Megilla

»Geh, versammle alle Jehudim!«

Megilla-Lesung in der Großen Synagoge von Jerusalem, März 2015 Foto: Flash 90

Als ich vor einiger Zeit einmal in einem Taxi unterwegs war, kam ich mit dem Fahrer, einem gebürtigen Iraner, ins Gespräch. Der Mann redete über die allgemeine schwere Lage, die seiner Meinung nach herrsche, weil Juden die Welt regieren. Seine Antwort auf meine Fragen, ob er wisse, wie viele Juden wirklich auf der Welt leben und ob man sich tatsächlich vor ihnen fürchten müsse, hat mich völlig überrascht. Seiner Meinung nach soll das »riesige Ungeheuer«, als das er das jüdische Volk bezeichnete, aus über 600 Millionen Menschen bestehen! Schön wär’s ...

Antisemiten stellen sich gerne das jüdische Volk als Furcht einflößendes Geschöpf vor. Doch die angebliche Machtübernahme der gesamten Welt durch das jüdische Volk ist bereits auf so vielfältige Weise geschildert worden, dass ich diese Propaganda an dieser Stelle nicht vertiefen möchte.

Vertreibung
Eher komme ich auf die wahre Geschichte zurück: Nach der Zerstörung des Ersten Tempels im Jahr 586 – und nach Meinung einiger rabbinischer Weisen im Jahr 422 – vor der Zeitrechnung wurde das jüdische Volk aus seinem Land vertrieben. Damit meine ich die zwei im Land verbliebenen Stämme, da zehn Stämme bereits 133 Jahre zuvor ins Exil gegangen sind. Das Volk wurde nach Babylon geführt und ließ sich anschließend in verschiedenen Ländern nieder. Ungefähr 70 Jahre danach ist ein kleiner Teil des Volkes nach Eretz Israel zurückgekehrt, um dort den Zweiten Tempel zu errichten. Innerhalb dieser 70 Jahre hat sich die Geschichte Esthers zugetragen.

Als Haman nach Rache am jüdischen Volk dürstete, wandte er sich an den König Achaschwerosch. Da ihm bekannt war, dass der König die Juden sehr schätzte, sagte Haman ihm nicht geradeheraus, nach welchem Volk er trachtete. Er sprach über das Volk in der dritten Person, also versteckt oder indirekt.

Haman teilte Achaschwerosch mit, dass »es ein Volk gäbe, das zerstreut und unter den Völkern im ganzen Königreich versprengt sei und einen anderen Glauben habe. Es sei anders als alle anderen Völker« (Esther 3,8). Haman schilderte dem König eine völlig absurde »Sachlage«. Einerseits solle es sich um ein Volk handeln, das gänzlich unter allen Völkern zerstreut und versprengt sei. Ungeachtet von dessen Zerstreuung solle es jenes Volk aber fertigbringen, als Volk fortzubestehen, ohne sich mit anderen zu mischen und seine Identität zu verlieren.

generationen Wir sind gewohnt, dass sich zahlreiche Völker nach wenigen Generationen oder sogar in noch kürzerer Zeit selbst verändern. Diverse Gruppen wandern aus. Am neuen Ort schließen sie sich der bestehenden Gesellschaft an und werden Teil von ihr. Dabei bewirken sie, dass auch der Gesellschaft, in der sie nun leben, Änderungen widerfahren.

Haman dagegen war jemand, der versucht, im Inneren des jüdischen Volkes Änderungen zu erzeugen. Das erste Festmahl, das beim König Achaschwerosch gehalten wurde, wurde auf Hamans Rat hin veranstaltet. Die Juden waren eingeladen, und es wurde ihnen gestattet, das Festessen des Königs zu genießen. Während mehrerer Tage erhielten sie Mahlzeiten und Getränke wie alle anderen, die eingeladen waren. Haman versuchte, die Kraft Israels zu brechen. Doch er erfuhr, wie stark das jüdische Volk ist: Trotz aller Versuche des Bösewichts war Mordechai nicht bereit, sich vor Haman zu verbeugen.

