Deutung

Frieden statt Feuer

Eine mutmaßliche Brandstiftung im Westjordanland macht Schlagzeilen. Auch die ARD‐Tagesschau berichtete am 5. Oktober darüber: »In Fajar ist eine Moschee angezündet worden und das Heilige Buch der Muslime wurde geschändet. Ein heikler Fall zu Zeiten der Friedensverhandlungen. Palästinenser beschuldigen jüdische Siedler, das Feuer gelegt zu haben.« Hebräische Graffiti an den Wänden wiesen auf mögliche Täter hin.

Bei den vielen offenen Fragen, die dieses Ereignis hinterlässt, ist eine von besonderer Bedeutung: Können sich mutmaßliche jüdische Täter wirklich auf die Tora berufen? Denn im 5. Buch Moses (12, 2–3) heißt es: »Vernichten sollt ihr alle die Orte, woselbst die Völker, die ihr austreibt, ihren Göttern gedient … und reißet ihre Altäre nieder und zertrümmert ihre Standbilder, und ihre Haine verbrennt durch Feuer und ihre Götzenbilder hauet um, und vertilget ihren Namen von selbigem Ort«.

Tora Rabbiner Uri Gamson hat sich mit dem Thema beschäftigt. Aber, so meint der Leiter der Yeshiva Gedola Berlin, habe diese Frage eigentlich überhaupt keine Relevanz im jüdischen Sinne. Denn es sei absurd, auch nur daran zu denken, dass die Tora so eine Tat legitimieren könne, da sie insgesamt keine gewalttätigen Lösungen anbiete – wenn es nicht um den Fall von Selbstverteidigung gegen einen Feind geht.

Juden wüssten nur zu genau, so Rabbiner Gamson weiter, was es bedeute, wenn Gotteshäuser und heilige Bücher in Brand gesteckt würden. Juden hätten in ihrer Geschichte zu oft erleben müssen, dass andere ihre heiligen Stätten und Bücher, nicht einmal ihr Leben, bewahren wollten. Um so schändlicher sei die Idee, einen derartigen Angriff mit der jüdischen Lehre vereinbaren zu wollen.

So denken offensichtlich auch die Rabbiner, unter ihnen Shlomo Riskin aus Efrat und Menachem Fruman aus Tekoa, die unmittelbar nach dem Anschlag die Moschee in Fajar, nahe Betlehem, besucht haben. ARD‐Korrespondent Oliver Mayer‐Rüth berichtet darüber, dass die Geistlichen aus verschiedenen Gemeinden im Westjordanland kamen, um den muslimischen Gläubigen ihre Solidarität auszudrücken und ihnen neue Koran‐Bücher zu bringen. »Ein Akt der Versöhnung und ein kleiner Lichtblick im Nahen Osten«, heißt es in der Tagesschau.

Anweisung Zurück zur Frage: Ist ein solcher Akt der Entweihung eines Gotteshauses mit der Tora vereinbar? Der Jerusalemer Rabbiner Gideon Sylvester hat sich diesem Thema unlängst im britischen »Jewish Chronicle« gewidmet. Er schreibt: »Auf den ersten Blick scheint es, als unterstütze das Judentum den aggressiven Umgang mit unseren muslimischen Nachbarn.« Sylves‐ter verweist auf die oben erwähnte göttliche Anweisung an Moses, die wenig liberale und pluralistische Gedanken zulasse. Dann ergänzt er noch eine Stelle aus dem Alejnu‐Gebet, das am Ende des Gottesdienstes gesprochen wird und in dem der Wunsch ausgedrückt wird, dass »die Greuel von der Erde verschwinden und die Götzen vertilgt werden«.

Der ehemalige Oberrabbiner von Tel Aviv, Chaim David Halevy (1924–1988), habe mit Verweis auf dieses Gebet und die verschiedenen grotesken Formen des Götzendienstes gesagt, dass deren Zerstörung eine Mission für das jüdische Volk bleibe. Juden sollten stolz ihre Absicht verkünden, solche Praktiken aus der Welt zu verbannen, und stattdessen einen ethisch‐moralischen Monotheismus verbreiten.

Dann führt Rabbiner Sylvester aber aus, dass die jüdische Tradition doch den Weg weise, wie man friedlich Seite an Seite mit den Nachbarn – egal welcher Glaubensrichtung – leben solle. Und er kommt zu dem Schluss: Die jüdische Geschichte zeige, wie Minderheiten zu behandeln sind. Die Halacha lehre, heilige Bücher und Gebäude wertzuschätzen.

