München

Historisches Treffen

Zum Auftakt am Montagvormittag schien die Sonne, die bayerische Landeshauptstadt zeigte sich von ihrer besten Seite. Doch trotz des freundlichen Empfangs waren manche Teilnehmer mit gemischten Gefühlen zur Generalversammlung der Konferenz Europäischer Rabbiner nach München gekommen.

So zum Beispiel Yehonatan Rubin, Rabbiner des Nordkommandos der israelischen Armee. Als Enkel von Schoa-Überlebenden sei er sehr bewegt, erzählt er. »Ich habe mir nie vorgestellt, dass ich einmal nach Deutschland reisen würde.« Nun sei er doch mit dabei, in Uniform und mit dem Auftrag, sich mit anderen Militärrabbinern über die besonderen Aufgaben und Herausforderungen auszutauschen.

Auch Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt widmete sich der besonderen Vergangenheit Münchens. Der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER) erinnerte in seiner Begrüßungsrede an die Pogromnacht 1938, die in dieser Stadt geplant und zu der von hier aus aufgerufen wurde. »Heute, fast 100 Jahre später, sind wir hier und sagen: Es gibt jüdisches Leben und auch eine jüdische Zukunft in Deutschland.« Insofern sei die Tagung ein »wirklich historisches Ereignis«.

TEILNEHMER Mehr als 250 Rabbiner aus 43 Ländern nahmen an der 32. CER-Generalversammlung teil. Darunter Kollegen aus verschiedenen europäischen Gemeinden, aber auch aus außereuropäischen Ländern. So standen auf der Teilnehmerliste Gäste aus Monaco und Marokko, Gibraltar und Guatemala. Auch aus dem Iran war ein Rabbiner angereist und – das fand bei der Konferenz im Schatten des Krieges in Europa besondere Beachtung – auch sieben russische und fünf ukrainische Rabbiner.

Die dreitägige Generalversammlung stand unter dem Motto: »Rabbinische Führung in Zeiten von Pandemie und Krieg«. Neben der Diskussion aktueller und religionsrechtlicher Fragen diente die Konferenz dem Austausch.

Für Rabbiner Izak Peres aus Istanbul bot sich nach zwei Jahren Pandemie endlich einmal wieder Gelegenheit, seinen Kollegen nicht nur in Zoom oder per WhatsApp, sondern persönlich zu begegnen. »Das ist für mich und meine Arbeit sehr wichtig. Ich will wissen, was es Neues gibt in den anderen Gemeinden.« In München traf er unter anderem Rabbiner David Geballe aus Duisburg, beide kennen sich seit einigen Jahren. »Der Austausch ist gerade für uns jüngere Rabbiner von großer Bedeutung«, bestätigt er.

Markus Söder warb dafür, dass die Konferenz dauerhaft in München stattfinden soll.

Eigentlich sollte die Generalversammlung bereits im November 2021 stattfinden. Damals hatten sich die Organisatoren wegen der sich zuspitzenden Pandemielage dazu entschlossen, diese zu verschieben.
Nun konnte sie veranstaltet werden, und die bayerische Landesregierung würdigte dies entsprechend.

papstbesuche Der Beauftragte für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, Ludwig Spaenle, sagte der Jüdischen Allgemeinen: »Das ist vergleichbar mit den ganz großen Ereignissen, wie etwa dem Eucharistischen Weltkongress und den Papstbesuchen, wenn eine so zentrale und europaweite Veranstaltung einer Weltreligion hier stattfindet.«

Und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warb am Montag sogar dafür, dass die Konferenz dauerhaft in München stattfinden sollte. »Wir garantieren Ihnen Unterstützung, Freundschaft und große Unterstützung für jüdisches Leben.«

Söder sprach von der Notwendigkeit, »sich gegen Antisemitismus zu wenden und gleichzeitig jüdisches Leben zu fördern«. Jeder, der meine, mit antisemitischen Parolen in Bayern auftreten zu können, müsse die gesamte Härte und Konsequenz des Rechtsstaates erleben, so Söder. »Wir dulden keinen Antisemitismus. Und wir schützen jüdisches Leben in Bayern.«

FREIHEIT Zum Kampf gegen Antisemitismus rief auch Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt auf. Es gebe ein neues Europa, betonte er. Dieses habe verstanden, dass es vereint sein und für den Frieden einstehen müsse. »Wenn wir nicht vereint sind und für die Freiheit kämpfen, wird die Freiheit verschwinden«, sagte er.

Wenn es in Europa Platz für die jüdische Gemeinschaft geben solle, müsse sichergestellt sein, dass der Kampf gegen Antisemitismus fortgesetzt werde. Aber dies sei nicht genug. Vielmehr seien zur Sicherstellung der jüdischen Zukunft Garantien der Religionsfreiheit notwendig, die Freiheit für Juden, ihre religiöse und nationale Identität ausdrücken zu können.

Josef Schuster sprach über die jüdischen Gemeinden als Kultusgemeinden.

