Beziehung

Fundament des moralischen Lebens

Fester Boden: Wie jedes Haus braucht auch der Mensch eine gute Basis. Foto: imago

Der Glaube ist eine Art Geschenk, das uns vom Heiligen, gepriesen sei Er, gegeben wurde. Jeder kann zwischen Glauben und Häresie wählen. Der Glaube stellt die Verbindung zwischen uns und dem Schöpfer her. Der Schöpfer gibt uns das Leben, und wenn wir an Ihn glauben, bestätigen wir die Verbindung zwischen uns und Ihm. Den Glauben kann man mit Logik erklären und mit dem Herzen fühlen, aber letztlich ist er das, was uns an den Ewigen bindet.

Überraschenderweise befassen sich die beiden einzigen der Zehn Gebote, die das ganze Volk Israel direkt vom Schöpfer gehört hat, ausgerechnet mit dem Glauben. Schon diese zwei Gebote lassen verstehen, dass es eine positive Seite, die des Glaubens, und im selben Maß eine negative Seite gibt, die des Nicht-Glaubens oder des Glaubens an etwas anderes.

kraft Die positive Seite gebietet uns, an G’tt und Seine Kräfte in dieser Welt zu glauben. Nicht nur ist Er irgendeine höchste Kraft, sondern Er begleitet uns ständig, passt auf uns auf und sorgt sich jederzeit um uns.

Uns wurde gesagt: »Ich bin der Ewige, dein G’tt, der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Mizrajim, aus dem Haus der Knechtschaft.« Der Schöpfer sagt uns: Ich bin nicht jemand, der erzeugt und erschaffen hat und danach verschwindet, sondern ich fahre ständig fort, mich um die Geschöpfe zu kümmern, die ich erschaffen habe, genau so, wie ich euch aus Ägypten geführt habe. Die negative Seite bringt dazu eine nicht weniger bedeutsame Klärung vor: »Du sollst keine fremden Götter haben vor mir.« Es gibt also das explizite Gebot, zur Stärkung des positiven Glaubens andere Formen von Glauben zu verneinen.

Beim Glauben handelt es sich um eine Wissenschaft für sich. Viele sagen, dass sie glauben. Das ist ausgezeichnet, aber wenn wir ihren Glauben etwas tiefer ergründen, entdecken wir, dass ihr Glaube auf einem völligen Nichtverstehen des wahren Glaubens beruht.

Hindernisse Die Tora verlangt vom jüdischen Menschen, einen geläuterten Glauben zu glauben, das heißt, ihn tief zu erkunden. Im Glauben können viele Hindernisse liegen; und um wirklich zu glauben, müssen diese Hindernisse abgeklärt und alle Gedanken und Gefühle vermieden werden, die nicht Teil des Glaubens sind. Es mag bequemer sein, sich nicht mit dem Leben auseinanderzusetzen. Die Bewältigung beansprucht seelische Kräfte, erfordert tiefes Nachforschen und versetzt uns in Situationen, die uns nicht immer angenehm sind.

Und doch: Wenn wir zu etwas Stellung beziehen müssen, sind wir gezwungen, die Frage zu beantworten, warum wir uns ausgerechnet dafür entschieden haben und nicht für etwas anderes. Genau genommen wird von uns verlangt, die andere Möglichkeit zu verneinen. Der Glaube toleriert keine Dualität. Ein dualer Glaube verleugnet die Wahrheit und hindert uns daran, bis ans Ende vorzudringen. Genauso wie der Mensch nicht zwei Mütter hat, kann er auch nicht zwei verschiedene Glaubensrichtungen annehmen.

götzendienst Der Glaube an etwas anderes wird von unseren Weisen als »Götzendienst« (Awoda Sara) angesehen. In der Tora steht geschrieben: »Und so ihr es vergesst und nicht tut all diese Gebote, die der Ewige zu Mosche geredet hat« (4. Buch Moses 15,22). Da das Thema Vergessen in der Tora bereits beschrieben und behandelt wurde (3. Buch Moses 4,13), erklärt der Kommentator Raschi (1040–1105), dass es sich hier um ein Gebot handelt, das parallel zu anderen Geboten aufgestellt worden ist.

Wie derjenige, der alle Gebote übertritt, das Joch abwirft, den Bund bricht und falsche Deutungen ausspricht, so ist es auch bei diesem Gebot: Er wirft dabei das Joch ab, bricht den Bund und spricht falsche Deutungen aus. Damit ist der Götzendienst gemeint. Nach Raschis Erklärung ist Götzendienst genauso wie das Erklettern eines Baumes, während die Säge den Stamm durchtrennt. Sobald der Mensch seinen Glauben wechselt, ist dieser verzerrt und ohne Verbindung mit dem Ursprung seines Lebens, und die Ausführung der Gebote hat keine Bedeutung mehr.

