Talmudisches

Gerechtigkeit riechen

»Und Wohlgefallen (Haricho) wird er (der Maschiach) haben an der G’ttesfurcht« (Jeschajahu 11,3). Die Weisen interpretieren Haricho auch als Geruchssinn. Foto: Getty Images/ Duncan Walker

Talmudisches

Gerechtigkeit riechen

Warum Bar Kochba nicht der Maschiach war

von Vyacheslav Dobrovych  29.01.2021 10:53 Uhr

Mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n.d.Z. begann die Zerstreuung des jüdischen Volkes. Die römischen Besatzer erließen eine Reihe antijüdischer Gesetze, die zu einem Aufstand der in Judäa verbliebenen Juden führten.

Schimon ben Kosewa schaffte es, die Rebellen zu einen und die römischen Besatzer erfolgreich zu bekämpfen. Er nannte sich daraufhin Bar Kochba, Sohn des Sterns, sah sich selbst als Messias und regierte das Volk in einem autoritären Stil.

Doch die Römer schickten ihre besten Truppen nach Judäa, und so besiegten sie Bar Kochba und dessen Männer im Jahr 135, ungefähr drei Jahre nach dem Beginn des Aufstands. Daraufhin töteten die Römer Hunderttausende Juden, vertrieben die Überlebenden des Massakers und besiedelten die Region mit Syrern und Phöniziern. Erst im 20. Jahrhundert, mehr als 1800 Jahre nach dem Aufstand Bar Kochbas, lebten wieder mehrheitlich Juden im Land.

Folgen Der niedergeschlagene Aufstand und Bar Kochbas messianische Ansprüche hatten weitreichende Folgen für den Verlauf der jüdischen Geschichte.

Wie fast alle Juden in der damaligen Zeit setzen sich auch die Rabbinen des Talmuds mit Bar Kochba auseinander. Im Traktat Sanhedrin 93b wird berichtet, dass er sich selbst zum Messias ausrief. Die Weisen entgegneten ihm, dass der Messias die Gerechtigkeit riechen könne: Er habe die Fähigkeit, durch seinen Geruchssinn wahre richterliche Entscheidungen zu treffen.

Dass Bar Kochba dazu nicht in der Lage war, disqualifizierte ihn als potenziellen Messias. Daraufhin töteten ihn die Römer. Der Talmud verwendet an dieser Stelle nicht den Namen Bar Kochba, der eine Anspielung auf den Messias ist, sondern nennt ihn »Bar Kosewa« − Sohn der Lüge.

Hoffnungen Diese kurze talmudische Geschichte gibt Aufschluss über die Art und Weise, wie die Gelehrten Bar Kochba sahen: als einen Mann, der zwar messianische Hoffnungen weckte, aber nicht über die Fähigkeiten des Messias verfügte und durch sein vernichtendes Ende bewies, dass die an ihn geknüpften Hoffnungen eine Lüge waren.

Interessant ist, wieso die Rabbinen der Meinung waren, der Messias müsse einen überirdischen Geruchssinn haben. Der Grund dafür liegt in einer Interpretation der Worte des Propheten Jeschajahu: »Und Wohlgefallen (Haricho) wird er (der Messias) haben an der G’ttesfurcht, Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören« (11,3).

Die Weisen interpretieren das Wort für Wohlgefallen (Haricho) auch als Geruchssinn. Dementsprechend richtet der Messias laut dieser Interpretation der Worte des Propheten Jeschajahu nicht mit dem, was seine Augen sehen oder seine Ohren hören, sondern mit dem, was ihm sein Geruchssinn vermittelt.

Doch wie kommen die Weisen darauf, die Prophetenworte so zu deuten? Es wird sicherlich versteckte und mystische Gründe geben. Die Kabbala diskutiert ausführlich die mystische Signifikanz des Messias und seiner Fähigkeiten.

Ich denke, einer der augenscheinlichen Gründe für eine solche Interpretation ist, dass die Weisen des Talmuds wussten: Die Zukunft des jüdischen Volkes wird von ihren Worten geprägt. Die Weisen wollten ein klares Bild von dem aufzeigen, wie der künftige Messias sein sollte, damit das Volk vor gefährlichen selbst ernannten messianischen Hoffnungsfiguren geschützt wird.

Anforderungen Der Messias, so die Weisen, wird eine Vielzahl von Anforderungen erfüllen müssen, um als solcher gelten zu dürfen.

In den folgenden Jahrhunderten tauchten einige weitere Personen auf, die sich als Messias bezeichneten. Schabbatai Zwi (1626−1676) und Jakob Frank (1726−1791) sind wohl die berühmtesten von ihnen. Sie tauchten immer dann auf, wenn die Menschen litten und sich nach Erlösung sehnten. Ihr Größenwahn stürzte sie gemeinsam mit ihren Anhängern ins Verderben.

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026