Chimären

Halb Mensch, halb Pferd

Ein Zentaur ist ein mythologischer Pferdmensch: halb Homo sapiens (Mensch), halb Pferd. Foto: Getty Images / iStock

Heutzutage beschränkt sich die Medizin nicht mehr auf die Bekämpfung von Krankheiten und auf das vorbeugende gesunde Verhalten. Die medizinische Wissenschaft bestimmt derzeit die Prozesse des Lebens selbst. Diese Entwicklung hat zu einer Vielzahl ethischer Fragen geführt, die nicht mehr mithilfe menschlicher Standards beantwortet werden können. Wie etwa: Wo beginnt und wo endet das Leben?

Ein japanischer Wissenschaftler darf als Erster weltweit Chimären produzieren und in einem Muttertier heranwachsen lassen. In der griechischen Mythologie war die Chimäre ein Monster, das aus verschiedenen Tieren bestand. Jetzt wird es im Labor zur medizinischen Realität – aber eher wie ein Zentaur, ein mythologischer Pferdmensch, halb Homo sapiens (Mensch), halb Pferd.

Warteliste Tierische Embryonen werden jetzt mit menschlichen Zellen ausgestattet und implantiert. Ziel ist es, menschliche Organe zu Transplantationszwecken wachsen zu lassen. Die Warteliste für Spenderorgane wird damit kleiner. Die Forschungsgruppe von Hiromitsu Nakauchi (Universität Tokio und Stanford-Universität) testete diese Methode zunächst an Mäusen und Ratten.

Was sagen unsere jüdischen Weisen über diese Erschaffung eines Menschtieres und über das Basteln an Genen? Heiligt der Zweck alle Mittel? Nicht alle, aber ziemlich viele. Denn im Judentum steht das Leben an erster Stelle.

Die Idee einer Kombination von Mensch und Tier ist so alt wie das Judentum selbst, das den Menschen als paradoxe Kombination spiritueller und tierischer Komponenten sieht. Die Verschmelzung von Körper und Geist, die als Gegensätze wahrgenommen werden, bekräftigt das Besondere des Menschseins.

Organe künstlich zu kreieren, um Menschenleben zu retten, ist eine Mizwa.

Einerseits bestehen wir aus materiellen Aspekten, genauso wie sie in Pflanzen und Tieren vorhanden sind – unsere Körperlichkeit und unsere niederen Triebe (»tierischer Geist«) –, während wir andererseits durch unsere Seele (Neschomme) zu den erhabensten Welten gehören.

Engel Infolgedessen bildet der Mensch die einzig mögliche Verbindung zwischen Materie und Geist. »In dreierlei Hinsicht gleicht der Mensch einem Engel: Er hat Verstand wie ein Engel, geht aufrecht und kann reden wie ein Engel.

In dreierlei Hinsicht ähnelt der Mensch aber auch einem Tier: Er isst und trinkt wie ein Tier, pflanzt sich fort und scheidet die unbrauchbaren Bestandteile seiner Nahrung wie ein Tier aus« (Babylonischer Talmud, Chagiga 16a).

Aber der Mensch ist ein Geschöpf G’ttes. Dürfen wir uns auf G’ttes Thron setzen und nach Belieben Organe erschaffen? Im Judentum ist jeder Moment des Lebens wichtig. Wenn wir Organe kreieren können, um Menschenleben zu retten, ist dies nicht nur erlaubt, sondern sogar eine Mizwa (Gebot). Im Gegensatz zu anderen Religionen kennen wir keine Naturrechtsdoktrin, die ein widernatürliches Eingreifen verbieten würde.

Zellen Das Verbot, zwei Arten zu kreuzen, gilt nur für die Paarung von zwei Tieren, nicht für die Vermischung von Zellen. Und selbst wenn dies verboten wäre, müsste dieses Verbot weichen, um Menschen zu retten. G’tt hat uns in der Tora angewiesen, heilend zu handeln (2. Buch Mose 21,19).

Genetische Manipulation ist eine (präventive) Form des medizinischen Handelns, es ist ein biblisches Gebot, das die Schöpfung nicht verletzt, sondern nur als ihre notwendige Kurskorrektur gesehen werden muss.

