Roman

Gold und Geld, Pest und Pogrom

Bei Ausgrabungen in der Erfurter Altstadt fand ein Bauarbeiter im Jahre 1998 einen wunderschönen goldenen Ring, der aus zahlreichen Einzelteilen zusammengesetzt ist. Der Rundung für den Finger ist ein Haus aufgesetzt, das einem Tempel ähnelt.

In die Dachflächen des Gebäudes ist in hebräischen Buchstaben »Masel tow« (»Viel Glück«) eingraviert. Es handelt sich offensichtlich um einen jüdischen Hochzeitsring, und zwar um ein so beeindruckendes Kunstwerk, dass die Deutsche Post im Februar 2010 sogar eine Sondermarke herausgab, die dieses Schmuckstück aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts weltweit bekannt gemacht hat.

Der in Erfurt lebende Journalist Henry Köhlert hat seinem ersten Roman den vieldeutigen Titel Der Hochzeitsring gegeben. Der Untertitel erläutert den Sachverhalt, der thematisiert werden soll: Historischer Roman um den Erfurter Schatz. In diesem ambitionierten Erzählwerk des 49-Jährigen geht es um die Frage: Wer hat den Hausring für wen angefertigt, und warum ging dieser dann verloren? Die Leser erfahren einiges über die Lebensverhältnisse im mittelalterlichen Erfurt und über die Beziehungen zwischen Christen und Juden in jener Zeit.

Judenhatz Der informative, aber streckenweise etwas langatmige Roman erzählt nicht nur die Geschichte des Hochzeitsrings, sondern schildert auf wesentlich mehr Seiten die Planung und Durchführung der Erfurter Judenhatz im März 1349. Die jüdische Gemeinde musste damals als Sündenbock für die schreckliche Pest herhalten und außerdem konnten ehrbare christliche Bürger durch die brutale Ermordung jüdischer Geldverleiher ihre Schulden mit einem Schlag tilgen. Viele Details hat der Romancier frei erfunden, aber den Hintergrund des Mordgeschehens hat er treffend und historisch korrekt dargestellt. Wie Köhlert die Ring- und die Pogrom-Geschichte elegant miteinander verknüpft, soll hier allerdings nicht verraten werden.

Eine Frage bleibt in dem Roman jedoch unbeantwortet: »Welche Bewandtnis es allerdings mit der kleinen Kugel aus Gold hatte, die sich innerhalb des kleinen Tempels frei bewegen konnte, das wusste Konrad nicht.« Es scheint, dass auch der Autor die Lösung dieses kleinen Problems nicht kennt.

Und deshalb möchte der Rezensent eine mögliche Antwort zur Diskussion stellen: Wenn die im Roman mitgeteilte Ansicht stimmt, dass der Hochzeitsring an den Tempel in Jerusalem erinnern soll, den die Römer vor langer Zeit zerstört haben, dann verweist möglicherweise der helle Klang der goldenen Kugel an die Töne der goldenen Schellen, die der Priester Aharon durch seine Bewegungen beim Dienst im Heiligtum verursachte (siehe 2. Buch Moses 28, 33-35).

Hausringe, wie der in Erfurt gefundene, gibt es übrigens in vielen Formen. Die Klang erzeugende Kugel im symbolischen Tempel ist jedoch eine Besonderheit des Erfurter Hochzeitsrings.

Henry Köhlert: »Der Hochzeitsring. Historischer Roman um den Erfurter Schatz«. Sutton, Erfurt 2011, 237 S., 12 €

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