Awinu Malkenu

Herrscher des Universums

Der ideale jüdische König besteigt seinen Thron in Zeiten des Wohlstands. In einer solchen Zeit des Friedens hat die Tora dem König eine einzigartige Rolle gegeben. Foto: Getty Images / istock

An Rosch Haschana bejubeln wir G’tt als unseren König: Awinu Malkenu. Doch sollte Israel auch einen weltlichen König haben? Ja, das steht in der Tora! Aber wa­rum brauchen Juden überhaupt einen weltlichen König? Vergleichen wir es mit dem Respekt vor den Eltern – der ist in der Tora nur vorgeschrieben, um die Eltern als Überbringer der Tradition zu stärken. Vater und Mutter sind also ein Medium, um zu Haschem zu kommen. Und auch ein irdischer König ist nur ein Wegweiser zu G’tt.

Was ist die Rolle eines Königs? Was ist das Geheimnis der Monarchie? Ein Mensch kann Millionen von Menschen viel bedeuten, nur weil er zu einer bestimmten Familie gehört oder einen edlen Namen hat. Welche Rechte und Pflichten haben Könige und Herrscher? Was denkt das Judentum über die Rolle des Königs, des Staates und der Staatsmacht? Und was hat das Ganze mit Rosch Haschana zu tun?

Souveränität Jüdisches Denken über Staat und Staatsmacht ist einzigartig. Der römisch-jüdische Historiker Flavius Josephus beschreibt es treffend: »Einige Völker legen die Souveränität in die Hände von einer einzigen Person (Monarchie), andere legen die Staatsmacht in die Hände einer kleinen Gruppe (Oligarchie), während andere die Souveränität in die Hände des Volkes legen (Demokratie).« Mosche, unser Lehrer, lehrte uns, keiner dieser Staatsformen zu vertrauen, sondern, die Regeln G’ttes zu befolgen: Er befahl der Menschheit, ihre Augen auf G’tt zu richten, »denn Er ist die Quelle alles Guten«.

Viele Menschen wollten in Josephus’ Beschreibung eine Form der Theokratie lesen. Dies ist jedoch nicht die typische jüdische Staatsform. Die Verwaltung des jüdischen Volkes liegt nicht in der Hand der Priesterklasse. Die ideale Staatsform ist eine wahre Theokratie, in der G’tt allein herrscht. Warum dann das Gebot der Tora, einen König zu ernennen, wie es heißt: »Wenn du in das Land kommst, das der Ewige, dein G’tt , dir geben wird, und du wirst (…) darin wohnen (…), dann wirst du über dich den König ernennen, der den Ewigen, deinen G’tt, wählen wird« (5. Buch Mose 17,14)?

Der Kontext zeigt, dass es nicht die Aufgabe eines jüdischen Königs als charismatischer Kriegsheld ist, das Volk gegen einen gemeinsamen Feind zu vereinen. Denn aus dem zitierten Vers geht hervor, dass ein jüdischer König nur gesucht werden musste, nachdem das Land Israel erobert und aufgeteilt worden war. Das Volk Israel brauchte aber keinen Kriegshelden, um das Land zu erobern. Schließlich hatte G’tt selbst den Israeliten eine schnelle Eroberung versprochen. Sicherheit, Wohlstand und Glück würde ihnen zuteilwerden als »natürliche« Folgen der Einhaltung der Gesetze der Tora, wie es im 5. Buch Mose 28, 1–14 beschrieben wird.

Thron Der ideale jüdische König besteigt seinen Thron in Zeiten des Wohlstands. In einer solchen Zeit des Friedens hat die Tora dem König eine einzigartige Rolle gegeben. Die Funktion des Königtums in Israel ist völlig anders als die des Königtums anderer Völker. In den meisten Fällen wird die Staatsgewalt auf negative Weise ausgeübt. Entweder muss der König oder der Staat die Bürger vor Invasio­nen schützen (Verteidigungsfunktion), oder der König beziehungsweise der Staat muss die Bürger voreinander schützen, was polizeiliche, administrative, legislative und gerichtliche Aufgaben (interne Beziehungen) beinhaltet.

Denn wenn es keinen Res­pekt für die Regierung gäbe, würde der eine den anderen lebendig verschlingen (Pirkej Awot 3,2).
Im Judentum ist das Königtum hauptsächlich positiv und spirituell orientiert. Als erster Bürger ist der König die Verkörperung der Tora und ihrer Ideale. Die Person des Königs und sein Lebensstil repräsentieren den Gedanken, dass die gesetzlichen Bestimmungen, Ideen und die Heiligkeit der Tora den Menschen veredeln und auf eine höhere Ebene heben.
Maimonides (1135–1204) schreibt über den König (Melachim 3,1): »Wenn der König auf seinem Thron sitzt, schreibt er eine oder zwei Torarollen.

Staatsgewalt Eine Tora legt er in seinen Schatzkammern ab, die andere Tora trägt er überall und immer mit sich, wie es heißt: ›Die Torarolle wird mit ihm sein, und er wird in ihr sein ganzes Leben lang lesen.‹« Als Träger einer nahezu unbegrenzten Staatsgewalt unterwirft er sich den Gesetzen der Tora, die er überall mit sich trägt, »um zu lernen, seinen G’tt zu fürchten, indem er alle Worte dieses Gesetzes und all dieser Institutionen beibehält, damit sein Herz nicht über seine Brüder steigt und er nicht vom Gebot nach rechts oder links abweicht, damit er lange Zeit König bleibt« (5. Buch Mose 17, 16–20).

Ziel des jüdischen Volkes ist es, die Ideale der Tora im weitesten Sinne des Wortes zu verbreiten. Es ist die Aufgabe eines jüdischen Königs, sich um das Studium und die Achtung der Tora zu kümmern. Der jüdische König steht nicht über dem Gesetz, im Gegenteil. Es ist seine Pflicht, Vorbild zu sein für ein akribisches und gewissenhaftes Tora-Leben. Die große Staatsmacht eines jüdischen Königs dient nur diesem Zweck. Er richtet sein Volk auf das himmlische Königreich aus. Das feiern wir an Rosch Haschana: G’tt als König des Universums.

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