Mikez

Für alle

Wenn sich jeder Einzelne einbringt, werden alle gemeinsam stärker. Foto: Getty Images/iStockphoto

Was für ein Bewerbungsgespräch! Und was für ein Auftritt. Josef wird im Wochenabschnitt Mikez aus dem Kellerverlies des Gefängnisses gerufen. Der Pharao hat in der Nacht schlecht geschlafen. Zwei Träume lassen ihn nicht los: Einmal geht es um Kühe, das andere Mal um Ähren. Sieben hässliche Kühe verzehren sieben schöne Kühe, sieben dünne Ähren verschlingen sieben dicke Ähren.

Der Häftling Josef soll aus den Träumen einen gescheiten Reim machen. Josef lässt sich Zeit. Vor der Audienz lässt er sich zuerst einmal die langen Haare schneiden und verlangt nach neuen Kleidern. Erst dann tritt er vor den König.

Traum Der Pharao erzählt ihm, was er in der Nacht zuvor geträumt hat. Selbstbewusst fasst Josef in wenigen Sätzen die beiden Träume zu einer einzigen Botschaft zusammen: »Es werden sieben Jahre kommen; da wird großer Überfluss in ganz Ägypten herrschen. Und nach ihnen werden sieben Jahre der Hungersnot kommen.«

Josef empfiehlt dem damaligen Pharao, einen Beamten einzusetzen, der eine jährliche Naturalsteuer von 20 Prozent eintreiben soll. Die Lebensmittel solle man in Vorratskammern einschließen und in den sieben Hungersjahren dann verteilen.

Die Traumdeutung verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Herrscher ernennt Josef stante pede zu seinem Stellvertreter und steckt ihm den königlichen Ring an.

TRAUMDEUTUNG Wer diesen Abschnitt liest, bleibt verwundert zurück. Ist Josefs Deutung so raffiniert? Die Interpretation, einmal gute und dann schlechte Jahre, ist doch nicht so überraschend. Rätselhaft ist aber vor allem die Blitzkarriere des Häftlings Josef. Ausgerechnet im ägyptischen Kastenwesen überspringt jemand alles und gelangt von ganz unten nach fast ganz oben.

Und vergessen wir nicht: Die Frau des Potifar hatte vor Jahren sehnsüchtige Blicke auf den hübschen Josef geworfen. Doch weil er die Avancen abschlug, landete er im Gefängnis. Und ausgerechnet so einen ernennt der Pharao zur Nummer zwei im Land?

Der Schluss liegt nahe, dass nicht die Traumdeutung die Wendung brachte, sondern es waren Josefs Ratschläge. Mit seinem Steuervorschlag und den administrativen Überlegungen revolutionierte er das Pharaonenland.

Im Gegensatz zu Awraham, Jizchak und Jakow lässt sich die Figur des Josef schwierig fassen. »Josef, der Träumer« wird er genannt. Als Jugendlicher fiel er immer wieder mit seinen Träumen auf. Am Familientisch prahlte er damit, dass sich seine Brüder später einmal vor ihm niederknien werden. Er träumte davon, dass sich elf Garben gegen die Garbe in der Mitte verbeugen. Später wird sich zeigen: Die Deutung wird sich erfüllen. Seine elf Brüder werden sich tatsächlich vor ihm verneigen, weil nur er sie vor der Hungersnot bewahren kann. Doch so wie Josef den Traum wiedergab, erweckte er natürlich den Zorn seiner Brüder. Josef ging es damals nur um sich. Er unterließ es oder war nicht in der Lage, Träume in den richtigen Kontext zu stellen. Ja, es stimmt, seine Brüder werden sich später vor ihm verbeugen, aber nur kurz. Später werden sie sich wieder aufrichten und weiterwachsen. Hätte er das angefügt, wäre sein Schicksal vielleicht anders verlaufen.

Wir finden bei Josef immer wieder diesen Zug der leichten Überheblichkeit. So unterbricht er den Pharao in seiner Erzählung und lässt ihn warten, weil er sich noch in Schale werfen will.

Und dann schlägt er dem verdutzten Pharao vor, im zentralistisch geführten Ägypten Vorratskammern in allen größeren Städten zu errichten; jede Stadt soll für ihre Bewohner sorgen.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) erklärt den Grund: In jeder Stadt sollen die Bewohner dadurch zum Bewusstsein kommen, »in diesen Kornvorräten eine Sicherung gegen künftigen Mangel vor Augen zu haben«.

Überhaupt zeigt sich in den Details Josefs wahre Stärke. Wie der mittelalterliche Gelehrte Nachmanides, der Ramban (1194–1270), zu diesen Versen anmerkt, werden die Kühe und Ähren nicht sofort gefressen, sondern verteilt auf die sieben schlechten Jahre. Und die sieben mageren Ähren nähren sich an den guten und bleiben so erhalten.

