Wieso Weshalb Warum

Gehinnom

»Die musikalische Hölle«: Hieronymus Bosch, um 1500, Öl auf Holz (Museo del Prado, Madrid) Foto: dpa

Wieso Weshalb Warum

Gehinnom

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

von Noemi Berger  16.11.2015 19:31 Uhr

Der Begriff Gehinnom ist der Name eines reellen Ortes: Gei-Hinnom, »das Tal des Hinom«. Es liegt an der südlichen Grenze des alten Jerusalem und erstreckt sich vom Berg Zion nach Osten bis zum Kidrontal. Der Tenach beschreibt Gehinnom als eine tiefe, enge Schlucht am Fuße der Mauern von Jerusalem (Jehoschua 15,8).

Gehinnom war die Müllhalde der Stadt, ein verfluchter und unreiner Ort, an dem oft sogar Leichen abgeladen wurden. Häufig wird Gehinnom als Hölle betrachtet, da es der Ort war, an dem die Kanaaniter dem Gott Moloch Kinderopfer darbrachten. Es brannte dort ein ständiges Feuer, um die unreinen Dinge und die Knochen der Leichen zu verbrennen. Der Prophet Jirmijahu nennt die Stelle »Würgetal« (19,6).

Der direkte Weg nach Eden, der den ewigen Frieden symbolisiert, ist nach Meinung unserer Weisen nur den wahrhaft Gerechten vorbehalten. Alle anderen gehen an den Ort der geistigen Qualen, den Gehinnom. Doch obwohl er ein Ort der Strafe ist, gilt er ebenso als Ort spiritueller Reinigung. Gehinnom wird manchmal auch »Scheol« (deutsch: Totenreich), »Grab« oder »Grube« genannt.

Hölle Manche glauben, der Gehinnom sei ein Ort schwerer und ewiger Strafen, ähnlich wie es aus christlicher Sicht die Hölle und das Fegefeuer sind. Andere sehen den Gehinnom als einen Ort des Reinigungsprozesses der Seele, nachdem sie den menschlichen Körper verlassen hat.

In einigen rabbinischen Auslegungen liest man, dass das Verweilen im Gehinnom nicht länger als zwölf Monate dauert. Nach Ablauf dieser einjährigen »Probezeit« steigt der Mensch zu seinem ihm zustehenden Platz in der Olam Haba, der künftigen Welt, auf.

Das Judentum glaubt zwar an ein Leben nach dem Tod, an G’tteslohn und an Strafe – aber: Gibt es im Judentum ein Konzept der Hölle?

Talmud Gehinnom ist eine von unseren Weisen angenommene Realität. Im Talmud finden wir des Öfteren mahnende Worte, die dem Menschen den Gehinnom androhen, um ihn von boshaftem und falschem Tun fernzuhalten. So lesen wir: »All diejenigen, die zum Gehinnom hinabsteigen, werden wieder emporsteigen (das heißt: Es gibt keine ewige Verdammnis)«. Diejenigen aber, die ihre Mitmenschen rufschädigend verleumden, vor aller Öffentlichkeit beschämen oder das Familienglück eines Mitmenschen zerstören, bilden eine Ausnahme. Ferner lesen wir im Talmud eine allegorische Lehrmeinung des Gelehrten Raba: »Sieben Dinge wurden vor der Welt geschaffen: die Tora, die Umkehr, der Garten Eden, der Gehinnom, der Thron der Herrlichkeit, der Tempel und der Name des Erlösers« (Nedarim 39b).

Natürlich kann dieser gesamte Prozess der Verdammnis vermieden werden, wenn wir wahrhaftig die Fehler bereuen, die wir unseren Mitmenschen gegenüber begangen haben. Wenn wir uns ändern und die Menschen, die wir verletzt haben, um Verzeihung bitten, können wir diese Welt »rein« verlassen.

Deshalb sagten unsere Weisen: »Kehre um einen Tag, bevor du stirbst.« Weil wir nicht wissen, wann dieser Tag sein wird, sollen wir noch heute bereuen, umkehren und Buße tun.

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

Erlösung

Nur ein scheinbarer Gegensatz

Warum wir an die Ankunft des Maschiach glauben sollten – aber nicht an einen Zeitpunkt

von Vyacheslav Dobrovych  16.10.2026

Talmudisches

Bier

Was unsere Weisen über Getränke und ihre Wirkung lehren

von Rabbinerin Yael Deusel  16.10.2026

Noach

Die Entstehung der Vielfalt

Wie nach der Sintflut eine neue Ordnung der Menschheit ihren Anfang nahm

von Yonatan Amrani  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Talmudisches

Klassengröße

Was unsere Weisen über das Lernen in Gemeinschaft lehren

von Yizhak Ahren  09.10.2026

Erziehung

Der widerspenstige Sohn

Wer sich gegen seine Eltern auflehnt, soll laut Tora mit dem Tod bestraft werden. Die jüdische Tradition ringt mit dem Text und fragt, wie Familien miteinander verbunden bleiben

von Shoshana Ruerup  09.10.2026

Bereschit

Worte retten Leben

Rechtzeitig miteinander zu sprechen, kann Hass und Gewalt verhindern und Versöhnung möglich machen

von Rabbiner Joel Berger  08.10.2026

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026