Obwohl die Ausführung von Geboten an sich eine wichtige Handlung ist und eine tiefe Bedeutung hat, verliert sie ihren Inhalt, wenn sie vom Ursprung, das heißt vom Schöpfer, der uns mit dem Leben gesegnet und uns die Befolgung der Gebote auferlegt hat, abgeschnitten ist und keine Wurzeln hat.

materie Was ist Götzendienst eigentlich? Maimonides, der Rambam (1135–1204), hebt in den Gesetzen zum Götzendienst hervor, dass jeder Ansatz, der den Glauben aufteilt, ungültig ist. Wenn ein Mensch über den Glauben an den Schöpfer hinaus glaubt, dass es eine zusätzliche Kraft, ein Ding, einen Menschen, ein Geschöpf, etwas Erschaffenes gebe, sei es aus Materie oder spirituell, das in der Lage sei, die Welt anzuführen, dann kommt solcher Glaube dem Götzendienst gleich.

Ein Mensch, der an den Schöpfer glaubt und dennoch in Gedanken und im Herzen oder in seiner Lebensweise einem anderen Glauben anhängt – indem er glaubt, dass etwas Menschliches, Sachliches oder Förmliches, Geistiges oder Irdisches g’ttliche Kraft habe –, der macht den Glauben in seinem Ursprung nichtig.

Im Verlauf von Generationen wurden von anderen Religionen viele Versuche unternommen, das Volk Israel zum Glauben an andere Götter zu zwingen und ihm den Götzendienst aufzuerlegen. Während der Kreuzzüge, der Inquisition und in hellenistischer Zeit in den Epochen vor dem Chanukkawunder wurde versucht, uns von unserem Glauben und G’ttesdienst abzubringen und uns zum Götzendienst zu zwingen. Viele Juden haben ihren Glauben nicht aufgegeben, obwohl es sie das Leben gekostet hat.

Verbot Für fast alle Gebote in der Tora gilt die Regel: Es gibt keinen Grund, das Leben zu riskieren, falls jemand uns zwingt, dagegen zu verstoßen. Man darf das Gebot verletzen, um nicht getötet zu werden. Mit dem Götzendienst jedoch verhält es sich anders, er gehört zu den drei größten Verboten. Wenn jemand kommt und uns droht, er werde uns töten, wenn wir keinen Götzendienst begehen, kein Blut vergießen oder keinen Inzest begehen, dann müssen wir unser Leben opfern, statt ein solches Verbot zu übertreten. Denn der Glaube ist das Fundament unseres moralischen Lebens. Wenn wir Götzen dienen, ist das Fundament unseres Lebens zerstört.

In der heutigen Zeit, da sich der Dialog zwischen den Religionen entwickelt, sei es über offizielle Institutionen oder in Begegnungen am Arbeitsplatz, in der Schule oder beim Umgang mit Nachbarn, muss dieses Gebot im selben Maß verstärkt werden, indem wir festlegen, woran wir glauben, und wissen, woran nicht. Die Propheten pflegten gegen jene zu protestieren, die sich dem Götzendienst zugewendet hatten. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass die Prophezeiung von Sacharia in Erfüllung gehen werde und dass der Tag kommen wird, »an dem der Ewige König über die ganze Erde sein wird und am selbigen Tage der Ewige einzig sein wird und sein Name einzig sein wird« (14,9).

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund.

Inhalt
Der Wochenabschnitt berichtet davon, wie zwölf Männer in das Land Kanaan gesendet werden, um es auszukundschaften. Von jedem Stamm ist einer dabei. Zehn kehren mit einer erschreckenden Schilderung zurück. Demnach könne man das Land niemals erobern, da es von Riesen bewohnt werde. Lediglich Jehoschua bin Nun und Kalew ben Jefune beschreiben Kanaan positiv und erinnern an die Hilfe des Ewigen. Doch das Volk schenkt dem Bericht der zehn mehr Glauben und ängstigt sich. Darüber wird G’tt zornig und will das Volk an Ort und Stelle auslöschen. Mosche kann erwirken, dass G’ttes Strafe milder ausfällt. Jedoch soll niemand, der Ägypten verlassen hat, auch das Gelobte Land betreten. Jehoschua bin Nun und Kalew ben Jefune hingegen wird dies gewährt. Die anderen zehn Kundschafter sterben einen schrecklichen Tod.
4. Buch Moses 13,1 – 15,41

Lech Lecha

Zu weit gegangen

Gott wollte, dass die Ägypter die Israeliten unterdrücken – doch weil sie übertrieben, bestrafte er sie

von Mendel Itkin  08.11.2019

Talmudisches

Später Lohn

Von einem Zaddik aus Galiläa und dem Urteil über andere

von Noemi Berger  08.11.2019

Diskussion

»Jesus ist nicht katholisch geworden«

Bei der ersten gemeinsamen Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ging es um Grundsätzliches

von Jérôme Lombard  07.11.2019

Training

Rhetorik für den Rabbi

Die Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland gibt orthodoxen Rabbinern Tipps für Reden und Interviews

von Eugen El  07.11.2019

Dialog

»Gemeinsamkeit statt Abgrenzung«

Der Frankfurter Rabbiner Julian-Chaim Soussan über eine Tagung von orthodoxen Rabbinern und katholischen Bischöfen

von Ayala Goldmann  07.11.2019

9. November

Wo überall neue Synagogen entstehen

Rund 80 Jahre nach den Pogromen gibt es bundesweit mehr als 100 Synagogen – Tendenz steigend, vor allem im Osten

von Nina Schmedding  06.11.2019