Werden aber nicht menschliche Zellen zerstört, die potenziell zu einem Menschen werden könnten? Man muss natürlich menschliche Zellen auf eine koschere Weise dem menschlichen Spender entnehmen. Das ist im Prinzip nicht schwierig.

Aber darf man damit zu therapeutischen Zwecken experimentieren? Ist dieses menschliche Potenzial nicht geschützt? Nein. Aus dem 1. Buch Mose 9,6 leitet Rabbi Jischma’el im Talmud (Sanhedrin 57b) das Abtreibungsverbot ab: »Wer das Blut eines Menschen in einem Menschen (Embryo) vergießt, sein Blut soll vergossen werden.« Der Schutz des Lebens wird vom Aufenthalt in einem menschlichen Mutterleib abhängig gemacht.

Pfropfen Nachmanides (1194–1270) beschäftigt sich mit dem Verbot der Kreuzung von Tieren und Pflanzen (3. Buch Mose 19,19): »Wer zwei Arten kreuzt oder durch das Pfropfen veredelt, verändert die Schöpfung. Er deutet an, dass die Schöpfung unvollkommen wäre. Darüber hinaus vermehren sich die gekreuzten Tiere nicht.

Bei der Kreuzung entsteht eine Veränderung der Anlage und der äußeren Form, eine unerwünschte Vermischung verschiedener Lebensformen.« Aber Hiromitsu Nakauchi will nur die ursprüngliche menschliche Perfektion mit neuen Organen wiederherstellen. Er verändert nichts.

Kreuzung nur zum Zweck der Veredelung gilt als unerlaubte Veränderung der Schöpfung.

Es liegt jedoch eine gesellschaftliche Gefahr in der Entwicklung und Perfektionierung von Methoden zur Veränderung von Zellmaterial.

Szenario Der Thriller The Boys from Brazil über das Klonen von Menschen aus den Genen Adolf Hitlers etwa ist ein Weltuntergangsszenario, das niemals Realität werden darf.

Der Mensch hat die chemischen Codes des Lebens »geknackt«. Somit wurden die ersten Schritte in Richtung einer Revolu-tion unternommen, die die Biotechnologie als Schlüsselwort hat.

Propheten des Fortschritts, die ein Zukunftsbild von bahnbrechenden wissenschaftlichen Entwicklungen skizzieren, bringen regelmäßig die Gemüter in Aufruhr. Natürlich muss der Missbrauch der Gentechnik durch Sicherheitsgarantien reguliert werden.

Aber der Körper ist das Instrument, mit dem die Seele ihre segnende Wirkung in dieser irdischen Realität ausüben kann. Ein kranker Körper stört bei der Ausübung dieser Seelenaufgabe. Daher ehrt die Tora die Wiederherstellung der Gesundheit als großes Gut.

Der Autor ist Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Dajan beim Europäischen Beit Din und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Klang

Ewiges Nachhallen

Warum die Israeliten in die Stille der Wüste ziehen mussten, um das Wichtigste zu hören

von Rabbiner Jaron Engelmayer  17.05.2026

Pro & Contra

Ist die traditionelle jüdische Familie passé?

Ja, sagt Rabbiner Alexander Grodensky: »Die traditionelle Familie ist heute eine Illusion.« Nein, meint Daniela Fabian: »Eine Familie zu gründen, hat Zukunft, weil sie Leben in die Welt bringt«

von Rabbiner Alexander Grodensky, Daniela Fabian  17.05.2026

Talmudisches

Jüdische Longevity

Was unsere Weisen über gutes Altern lehrten

von Detlef David Kauschke  15.05.2026

Bamidbar

Die Kraft der Stämme Israels

Das jüdische Volk strebt dem Frieden nach – ist dafür aber auch bereit zu kämpfen

von Yonatan Amrani  15.05.2026

Interview

»Musik ist die Sprache, die die Seele versteht«

Jüdische Melodien begleiten Rabbiner Daniel Fabian schon sein Leben lang. Heute helfen sie ihm, das Judentum erfahrbar zu machen

von Mascha Malburg  15.05.2026

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026