Der Frankfurter Gemeinderabbiner Avichai Apel sieht klare Zeichen dafür, dass in den vergangenen Jahren in Deutschland eine Veränderung zu erleben sei. Es gebe viel mehr Interesse am religiösen Judentum. Und dass sich die Konferenz Europäischer Rabbiner dazu entschieden hat, die Tagung in Deutschland abzuhalten, sei »ein Zeichen dafür, uns alle zu stärken«.

normalität Auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, wies darauf hin, wie lange es unvorstellbar gewesen sei, jegliches Treffen einer jüdischen Organisation in Deutschland abzuhalten. »Und wenn ich dann betrachte, mit welcher Normalität hier und heute Hunderte Vertreter des europäischen Judentums in dieser Stadt zusammenkommen, dann ist das historisch. Und das ist ein deutliches Zeichen, dass die jüdische Zukunft in Deutschland bereits begonnen hat.«

Knobloch erhielt am Montagabend eine besondere Ehrung: Sie wurde mit dem erstmals vergebenen »CER Presidential Award« für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Die Laudatio hielt Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner.

Er betonte, dass die Preisträgerin trotz der Erfahrung von Ausgrenzung, Hass und Verfolgung in Deutschland geblieben sei, um dafür zu kämpfen, dass jüdisches Leben hier eine Zukunft habe. »Es ist schwer vorstellbar, welche Kraft und welchen Mut es gekostet haben muss, sich dieser Aufgabe zu stellen«, so Döpfner.

RELIGIOSITÄT Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, gratulierte der Preisträgerin. In seiner Rede sprach er über die jüdischen Gemeinden, die keine Kultur-, sondern Kultusgemeinden seien. Und wenn die Religiosität in der Gemeinschaft gestärkt werden solle, brauche man dafür Rabbiner.

»Wir brauchen ihren Rat, ihre Weitsicht, aber auch ihre Gelassenheit«, sagte Schuster. Es stelle sich die Frage, wie stark die Religion und der Glaube noch das bindende Element unter Juden bilde. Die Säkularisierung schreite voran. »Ich denke, wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass die jüdische Gemeinschaft weder ihren Kern noch ihren Zusammenhang verliert.«

Um die Realität und Zukunft jüdischen Lebens ging es im Tagungsprogramm. Bei der Eröffnungssitzung begrüßte der Münchner Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman die Gäste mit dem Psalmenzitat: »Wie gut und wie angenehm ist es, wenn Brüder zusammen wohnen.«

diaspora Der sefardische Oberrabbiner Israels, Yitzhak Yosef, sprach über die rabbinische Führung in der Diaspora angesichts der aktuellen Lage, der aschkenasische Oberrabbiner David Lau widmete sich in seiner Rede den Herausforderungen der Corona-Pandemie.

Die Debatten der Generalversammlung wurden bestimmt von der Wahrung der Religionsfreiheit, der Bekämpfung von Antisemitismus und Extremismus, dem Schutz jüdischer Gemeinden sowie der Gestaltung des Gemeindelebens nach der Pandemie und in Zeiten des Krieges in der Ukraine. Entsprechend lautet der Untertitel der Generalversammlung: »Der Dienst an G’tt und der Gemeinschaft in einer neuen Realität«.

Die Tagung endete mit einem Gedenken an die Opfer der Schoa in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Oberrabbiner Goldschmidt gab bekannt, dass die Konferenz auch einen neuen »Code of Ethics« beschlossen habe. Er sei davon überzeugt, dass dieser Code die Konferenz in den kommenden Jahren leiten könne, sich selbst zu kontrollieren und das Verhalten stets in Einklang mit der Tora zu bringen.

SCHÜLER Am Montagvormittag standen Besuche von 15 Münchner Schulen auf dem Programm. Bei der Aktion unter dem Motto »Welcome a Rabbi« sollten Fragen von Schülerinnen und Schülern zum Judentum beantwortet werden. Der Frankfurter Gemeinderabbiner Julian-Chaim Soussan war zu Gast im Max-Josef-Stift, einem staatlichen Mädchengymnasium. Er stand den Schülerinnen Rede und Antwort, die unter anderem wissen wollten, ob es auch Rabbinerinnen gibt, wie die Religion zur Evolution steht und welche Herausforderungen das jüdische Leben im Alltag hat.

Die Tagung endete am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) mit einem Gedenken an die Opfer der Schoa in der KZ-Gedenkstätte Dachau.
Der britische Oberrabbiner Ephraim Mirvis sagte vor der Zeremonie im Gespräch mit dieser Zeitung, er sei mit sehr gemischten Gefühlen nach München gekommen.

Nun sei er sehr froh, dass die Rabbiner bei der Tagung die sie betreffenden Fragen diskutieren konnten. »Und wir konnten vor allem darüber sprechen, wie wir Juden vor allem in der Ukraine helfen können, in einer Art und Weise, wie Juden im Zweiten Weltkrieg nicht geholfen wurde.« In diesem Sinne könne man sehr zufrieden sein, dass man »an diesem speziellen Ort und in dieser besonderen Zeit« zusammenkommen konnte.

Schelach Lecha

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