Herrschaft

Gewaltenteilung

Israels Premier Benjamin Netanjahu (l.) und der frühere Oberrabbiner des Landes, Israel Meir Lau Foto: Flash 90

In unserem Wochenabschnitt lesen wir an diesem Schabbat von der Anweisung unseres Lehrers Mosche, in jeder Stadt des Heiligen Landes Richter und Ordnungshüter zu ernennen.

Gleichzeitig warnt er das Volk vor Korruption und Eigenmächtigkeit. Jegliche Verbrechen müssen gewissenhaft untersucht und geahndet werden.

Auch über die künftige weltliche und ebenfalls über die priesterliche Machtverteilung im Land der Verheißung spricht Mosche: »Einen Herrscher sollst du über dich setzen, einen von deinen Brüdern« (5. Buch Mose 17,15). »Und wenn er auf seinem Thron sitzt, so soll er sich von der Tora, der Lehre G’ttes, eine Abschrift in einem Buch anfertigen. (...) Diese soll er stets bei sich haben, um sie zu studieren (…), damit er sich in seinem Herzen nicht über seine Brüder erhebe und nicht von der Tora abweiche« (17, 18–20).

Beschränkung Die Tora regelt eindeutig die weltliche Macht und beschränkt konsequent ihre Ausübung im Land. Die Verse des nächsten, des 18. Kapitels umreißen mit der gleichen Klarheit die Rolle der Priesterschaft, der Kohanim und Leviten, im Land: »Die Priester aus dem Stamm Levi wie auch der ganze Stamm sollen keinen Teil und kein Erbe unter den Stämmen Israels aus dem Land bekommen. (…) Von den Opfergaben sollen sie Unterhalt haben« (18,1).

Der Talmud Jeruschalmi fügt hinzu: Man darf keinen Priester zum König salben. Das heißt, dass die Macht im Staat und die Ausübung des Kultes getrennt werden müssen. Als Begründung für diesen Grundsatz führen die Rabbinen zwei Schriftverse an.

Einerseits fanden sie diese Intention im Segen des Erzvaters Jakow. Dort lesen wir: »Nie soll das Zepter Jehudas aus seiner Hand entgleiten« (1. Buch Mose 49,10). Die weltliche Macht im Staat soll also von diesem Stamm ausgehen.

Eine weitere Begründung fanden die Exegeten in den Bestimmungen der Tora aus diesem Wochenabschnitt: »Der Regent soll seinen Brüdern gegenüber nicht überheblich werden, er soll nicht von den Geboten der Schrift abweichen, damit er und seine Nachfahren lange in Gerechtigkeit über ihr Volk inmitten Israels regieren« (5. Buch Mose 17,20).

Die Gelehrten erwähnen, dass diese zwei Begründungen auch deshalb notwendig waren, weil, falls irgendwann aus besonderen Gründen die Regierung aus einem anderen Stamm gebildet werden sollte, es auf keinen Fall der Stamm Levi sein darf. Diesem Grundsatz blieben die Schriftgelehrten immer treu.

Makkabäer Im zweiten Jahrhundert v.d.Z. brach im jüdischen Land ein Freiheitskampf gegen die hellenistische Besatzungsmacht aus. An der Spitze des bewaffneten Aufstands stand die priesterliche Familie der Haschmonäer, Matitjahu und seine fünf Söhne. Nach harten Kämpfen gewannen sie das jüdische Land aus der Hand der Besatzer zurück und weihten den Tempel in Jerusalem wieder ein.

Bis heute sind sie gefeierte Helden des jüdischen Volkes – doch begingen sie einen schweren Fehler! Sie griffen in ihrem neu errichteten Staat nach der weltlichen Macht. Die Traditionalisten im Volk, die Pharisäer, konnten ihnen dies nie verzeihen und kreideten ihnen stets ihren Machtmissbrauch an.

Der Talmud, das Werk der Pharisäer, verschweigt sogar den Freiheitskampf der Makkabäer und berichtet nur über das Lichtwunder bei der Wiedereinweihung des Tempels, das wir jedes Jahr an Chanukka feiern.

krone Bei einem Besuch der Synagoge von Worms, einer der ältesten in Deutschland, fragen Besucher oft, was denn die drei Kronen über dem Toraschrank, in dem man die Schriftrollen aufbewahrt, zu bedeuten haben.

Sie sind ein Hinweis auf eine Aussage in den Pirkej Awot, den sogenannten Sprüchen der Väter im Talmud. Im 4. Kapitel (17) finden wir die Aussage von Rabbi Schimon: »Drei Kronen gibt es: die Krone der Tora, die Krone der Priesterwürde und die Königskrone. Aber die Krone des guten und tadellosen Namens überragt sie alle.«

Der Gelehrte wollte mit dieser Aussage auf die notwendige vernünftige Trennung der unterschiedlichen Machtbereiche in der Gesellschaft hinweisen.

Im alten Israel gehörte die Priesterschaft der Familie Aharons an. Von ihr ging dieses Erbe auf die Nachfahren über. Die Priester durften kein irdisches Vermögen besitzen.

Das Prophetentum und später die Würde der Schriftgelehrten, also die Krone der Tora, waren hingegen nicht erblich.
Vererbbar war im Altertum jedoch die weltliche Macht, die Königskrone des Hauses Davids.

Aber mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n.d.Z. veränderten sich die Verhältnisse: Es gab keinen Altar mehr, dadurch waren auch keine Priester für den Tempeldienst mehr nötig. Und ohne Staat gab es auch keine Könige mehr. Nur die »Krone der Tora«, die Würde der Gelehrten und die Gelehrsamkeit, bot einzig Ehre und Ansehen.

Diese Krone kann jeder erwerben, der bereit ist, sich um das Studium der Tora zu bemühen, ungeachtet seiner Herkunft. Über der Bedeutung des Torawissens steht, so Rabbi Schimon, die Krone des tadellosen Namens. Diese steckt im Wesen des Menschen, in seiner Persönlichkeit, in seinem Charakter.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

inhalt
Im Wochenabschnitt Schoftim geht es um Rechtsprechung und Politik. Dabei steht zunächst die Regierung im Vordergrund. Es werden Gesetze über die Verwaltung der Gemeinschaft mitgeteilt sowie Verordnungen für Richter, Könige, Priester und Propheten. Die Tora betont, dass die Kinder Israels in jeder Angelegenheit nach Gerechtigkeit streben sollen. Bevor mit Verordnungen zum Verhalten in Kriegs- und Friedenszeiten geschlossen wird, weist die Tora darauf hin, dass ein Israelit, der einen anderen ohne Absicht totgeschlagen hat, sich in einer von drei Zufluchtsstädten vor Blutrache retten kann.
5. Buch Mose 16,18 – 21,9

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