hat Er sie gebildet« (45,18).

Aus der letzten Formulierung entnehmen unsere Weisen nicht nur die Pflicht des Menschen, die Erde physisch zu bebauen, zu besiedeln und zu bewohnen, sondern auch, durch zahlreiche Nachkommen für ihre Besiedlung zu sorgen.

Schöpfung Das Kapitel 104 der Psalmen beschreibt im Detail den Aufbau der Welt durch deren Schöpfung. Von drei Mitteln spricht der Psalm, die G’tt dem Menschen zur Unterstützung im weiteren Aufbau der Welt zur Verfügung stellt: »Wein erfreut des Menschen Herz, dass das Gesicht von Öl aufleuchte, und Brot speist des Menschen Herz« (Tehillim 104,15).

Die drei Mittel sind also: »Brot zur Ernährung« – damit ist der physische Bestand der Welt angesprochen, alles, was zum Leben und Überleben in biologischer Hinsicht nötig ist. Das zweite: »Öl zur Beleuchtung« – Beleuchtung in den dunklen Abendstunden bedarf es vorwiegend zum Lesen und Lernen, womit die geistige Weiterentwicklung und Bildung gemeint ist. Und drittens: »Wein zur Freude« – Geselligkeit und Genuss sind ebenfalls wichtiger Bestandteil des Lebens.

Bildung Als Noach aus der Arche herauskam, beging er einen Irrtum: Er pflanzte als erstes Weinstöcke (1. Buch Mose 9, 20-21). Von den genannten drei Grundgütern und Mitteln zum Wiederaufbau der Erde wandte er sich zuerst dem Wein zu und sorgte sich um die Freude des Lebens, anstatt zuerst an den wichtigen Grundelementen des Lebens anzusetzen: Nahrung und Bildung.

Dies war ein schlechter Beginn für die »neue Menschheit« und fand wenige Generationen später beim Turmbau von Babylon seine Fortsetzung. Noch ist die Menschheit vereint und hat ungeahnte Möglichkeiten, aus dieser starken Einheit heraus große Ziele gemeinsam zu verfolgen – Ziele, die die Menschheit direkt ins Paradies auf Erden zurückführen könnten. Doch stattdessen wandten die Menschen ihre gemeinsame Kraft für den Bau eines Turmes auf und strebten ein anderes Ziel an: »Und sie sagten: ›Lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht, sodass wir uns einen Namen machen‹« (1. Buch Mose 11,4).

Wie viele Weltreiche gingen denselben Weg: Weil sie nach Ruhm strebten, nach Veränderung der Weltkarte, nach einem Platz in den Geschichtsbüchern, vergaßen sie die Basis, die wichtigen Dinge, die den Fortbestand des Volkes sichern, und damit bereiteten sie ihrer Kultur den unmittelbaren Untergang! Große Pläne und weltbewegende Kriege begleiteten diese großartigen Reiche, doch die Bevölkerung blieb dabei oft auf der Strecke.

Der Turmbau von Babylon gibt uns ein negatives Lehrbeispiel vor und zeigt, dass derlei Ansinnen für die g’ttlichen Pläne für die Menschheit nicht von Bestand sind. Der Bund mit Noach gab dem Menschen klare Prioritäten: nicht Ruhm und Ehre, sondern der Aufbau einer schönen Welt, durch allgemeine Sorge für Ernährung, Erziehung und Wohlstand – für alle!

Paraschat NOACH
Der Wochenabschnitt erzählt vom Beschluss des Ewigen, die Erde zu überfluten. Das Wasser soll alles Leben vernichten und nur Noach verschonen. Der soll eine Arche bauen, auf die er sich mit seiner Familie und einem Paar von jeder Tierart zurückziehen kann. So erwacht nach der Flut neues Leben. Der Ewige setzt einen Regenbogen in die Wolken als Symbol seines ersten Bundes mit den Menschen. Die beginnen, die Stadt Babel zu erbauen und errichten einen Turm, der in den Himmel reicht. Doch der Ewige vereitelt ihren Plan.
1. Buch Mose 6,9 – 11,32

Der Autor ist Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Köln.

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