Talmudisches

»Gott Meirs, hilf mir!«

Viele erhoffen sich Erfolg und Gesundheit für sich und ihre Nächsten, wenn sie an der letzten Ruhestätte von Rabbi Meir in Tiberias Psalmen und spezielle Gebete rezitieren. Foto: Thinkstock

Das Grab des Rabbi Meir mit seiner blauen Kuppel lockt seit Jahrhunderten Menschen nach Tiberias. Sie erhoffen sich vom Rezitieren von Psalmen und speziellen Gebeten an der letzten Ruhestätte des Weisen Erfolg und Gesundheit für sich und ihre Nächsten. Wer nicht selbst nach Tiberias kommen kann, hat die Möglichkeit, per Internet für eine Mindestspende von umgerechnet 170 Euro einen Minjan an Rabbi Meirs Grab zu beordern, um Fürsprache für sich einzulegen.

In einem chassidischen Text aus dem 19. Jahrhundert steht geschrieben, man solle, wenn man am Grab Meirs steht, sagen: »Ich gebe das Almosen auf das ewige Licht, das auf dem Grabstein des Rabbi Meir, des Wundertäters, brennt, sodass der Heilige, gepriesen sei Er, mich, um die Verdienste des Rabbi Meir, des Wundertäters willens, mit meiner Frau und meinen Kindern von allen Krankheiten und Unglücken errette, die uns – Gott bewahre – treffen könnten, und beschützen möge.«

Was sind das für Verdienste und Wundertaten, um derentwillen sich viele gerade an Rabbi Meir wenden und nicht an eine andere Person aus dem Talmud, in dem es ja durchaus keinen Mangel an verdienstvollen Wundertätern gibt?

Biografie Der sagenhafte Rabbi Meir gehörte der vierten Generation der Tannaiten an und kam im 2. Jahrhundert n.d.Z. in Kleinasien zur Welt. Allerdings sind weder die Namen seiner Eltern noch sein genauer Geburtsort vermerkt. Dem Babylonischen Talmud, Traktat Eruvin, zufolge hat er seinen Namen Meir (der Erleuchter) erhalten, weil er »die Augen der Weisen im Gesetz erleuchtet habe«.

Er studierte Tora in den Lehrhäusern Rabbi Akivas und Rabbi Jischmaels, aber auch bei dem Abtrünnigen Elischa ben Abuja, den man nur HaAcher, den Anderen, nannte. Im Handwerk des Toraschreibens brachte er es zu vollkommener Größe. So soll er, schreibt der Talmud im Traktat Megilla, als an Purim keine Estherrolle aufzufinden war, frei aus dem Gedächtnis eine Rolle niedergeschrieben haben, sodass die Lesung stattfinden konnte. Seinen Ehrentitel Baal HaNes (Wundertäter) erhielt Rabbi Meir aber nicht wegen seiner Fähigkeiten als Schreiber oder Gelehrter, sondern aufgrund einer wagemutigen Rettungsaktion.

Er war mit der einzigen weiblichen Gelehrtengestalt der rabbinischen Literatur verheiratet: mit Berurja, der Tochter des Rabbi Chanina ben Teradion. Im Talmud wird im Traktat Avoda Sara folgende Geschichte erzählt: Nachdem die Schwester Berurjas in ein von Römern betriebenes Bordell verschleppt wurde, machte sich Rabbi Meir seiner Ehefrau zuliebe auf, sie zu retten. Er sagte, wenn sie noch nicht gesündigt hat, wird ihr ein Wunder geschehen – wenn doch, dann nicht.

bestechungsgeld In Verkleidung und mit Bestechungsgeld ausgerüstet, betrat der Rabbi das Hurenhaus und forderte Berurjas Schwester auf, mit ihm zu schlafen. Sie erwiderte, sie habe ihre Menstruation, und diese sei sehr lang anhaltend. Außerdem seien hier viele Mädchen, die schöner seien als sie.

Meir schloss aus dieser Antwort, dass sich seine Schwägerin auf diese Weise allen Männern entzöge, und wollte den Wächter bestechen, um sie mitzunehmen. Der aber sagte, er könne sie nicht freilassen, denn er habe Angst vor der Regierung. Der Rabbi sprach: »Sage ›Gott Meirs, hilf mir!‹ – dann wirst du gerettet.« Als Beweis bewarf Meir einige blutrünstige Hunde, die sich in der Nähe aufhielten, mit Erdklumpen. Als sich die Hunde auf ihn stürzten, wiederholte er den Satz – und die Hunde ließen von ihm ab.

Beeindruckt ließ der Wächter Rabbi Meir und Berurjas Schwester ziehen, und es geschah das Wunder, dass die junge Frau das römische Bordell als Jungfrau verließ. So erhielt Rabbi Meir den Beinamen Wundertäter.

Über die Jahrhunderte entwickelte sich der Brauch, in einer Notlage auf Aramäisch den Satz »Gott Meirs, hilf mir!« zu rezitieren und zu geloben, eine wohltätige Spende, Zedaka, für die Armen in Israel zu geben. Aus dieser Tradition entwickelten sich seit Ende des 18. Jahrhunderts mehrere Wohltätigkeitsorganisationen, die Meirs Namen tragen und bis heute in Israel existieren.

Simanim

Äpfel, Erbsen, schwingende Hühner

Die Feiertage sind voller symbolischer Speisen und Rituale. Ist das Aberglaube? Nicht unbedingt, sagen die Weisen

von Rebbetzin Chana Baumel  10.09.2026

Hohe Feiertage

»Die Sterne neu berechnen«

Aster Taylor über Astrophysik, die Berechnung des Himmels und den Ausgang der Festtage

von Mascha Malburg  10.09.2026

9/11

Suche nach Gewissheit

Auch 25 Jahre nach dem Terror sind noch nicht alle Opfer eindeutig identifiziert. Das stellte jüdische Gelehrte vor halachische Fragen – neben dem großen Ringen um eine religiöse Erklärung für die Katastrophe

von Rabbiner Dovid Gernetz  08.09.2026

Talmudisches

Sitzen

Was unsere Weisen über das Verharren auf Stuhl, Sessel und Sofa lehrten

von Detlef David Kauschke  04.09.2026

Nizawim–Wajelech

Geheimnis des Neubeginns

Die Rückkehr zum Ewigen ist ein tiefgreifender Prozess – für den Einzelnen und das ganze Volk

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  03.09.2026

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  02.09.2026

Ki Tawo

Demut ist größer als Erfolg

Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt

von Rabbiner Elie Dues  28.08.2026

Rezension

»Eine ziemlich dramatische Zeit«

Rabbiner Walter Rothschild wäre beinahe an einer Infektion gestorben – nun hat er über den Kampf um sein Leben geschrieben

von Detlef David Kauschke  28.08.2026

Talmudisches

Die Folgen des Hasses

Was unsere Weisen über die Konsequenzen aus Feindschaft und Groll lehrten

von Chajm Guski  27.08.2026