Exegese

Geschichte verstehen

»Und es ereignete sich in den Tagen des Achaschwerosch...«: Lesung der Estherrrolle zu Purim Foto: getty

Die Estherrolle hat wegen ihres dramatischen Inhalts, welcher die gespannten Beziehungen zwischen den Juden in Persien und ihren nichtjüdischen Nachbarn beschreibt, die Exegeten in allen Generationen zu interessanten Kommentaren angeregt. Während die meisten der Kommentare in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Mordechai, Esther und überhaupt der jüdischen Gemeinschaft jener Zeit äußerst kritisch gegenüberstanden und ihre Handlungsweise in schärfster Art verurteilten, sind in den letzten Jahrzehnten ganz andere Stimmen zum Estherbuch zu hören.

Viele der christlichen Kommentare zum Estherbuch erklären – basierend auf einer der Bemerkungen Luthers – dass die Esthergeschichte nicht in die Bibel gehört und dass Esther, Mordechai und ihre Anhänger im eigentlichen Sinne zu verabscheuen sind. So schreibt zum Beispiel Georg Jahn (Leiden, 1901): »Ich scheide gern von diesem einzigen mir widerlichen Buch des Alten Testaments, aus welchem die Juden wegen seines ›gottlosen‹ Inhalts den Gottesnamen entfernt haben. Aus dem Kanon hätte dies zur Travestierung geeignete Buch längst entfernt werden sollen«.

Robert Henry Pfeiffer schrieb in seiner Einführung zum Alten Testament (New York, 1941): »Gott und Judentum haben keinen Platz in diesem Buche, dem einzigen Buche in der Bibel, in dem Gott nicht erwähnt ist. Es ist klar: Dieses Buch ist absichtlich nicht religiös, weil der Autor bedenkenlos alle Hinweise auf jüdische Frömmigkeit auslässt, auch wenn der Text dies zu erfordern scheint ... Seine chauvinistische Loyalität zu seiner Rasse, wie im Falle von machen modernen Zionisten, hat keine Beziehung zur Religion.«

Vorurteil Auch in diesem Falle scheint das Vorurteil ein ausgewogenes Urteil unmöglich zu machen. Wie kann man – wenn man die Esther-Rolle genau liest – sagen, dass das Buch jüdischen Glauben und Gesetz in keiner Weise erwähnt?! Steht nicht im Buche, dass Mordechai – als Jude! – sich vor Haman nicht verbeugen will (3, 4) und er deshalb alle Juden (3, 6) in Gefahr bringt? Ist in der Estherrolle nicht ausdrücklich von Fasttagen und Gebeten der Juden die Rede? Und gibt Mordechai nicht ausdrücklich seinem Glauben an Gottes Vorsehung Ausdruck?

Die erwähnten Kommentare sprechen eine klare Sprache, und es ist nicht nötig, in Einzelheiten weitere Quellen zum Estherbuch zu bringen, die es mit äußerst negativen Aussagen »beehren« (wie etwa »grauslich blutdürstige Geschichte«, »bluttriefende Erzählung«, »schaudervoll«). Viele (nicht alle!) christliche Kommentatoren zum Estherbuch im ersten Teil des 20. Jahrhunderts entwickeln ihre Untersuchungen zur Estherrolle in dieser negativen Richtung.

In vielen Estherkommentaren, welche in den vergangenen 50 Jahren entstanden sind, stellen wir eine radikale Änderung der Einstellung zum Buche und seinen »Helden« fest.

Konflikt So sind zum Beispiel im tiefgehenden Kommentar von Hans Bardtke (Gütersloh, 1963) neben gewissen kritischen Bemerkungen ganz klare Worte des Verständnisses für Mordechais und Esthers Verhalten hörbar: »Vielmehr wird man den Ursprung des Konfliktes nicht allein in Mordechais Verhalten sehen dürfen, sondern auch in der maßlos zurückschlagenden Rache des Haman, der sogleich auf eine Endlösung (!) der Judenfrage ausgeht ... Die Erhaltung des Volkes in der Geschichte ist also von tapferer jüdischer Selbstbehauptung abhängig, aber nicht nur. Die irrationalen Hilfen, die sich einstellen, die verborgene Lenkung der Ereignisse sind das Eigentliche und Wesentliche.«

Ähnlich, jedoch kurz und zusammenfassend urteilt Michael V. Fox, der ganz ausdrücklich die Kritik seiner Vorgänger zurückweist (Character and Ideology in the Book of Esther, South Carolia, 1991): »Esthers Wünsche und Mordechais Erlass und das Verhalten des Volkes in seinem Lebenskampf werden verurteilt als Ausdruck von Aggressivität, Brutalität und Rachsucht. Solche Kritik ist jedoch unberechtigt: Der Kampf der Juden war notwendig, defensiv und berechtigt.«

Man fragt sich, warum solche so verständnisvollen Exegesen zum Estherbuch die älteren, recht antisemitisch anmutenden Erklärungen verdrängt haben und ihren Weg in die Bibelexegese fanden. Die Antwort liegt auf der Hand: der Holocaust.
Nach all den Leiden, die den Juden durch den modernen Haman zugefügt wurden, hat auch die wissenschaftliche Welt bedeutend mehr Verständnis für eine Erzählung, die vom Kampf der Juden gegen ihre Widersacher berichtet.

In der biblischen Geschichte wie in ihrer modernen Parallele handelt es sich um den Plan für einen Genozid, die Ausrottung des jüdischen Volkes. In der älteren Exegese werden nicht Haman und seine Komplizen für ihren völlig unbasierten Judenhass kritisiert, sondern die Juden, welche ihr Leben retten wollten. Die moderne Exegese hingegen sieht die Situation anders und erklärt das Verhalten Mordechais und Esthers als unvermeidliche, von den damaligen Lebensbedingungen her erforderliche Maßnahmen zur Rettung des jüdischen Volkes!

Parallele Manche der Kommentatoren, wie zum Beispiel Arndt Meinhold, erwähnen ausdrücklich den Holocaust als moderne Parallele zur Esthergeschichte (Das Buch Esther, Zürich, 1983): »Heute hat die Menschheit das grauenhafte geschichtliche Beispiel vor Augen, dass eine verbrecherische Machtpolitik ernst machen kann mit der Ausrottung der Juden in Europa und dass dies keine Gegengewalt rechtzeitig verhindert.

Christliche Kritik an der jüdischen Gewaltanwendung im Estherbuch wird angesichts der Gegebenheiten im Buch und der Vergehen gegen die Juden allein im 20. Jahrhundert leicht in den Verdacht kommen, praktisch der Gewalt das Wort zu reden, die das jüdische Volk zu vernichten sucht.«

In einem der Kommentare wird sogar betont, dass die Estherrolle vielleicht fiktiven Charakter hat, dass aber die reale Geschichte die Möglichkeit solcher furchtbarer Ereignisse bezeugt.

Wie klar zu erkennen ist, wurden Mordechai und Esther nach den Schreckenszeiten im Zweiten Weltkrieg auch in der wissenschaftlichen Literatur »rehabilitiert«. Plötzlich wurde die Esthergeschichte nun verstanden. Aktuelles Geschichtserlebnis lässt eben auch vergangene Tage in einem anderen Licht erscheinen.

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