Balak

Habgier, Wut, Verblendung

»Der Prophet Bileam und die Eselin«, Rembrandt van Rijn, 1626 (Öl auf Holz) Foto: picture alliance / akg-images

Balak

Habgier, Wut, Verblendung

Bileam war mit der Gabe der Prophetie gesegnet – aber er benutzte sie, um Böses zu tun

von Rabbiner Boris Ronis  25.06.2021 12:39 Uhr

Talent ist etwas, das uns in die Wiege gelegt wird. Mancher ist mehr damit gesegnet, ein anderer weniger. Oft begegnen wir Menschen, die gewisse Talente haben – und manchmal hört man: Derjenige oder diejenige seien so talentiert, aber sie nutzen ihre Gabe nicht. Viele Menschen kennen in ihrem Bekannten- oder Verwandtenkreis jemanden, der wirklich viel erreichen könnte mit dem, was ihm in die Wiege gelegt wurde, der sein Leben aber vollkommen verpfuscht hat.

Bileam scheint eine dieser Personen zu sein. Er benutzte sein Talent, prophetisch zu wirken, um Böses zu tun, und versuchte, das Volk Israel zu verfluchen.

ZUGANG Einige rabbinische Auslegungen erklären, dass es keinen größeren Propheten als Mosche gegeben hat, und stellen fest, dass Hiob und Bileam Propheten außerhalb Israels waren. Denn der Ewige hat auch anderen Völkern Zugang zum Göttlichen gewährt, nicht nur den Kindern Israels.

Doch im Gegensatz zu Mosche, von dem wir wissen, dass er direkt mit Gott gesprochen hat, war Bileam ein Prophet, der sich Gott widersetzte.
Die Tora beschreibt uns die Ausgangssituation: Bileam wurde von König Balak beauftragt, Israel zu verfluchen – doch dies war gegen den Willen des Ewigen. Und so kommt es, dass er Israel nicht verflucht, sondern durch Gottes Einfluss Israel sogar segnet. Interessant ist, wie er sich Gott gegenüber zu widersetzen vermag. Er scheint sehr stur vorzugehen und verschließt seine Augen und Ohren vor dem Ewigen, nur wegen der Entlohnung, die er von König Balak erhalten möchte.

Vielleicht ist er ein gutes Beispiel für uns, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Menschen in unserem Bekannten- oder Verwandtenkreis, die genau wie Bileam begabt sind, sich verschließen und jeglichen Rat abwehren.

MITTLER Ein Prophet ist ein Mittler zwischen Gott und den Menschen. Er empfängt nicht einfach die Offenbarung und gibt sie weiter, sondern unmittelbar aus ihm tönt die Stimme Gottes, unmittelbar aus ihm spricht Gott. Darum ist Bileams Verweigerung Gott gegenüber deutlich an der Reaktion eines Tieres zu sehen – eines Esels.

Und so lesen wir in der Tora: »Doch der Zorn Gottes entbrannte, dass er (Bileam) so entschlossen zur Reise war, und ein Engel des Ewigen stellte sich in den Weg, um ihm hinderlich zu sein. Er aber ritt auf seiner Eselin, und seine beiden Knechte ritten neben ihm her. Da erblickte der Esel den Engel des Ewigen, der im Weg stand mit gezogenem Schwert in der Hand, wich von der Straße ab und ging aufs Feld. Doch Bileam schlug die Eselin, damit sie wieder auf die Straße käme.

Da stellte sich der Engel des Ewigen in eine Gasse zwischen den Weinbergen, die auf beiden Seiten eingezäunt waren. Und da die Eselin den Engel des Ewigen sah, drückte sie sich an die Mauer und klemmte Bileams Fuß ein.

Da schlug er sie erneut. Abermals rückte der Engel des Ewigen vor und stellte sich an eine Stelle, die so eng war, dass kein Platz war, um rechts oder links auszuweichen.

Engel Als nun die Eselin den Engel des Ewigen sah, legte sie sich vor Bileam nieder. Und Bileam war zornig und schlug sie mit seinem Stock. Da tat der Ewige der Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam: ›Was habe ich dir getan, dass du mich nun dreimal geschlagen hast?‹ Bileam sprach zu der Eselin: ›Du hast mich zum Gespött gemacht! Wenn ich ein Schwert bei mir hätte, würde ich dich töten.‹

Der Esel sagte zu Bileam: ›Siehe, ich bin der Esel, auf dem du die ganze Zeit bis zu diesem Tag geritten bist! Habe ich dir so etwas schon einmal angetan?‹ Und er antwortete: ›Nein.‹ Da deckte der Ewige Bileam die Augen auf, und er sah den Engel des Herrn auf dem Weg stehen, sein gezücktes Schwert in der Hand. Da warf er sich zu Boden« (4. Buch Mose 22, 22–31).

Eine Eselin, die ihren Mund öffnet, um ihren Herrn zurechtzuweisen, ist ein Wunder – ein Wunder, durch das Bileam als Prophet bloßgestellt wird.
Gott zeigt ihm in diesem Augenblick, dass er der Prophetie nicht würdig ist und dass statt seiner eine Eselin der bessere Prophet ist. Er, der große und stolze Mensch, ist unfähig zu sehen – doch das vermeintlich »dumme Tier«, auf dem er reitet, ist dazu in der Lage. Die Eselin sieht also, und der Prophet ist blind. Somit wird klar, dass Bileam tief gefallen ist. Sein Talent, als Prophet zu sprechen, hat er verwirkt – und das nur durch blinde Wut und Habgier.

In den rabbinischen Diskussionen wird Bileam von einem Propheten zu einem Zauberer oder Wahrsager deklassiert. Das heißt, er disqualifiziert sich durch seine Habgier und seinen Hass und wird wegen seiner Abwendung von Gott auf eine niedrigere Stufe verwiesen.

Pfad Leider können wir Menschen wie Bileam in den seltensten Fällen helfen. Denn selbst Gott gelang es nicht, ins Herz und in den Verstand dieses Mannes einzudringen, um ihn von seinem bösen Pfad abzubringen.
Und wir, was können wir tun, wenn wir solche Menschen kennen? Wir können ihnen immer wieder aufs Neue und mit viel Geduld unsere hilfreiche Hand reichen, damit sie, wenn sie sich entscheiden sollten, wirklich zurückzukehren, sich abwenden können von ihrem bösen Weg. Unsere Hand gibt ihnen die Möglichkeit, neu anzufangen, sich zu besinnen.
Talente zu haben und sie richtig zu nutzen, ist eine ambivalente Angelegenheit. Bileam ist leider ein negatives Beispiel dafür. Aber es hilft uns, indem es uns zeigt, dass Talent im Leben eben nicht alles ist.

Vielmehr zählen die innere Bereitschaft des Geistes, seinen Verstand und sein Herz offenzuhalten, damit man Ratschläge anderer wahrnehmen und dadurch über sich, seine Mitmenschen und sein Umfeld reflektieren kann. Schaffen wir es, unsere Umgebung und unsere Mitmenschen richtig wahrzunehmen, dann sind wir auch bereit, auf den Ewigen zu hören, und sind nicht verblendet wie Bileam.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Balak hat seinen Namen von einem moabitischen König. Dieser fürchtet die Israeliten und beauftragt den Propheten Bileam, das Volk Israel zu verfluchen. Doch Bileam segnet es und prophezeit, dass dessen Feinde fallen werden.
4. Buch Mose 22,2 – 25,9

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