MANAGEMENT Der Ramban geht so weit, dass er Josefs Ratschlag als Teil der Traumdeutung interpretiert. Denn nur durch kluges Management werden im ersten Hungerjahr nicht sämtliche Vorräte verzehrt.

Die Steuer von 20 Prozent pro Jahr ist die erste behördliche Anweisung, die wir in der Tora finden. Sie muss damals einen ungeheuren Eindruck hinterlassen haben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit werden Einwohner dazu gezwungen, einen Teil ihres Vermögens für das Gemeinwohl abzugeben.

Sieben Jahre lang eine Steuer von 20 Prozent zu entrichten, ist das äußerst Zumutbare, das von einer Bevölkerung verlangt werden kann, die sich im unaufhörlichen Wohlstand wähnt.

Wenn wir all diese kleinen Details zusammenfügen, erkennen wir, wie aus dem Träumer Josef der zukünftige Staatslenker wurde. Die beiden Personen sind nicht vergleichbar. Josef musste lernen, dass seine Begabung kein Selbstzweck ist. Die Jahre im Gefängnis waren eine brutale Erfahrung für ihn. Aber auch eine Vorbereitung für Höheres. Vor allem die Träume der anderen Häftlinge lehrten ihn, auf jedes Detail zu achten. Das ist weit entfernt von seinen Jünglingsträumen, die er nur auf sich selbst bezog und dabei alles andere ausblendete.

Das Judentum hat große Geister hervorgebracht. Zu den größten Mathematikern, Philosophen und Dichtern zählen Juden und Jüdinnen. Aber auch falsche Erlöser, Verbrecher und geniale Betrüger.

Am Ende geht es darum, unsere Stärken dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen. Das wird von uns im Kleinen und im Großen erwartet.

Der Autor ist Journalist in Zürich und hat an Jeschiwot in Gateshead und Manchester studiert.

inhalt
Der Wochenabschnitt Mikez erzählt von den Träumen des Pharaos, die niemand an seinem Hof deuten kann außer Josef. Er sagt voraus, dass nach sieben üppigen Jahren sieben Jahre der Dürre kommen werden, und empfiehlt dem Pharao, Vorräte anzulegen. Der Herrscher betraut ihn mit dieser Aufgabe. Dann heiratet Josef: Er nimmt Asnat, die Tochter des ägyptischen Oberpriesters, zur Frau. Sie bringt die gemeinsamen Söhne Efraim und Menasche zur Welt. Dann kommen wegen der Dürre in Kanaan Josefs Brüder nach Ägypten, um dort Getreide zu kaufen.
1. Buch Mose 41,1 – 44,17

Debatte

Papst-Berater: »Vatikan schweigt sich über eine theologische Reflexion zu Land und Staat Israel aus«

Erst 1993 nahm der Vatikan diplomatische Beziehungen mit dem jüdischen Staat auf

von Norbert Demuth  14.01.2022

Talmudisches

Vom Neujahr der Bäume

Was unsere Weisen über Tu Bischwat und über Früchte lehren

von Noemi Berger  14.01.2022

Hintergrund

Hoffnung auf Frühling und Freiheit

Wie Israelis das Neujahrsfest der Bäume feiern – und was während des Schmittajahres gilt

von Rabbiner Raphael Evers  14.01.2022

Beschalach

Warnung, nicht Strafe

Durch Krankheit und Leid will der Ewige uns Menschen auf Fehler hinweisen

von Rabbiner Avichai Apel  14.01.2022

Konversion

»Giur soll einheitlich sein«

Israels Religionsminister will dezentrale Gerichte für Übertritte – orthodoxe Rabbinerkonferenzen in der Diaspora sind besorgt

von Chajm Guski  13.01.2022

Ethik

Stille Triage

Ärzte müssen entscheiden, wen sie behandeln und wen nicht. Die Halacha positioniert sich eindeutig

von Stephan Probst  09.01.2022

Regensburg

Neue Texttafel soll »Judensau« am Dom besser einordnen

Ludwig Spaenle: Gesellschaft muss »grundsätzlich bewussten und verantwortungsvollen Umgang finden«

 07.01.2022 Aktualisiert

Bo

»Die Monate werden euch gehören«

Warum die Israeliten nach der Befreiung aus der Sklaverei eine andere Vorstellung von Zeit haben

von Rabbiner Joel Berger  07.01.2022

Talmudisches

Sterne und Astronomen

Wie unsere Weisen den Kalender berechneten

von Rabbiner Netanel Olhoeft  06.01.2022