Spiritualität

Hare Mischna

Sonnengruß im Wasser: Junge Israelis praktizieren Yoga in der Nähe des Strandes von Tel Aviv. Foto: Flash 90

In seinem Buch John Lennon and the Jews lässt der israelische Autor Zeev Maghen kein gutes Haar an der fernöstlichen Weisheit. So beschreibt er, wie er am Flughafen in Los Angeles Anhänger von Hare Krishna trifft, die natürlich alle Israelis seien. Sie hätten ihm eine Ausgabe der Ur-Yogischrift »Bhagavad Gita« angeboten, woraufhin er ein Exemplar des Tanach aus der Tasche zauberte und es ihnen mit folgenden Worten zeigte: »DAS ist euer Buch.« Sogleich holte Maghen zu einem Rundumschlag gegen die Träumer-Schnulze »Imagine« von John Lennon aus.

Dessen Ideen von universeller Liebe hätten rein gar nichts mit jüdischen Werten zu tun. »Liebe ohne Präferenz würde zu einer Liebesinflation« führen, schreibt er sinngemäß. Wer behauptet, alle zu lieben, liebe in Wirklichkeit niemanden. Mit der Textzeile »Nothing to kill or die for« rechnet er ebenfalls gnadenlos ab. Jemand, der für nichts zu sterben bereit sei, hätte auch nichts, für das es zu leben lohnt. Nichts könne Israelis, die stolz ihre zwei bis drei Jahre Wehrdienst leisten, ferner sein.

Und dennoch boomt seit vielen Jahren die Yoga-Industrie in Israel. Dabei beschränkt sich die Begeisterung keineswegs auf junge Rucksacktouristen, die nach ihrem Armeedienst durch Indien gereist waren. Mittlerweile kennen selbst Kindergartenkinder den »Sonnengruß« auswendig wie ihre Kinderreime. Es gibt pränatales Yoga, Vorschulyoga, Yoga am Arbeitsplatz und Yoga für Soldaten. Sogar die Jerusalemer Staatsanwaltschaft bietet ihren Mitarbeitern wöchentliche Yogasitzungen an.

SPIRITUALITÄT Das Alija-Programm »Birthright Israel« organisiert Jüdinnen und Juden in der Altersgruppe zwischen 21 und 32 Jahren Israel-Reisen unter dem Motto »Achtsamkeit und Spiritualität«. Während potenzielle Neueinwanderer früher entweder mit der Heiligkeit Jerusalems oder dem Nachtleben von Tel Aviv angelockt wurden, sind es jetzt Orte wie der Wüsten-Ashram »Bamidbar« im Negev.

Den »Sonnengruß« kennen selbst Kindergartenkinder auswendig.

Wer eher mit dem Bild des ungeduldigen und ruppigen Sabra vertraut ist, kann sich eigentlich nur schwer vorstellen, dass der durchschnittliche Israeli Yoga oder Meditation durchaus zu genießen vermag. Oder ist es die Sehnsucht nach Entschleunigung in einer Gesellschaft, der dieses Wort unbekannt ist, die sie motiviert? Interessanterweise lauten die beliebtesten Yogastile in Israel Ashtanga und Iyengar, die relativ orthodox sind, strikte Vorgaben kennen und wenig Spielräume für Spontanität zulassen. In den vergangenen Jahren verzeichnet das eher anspruchsvolle Acroyoga Zulauf, während das sanftere, und in den Vereinigten Staaten boomende Yin Yoga es wesentlich schwerer hat, in Israel Fuß zu fassen.

ERLAUBNIS Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Bevorzugung der jüdischen sowie der yogischen Orthodoxie in Israel, während in den USA die jeweils weicheren Varianten vorherrschend sind? Der berühmte Rabbiner Yitzhak Ginsburg weist alle möglichen Zusammenhänge strikt zurück und erklärt Yoga zu Götzendienst.

Auch Gutman Locks, der sogenannte »Guru Gil«, ein zur Ultraorthodoxie konvertierter ehemaliger Yogalehrer, meint, dass Haltungen wie der »Sonnengruß« genau die Art von Gestirnverehrung seien, die Abraham hinter sich ließ, als er aus Ur auszog. Die Einflüsse des hinduistischen Polytheismus auf Yoga würden Juden spirituell verunreinigen, so seine These.

Ausgerechnet der Lubawitscher Rebbe, alles andere als ein Reformrabbiner, sah dies dagegen völlig anders. Yoga könne durchaus koscher sein, wenn das Ganze in einem neutralen Raum stattfände. Für die mentalen sowie körperlichen Vorteile einer Yogapraxis gab er seinen Anhängern ausdrücklich die Heter, also eine Erlaubnis. Und in Beit Schemesch betreiben Avraham und Rachel Kolberg ein »koscheres« Yogastudio für eine überwiegend orthodoxe Klientel.

Während Judentum und Yoga in Israel auf ihre Weise streng praktiziert werden, sind Mischformen mit Anteilen aus beiden eher eine Angelegenheit, die in der Diaspora stattfindet. Der in Los Angeles lebende Marcus Freed, Gründer des Jewish Yoga Networks, ist Autor gleich mehrerer Bücher, die Judentum und Yoga ausdrücklich zusammenführen.

GEBET Das jüdische Gebet würde den Geist stärken, vernachlässige aber oft den Körper, so Freeds These. Zu viel Kopf, zu wenig Bewegung also – dabei sei das Judentum ursprünglich etwas Körperliches. Jakob habe doch mit Gott gerungen, und der Tempeldienst sei wesentlich physischer gewesen als im nachfolgenden rabbinischen Judentum, abgesehen natürlich von den Wippbewegungen beim Beten.

Marcus Freed chantet zum Abschluss immer ein fröhliches »SchalOMMM«.

Und so chantet Freed zum Abschluss seiner Sessions ein fröhliches »SchalOMMM« und bietet über seinen Newsletter zu allen Feiertagen die passenden Haltungen an. Zu Rosch Haschana empfiehlt er Atemübungen und Rückbeugen, die das Herz öffnen sollen. Zu Jom Kippur könne man es bei dem 25-stündigen Fasten belassen und müsse es nur durch eine lange Standmeditation in der Berghaltung anreichern. An Sukkot reichen Sonnengrüße sowie das Durchschütteln und Springen. Zu Chanukka gibt es, ganz im Andenken an die Makkabäer, die Kriegerhaltungen. Und an Pessach Balanceübungen und vermutlich als Erinnerung an die Wüste die Pyramide- und Kamelhaltung.

Während den jüdischen Yogis in der Diaspora offenbar ein etwas hipperes Judentum vorschwebt, findet das größte Yoga­festival der Welt seit 13 Jahren in Israel statt. Vom 3. bis zum 5. November lädt Arava-Yoga wieder in den Negev ein. Seit 2009 reisen Yogis aus aller Welt an, um vor einer biblischen Kulisse gemeinsam zu praktizieren.

Eine Verbindung zum Judentum hat das Festival nicht wirklich. Laut der Programmmanagerin beschäftige sich Yoga mit der Entdeckung des spirituellen Selbst. Ob das Selbst nun jüdisch ist oder nicht, sei egal.

Ki Tissa

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