Selbstverliebt

Habe die Ehre

Geblendet von der eigenen Schönheit: Helmut Berger in dem Spielfilm »Das Bildnis des Dorian Gray« (Deutschland 1970)

Der Wochenabschnitt beginnt mit der Mission der zwölf Spione. Sie werden ausgesandt, um das Land Israel zu erkunden. »Da schickte Mosche aus der Wüste Paran gemäß dem Wort des Ewigen lauter Männer, die Häupter unter den Israeliten waren« (4. Buch Moses 13,3). Raschi bemerkt zu dieser Stelle, dass »jedesmal, wenn die Tora den Ausdruck »Anaschim« verwendet, es sich um wichtige und angesehene Männer handelt«. Der Ramban, Nachmanides, fügt hinzu: »Die Tora zählt die Kundschafter entsprechend ihrer geistigen Stufe auf. Je heiliger die Person, desto früher wird sie in der Liste der Kundschafter aufgezählt.«

Die Kommentare von Raschi und Ramban erklären zwar, wie das Wort Anaschim zu deuten ist, sie werfen jedoch die große Frage auf: Wie kann es sein, dass so besondere Persönlichkeiten entgegen dem g’ttlichen Willen versuchen, das Volk davon abzubringen, in das Gelobte Land zu gehen? Wie konnten sie einen derart fatalen Fehler begehen, vor allem, wenn man bedenkt, dass Kalew ben Jefune und Jehoschua bin Nun, die einzigen Spione, die dem Plan der anderen Kundschafter nicht folgten, bei der Aufzählung erst an dritter und fünfter Stelle erwähnt werden?

Vergehen Es ist notwendig, sich darüber Gedanken zu machen, wie es sein kann, dass derart angesehene Menschen, die auf einer hohen moralischen und geistigen Stufe stehen, im Laufe von nur 40 Tagen so tief sinken können. Sie verleiten das jüdische Volk dazu, seinen G’ttesglauben zu verlieren, indem sie sprechen: »Wir werden es nicht schaffen, das dort lebende Volk zu besiegen, da es stärker ist als wir«. Und das, obwohl ihnen G’tt einen Sieg versprochen hatte! Dieses Vergehen wurde mit der 40‐jährigen Wüstenwanderung und dem Aussterben der gesamten Generation, die Zeuge des Auszugs aus Ägypten war, bestraft. Wie kann man so schnell so tief fallen?

Die Antwort auf diese Frage kann man am Ende des elften Kapitels in Rabbiner Moscheh Chajim Luzattos Meisterwerk Messilat Jescharim (Der Weg der Frommen) finden. Dort schreibt er über das menschliche Verlangen nach Ehre und dessen Auswirkungen: »Es ist die Ehre, die nach der Ansicht der Weisen die Kundschafter dazu veranlasste, schlecht über das Land Israel zu sprechen, da sie befürchteten, beim Einzug ins Gelobte Land ihren hohen politischen Status und somit die gebührende Ehre zu verlieren. Doch letztendlich hat ihnen das nur den Tod gebracht.«

Es war das Rennen nach Ehre, was die Kundschafter zu Fall brachte. Die Weisen haben offengelegt, dass das Streben nach Ehre sogar geistig hoch stehende Menschen stürzen kann. Das ist auch die Bedeutung dessen, was in Pirkej Avot steht: »dass die Ehre den Menschen aus der Welt nimmt« (Avot 4,21).

Persönlichkeit Doch was ist so schlimm an dem natürlichen Verlangen des Menschen nach Ehre? Warum ist es in der Tora und bei den Weisen so verpönt? Und warum ist das Streben nach Ehre derart mächtig, dass es sogar heilige Persönlichkeiten zu Sündern machen kann?

Rabbiner Chaim Schmulevitz, der frühere Direktor der Jerusalemer Mir‐Jeschiwa, behauptet, dass es tatsächlich zwei Arten von Ehre gibt, eine positive und eine negative. Der negative Aspekt des Strebens nach Ehre entspringt der menschlichen Eigenliebe. Je mehr der Mensch sich selbst liebt und von seiner Unfehlbarkeit überzeugt ist, desto mehr strebt er nach Ehre und fühlt sich schon bei Kleinigkeiten in seiner Ehre verletzt. Dieser Mensch sieht sich im Mittelpunkt alles Geschehens. Er nimmt keine Zurechtweisung an und lernt nur schwerlich von anderen Menschen.

Oft ist es eine hohe Position, die er mit viel Anstrengung erreicht hat, die ihn dazu veranlasst zu denken, seine Errungenschaften verdienten nun die ihm zustehende Ehre. Und auch wenn es zwar stimmt, dass er durch Arbeit und Anstrengung im materiellen oder geistigen Bereich viel erreicht hat, ist all dies trotzdem kein Grund, sich als unfehlbar zu betrachten. Denn letztendlich, so Rabbi Schmulevitz, ist es G’tt, der dem Menschen dabei hilft, diese Höhen zu erreichen und ihn auf den Weg des Erfolgs führt.