dialog Haman wandte sich an den König mit der bösen Absicht, das jüdische Volk auszurotten. Nach Ansicht unserer Weisen hat dabei zwischen beiden ein Dialog stattgefunden. Als Haman zu Achaschwerosch ging und ihm sagte, »dass es ein Volk gäbe«, verstand der König sofort, dass es sich um ein einiges Volk handle. Ein Volk, von dem die Gefahr ausging, dass es Krieg gegen ihn anfangen könnte. Haman sagte seinem König, dass das besagte Volk im ganzen Königreich zerstreut sei, in den verschiedenen Ländern des Königs.

Es könne demzufolge nicht nur in einer bestimmten Gegend ausgerottet werden. Und seine Ausrottung werde nicht dazu führen, dass in einer bestimmten Gegend die Dienstleistungen für die Bevölkerung beeinträchtigt würden. Vielmehr handle es sich um einzelne Gruppen, die in allen 127 Ländern des Königs zerstreut seien. Haman hob ebenfalls hervor, dass die Anwesenheit dieses Volkes keine Wirkung auf das Königreich habe, da die Volksangehörigen in abgelegenen Gemeinden und abgesondert von der übrigen Bevölkerung lebten und der Allgemeinheit keinen Nutzen brächten (Esther 13).

Die wichtigste Revolution in der Geschichte des jüdischen Volkes erfolgte, wie bekannt, durch Esther. Den ersten Schritt, den sie ausführte, als sie über Hamans Intrige aufgeklärt wurde, hat den gesamten Verlauf der Handlung verändert. Denn als Esther von den bösen Absichten Hamans erfuhr und auf Mordechais Bitte einging, zum König zu gehen und sich für ihr Volk einzusetzen, wandte sie sich an Mordechai mit den folgenden Worten: »Geh, versammle all die Jehudim, die sich in Schuschan befinden!« (Esther 4,16).

Einheit Esther verstand, dass die Kraft des Volkes in seiner Einheit liegt: »Du findest keine schwereren Tage, in denen das jüdische Volk im Düsteren war, im Dunkeln und in Gefahr, als jene zu Hamans Zeiten, der zu Achaschwerosch sagte, dass es ein zerstreutes und versprengtes Volk gäbe« (Esther 3,8). Auch deshalb wies Esther bereits zu Beginn Mordechai an, alle Juden zu versammeln (Esther 4,16; Midrasch Tehilim Buber, Mizmor 22).

Und Esther antwortet Haman schließlich in der gleichen Art und Weise, in der er sich ausdrückte: Wenn du als Antisemit annimmst, dass du uns wegen unserer Zerstreuung ausrotten kannst, beweisen wir dir, dass wir uns zu vereinigen wissen. Niemandem wird es gelingen, uns vereint den Untergang zu bringen. Tatsächlich ist uns allen bekannt, dass das Trennende im jüdischen Volk einfacher zu erkennen ist als das Einende. Wir führen ja zu allen Zeiten Dispute und haben unterschiedliche Meinungen. Wir pflegen sogar zu sagen: zwei Juden, drei Meinungen.

Im inneren Kern jedoch ist das jüdische Volk vereint. König David drückte es in seinen Bekenntnis an den Ewigen wie folgt aus: »Und wer ist wie dein Volk, wie Israel? Ein einziges Volk auf Erden« (2. Samuel 7,23). Rabbiner Abrakam Isaak Kook erklärt, dass wir Menschen wie Haman unsere Einheit verdanken. Sie sehen die äußere Seite des jüdischen Volkes, die Aufsplitterung, nicht die Einigung. Dann versuchen sie, uns zu bekämpfen. Dadurch wird das jüdische Volk innerlich erschüttert.

Doch die Erschütterung fördert ihrerseits die Einigung des jüdischen Volkes: Es ist eine heimliche und innere Kraft, die zu unserer völligen Einigkeit führt, sodass Haman und alle übrigen Antisemiten das jüdische Volk nicht bezwingen können.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund.

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