Bedingung Doch es gibt auch ein Streben nach Ehre, das nicht der Selbstliebe entspringt. Ein gutes Beispiel dafür ist Jiftach aus Gilead aus dem Buch der Richter. Als das jüdische Volk sich im Krieg mit dem Volk Amon befand, kamen die Ältesten von Gilead und sprachen zu Jiftach: »Komm, sei unser Anführer im Kampf gegen Amon!« (Richter 11,6). Und er erwiderte ihnen: »Wenn ihr mich gegen Amon kämpfen lasst … so will ich euer Oberhaupt sein« (11,9). Und einige Verse danach steht: »und Jiftach redete all seine Wörter vor dem Ewigen in Mizpeh« (11,11). Jiftach gab sich nicht zufrieden, ihr Anführer nur im Kampf zu sein, sondern er wollte auch ihr politischer Anführer sein. Raschi bemerkt dazu, dass dies Jiftachs Bedingung war, um mit ihnen in den Krieg zu ziehen.

Ist hier nicht auch die Rede von einer Führungspersönlichkeit, die nach Ehre und einer hohen Position strebte? Interessanterweise kritisieren die Weisen in diesem Fall dieses Verhalten nicht. Die Antwort liegt in den Worten: »und Jiftach redete all seine Wörter vor dem Ewigen in Mizpeh«. Und das Erste, was Jiftach tut, nachdem er den Auftrag erhält, ist: Er vertieft sich ins Gebet und bittet um G’ttes Beistand.

Jiftach veranstaltet keine große Krönungsfeier. Weder stellt er seine Autorität zur Schau, noch genießt er die Jubelrufe. Dies ist ein Beweis, so Rabbi Schmulevitz, dass Jiftachs Bitte, ihn zum politischen Anführer zu machen, nicht aus Eigenliebe geschah. Vielmehr hatte er verstanden, dass es, um die Loyalität des Volkes zu gewinnen und stark im Krieg gegen den Gegner zu sein, nicht ausreicht, sie im Krieg zu führen, sondern er muss auch die politischen Belange erledigen. Nur so konnte ein Sieg garantiert werden. Es ging Jiftach in erster Linie um den Erfolg des Volkes und nicht um seine private Karriere.

Viele Menschen streben aus Eigenliebe nach Ehre. Nur wenige sind in der Lage, die Ehre als Mittel zum Zweck zu benutzen, um damit die Macht zu haben, anderen zu helfen. Oft wissen die Menschen in der Umgebung nicht, warum eine Person nach Ehre verlangt. Doch weiß es jeder Mensch von sich selbst, wenn er denn ehrlich ist.

Ehrerweisung Ein anderer, wichtiger Teil ist die Ehre, die man seinen Mitmenschen schenkt. Diese Art der Ehrerweisung ist eigentlich das, was dem Menschen selbst Ehre verleiht, wie dies die Weisen in den Pirkej Avot bemerken: »Wer ist verehrt? Derjenige, der seinen Mitmenschen ehrt« (4,1). Rabbi Chaim aus Volozhin geht in seinem Kommentar zu den Pirkej Avot so weit, dass er zu dieser Stelle bemerkt: »Die Weisen reden hier von der Ehre, die man einem Menschen erweist, nur weil er ein Mensch ist, ein Geschöpf G’ttes, auch wenn er von sich aus nicht viel erreicht hat.« Dies ist wahrlich die höchste Stufe der Ehrerweisung.

Die Eigenschaft der Ehre hat bedeutende Kräfte. Sie kann Menschen, die ununterbrochen nach ihr streben, den Tod bringen. Anderen wiederum, die die Ehre als Mittel zum Zweck nutzen, um anderen zu helfen, kann sie das Leben schenken.

Der Autor ist Direktor für Jüdische Studien an der Zvi‐Peres‐Chajes‐Schule in Wien.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Schelach Lecha berichtet davon, wie zwölf Männer in das Land Kanaan gesendet werden, um es auszukundschaften. Von jedem Stamm ist einer dabei. Zehn kehren mit einer erschreckenden Schilderung zurück. Demnach könne man das Land niemals erobern, da es von Riesen bewohnt werde. Lediglich Jehoschua bin Nun und Kalew ben Jefune beschreiben Kanaan positiv und erinnern an die Hilfe des Ewigen. Doch das Volk schenkt dem Bericht der zehn mehr Glauben und ängstigt sich. Darüber wird G’tt zornig und will das Volk an Ort und Stelle auslöschen. Mosche kann erwirken, dass G’ttes Strafe milder ausfällt. Jedoch soll niemand, der Ägypten verlassen hat, auch das Gelobte Land betreten. Jehoschua bin Nun und Kalew ben Jefune hingegen wird dies gewährt. Die anderen zehn Kundschafter sterben einen schrecklichen Tod.
4. Buch Moses 13,1 – 15,41

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