Religionen So weit diese Einschätzung. Doch um die jüdische Position zu verstehen, ist es wichtig, weitere Fragen zu beantworten: Was denkt das Judentum überhaupt über andere Religionen? Gibt es grundsätzliche Vorbehalte gegen den Islam? Gibt es irgendeine Rechtfertigung von Gewalt gegen Andersgläubige? Und nicht zuletzt: Was hat es mit der Aufforderung der Tora auf sich, Altäre niederzureißen, Standbilder zu zertrümmern und die Götzenbilder umzuhauen?

Grundsätzlich gilt erst einmal, dass das Judentum nicht missionarisch ist, niemanden von dessen Glauben abbringen will. Gleichwohl gibt es das Verbot des Götzendienstes, »Awoda Zara«, dem ein ganzes Kapitel im Talmud gewidmet ist. Doch die entsprechenden halachischen Verbote gelten eben nur für Juden, erläutert Rabbiner Gamson. »Wenn Muslime auch an Mohammed glauben, oder Christen an Jesus, muss uns das nicht direkt stören.« Das Judentum wende sich gegen jede Form von Awoda Zara, erlaube aber nicht, mit Gewalt dagegen vorzugehen.

Wenn ein Jude zum Beispiel eine Moschee entweihen würde, gehe es dabei nicht darum, den eigenen Glauben zu verteidigen oder sich gegen einen Feind zu verteidigen, sondern ausschließlich um die Ausübung von Gewalt. Dies ist der Tora entsprechend verboten.

Interessen Um das zu erläutern, kann auf den ersten Mord der Menschheitsgeschichte verwiesen werden: Kain tötet Abel. Warum er seinen Bruder ermordete, dafür haben die Rabbiner drei unterschiedliche Erklärungen. Entweder war es das Resultat eines Streites, wie die Welt in mobile und immobile Dinge zwischen den beiden zu teilen sei. Eine andere Annahme geht davon aus, dass es der Streit darum war, auf wessen Territorium nach einer Teilung der Welt der Tempel erbaut werden sollte. Die dritte Auslegung nimmt an, dass ein Streit über eine Frau zur Mordtat führte. Im Grunde genommen ging es um Liebe, Macht und Ehre. Keine Auseinandersetzung um spirituelle Fragen. »Wenn der Mensch dem Glauben seine eigenen persönlichen Interessen hinzufügt«, erklärt Rabbiner Gamson, »dann kann das verheerende Folgen haben.«

Der Rambam, der große jüdische Gelehrte des Mittelalters, erklärt, dass auf diesem Weg auch überhaupt erst Awoda Zara, die Götzenanbetung, in die Welt kam. Indem Menschen damit begannen, persönliche Interessen mit dem Glauben zu verbinden. Sie wussten, dass es einen Gott gibt, meinten aber, dass es vielleicht auch andere Gewalten gebe, die für das ein oder andere verantwortlich seien. So begannen sie, sich Bilder dieser vermeintlichen Gewalten zu erschaffen, und gingen später dazu über, diese auch anzubeten.

»Wer nun meint, im Namen des Glaubens Kämpfe oder Kriege führen, oder die heiligen Stätten oder Bücher anderer entweihen zu müssen, handelt im gleichen Geist, wie die, die mit dem Götzendienst begannen«, meint Rabbiner Gamson.

Denn sie würden in der schlechtestmöglichen Form zum Ausdruck bringen, dass sie über andere entscheiden wollen. »G’tt ist da, wo nichts Menschliches ist. Glaubenskriege kommen von da, wo nichts G’ttliches ist«, sagt er.

Glaubenskrieg Wenn jedoch ein solcher Kampf aus falsch verstandenem Glauben, Beispiel der aktuell von Islamisten deklarierte Djihad gegen den Westen, gegen Juden und den jüdischen Staat geführt wird, muss man sich zur Wehr setzen. Kein Zweifel. »Diejenigen, die den Glauben falsch interpretieren, wie zum Beispiel diese Terroristen, müssen bekämpft werden.«

Im Umkehrschluss einen Kampf gegen den Islam zu führen, sei absolut »unjüdisch«. Auch der Rambam erkenne den Islam wie andere Religionen an, da man auch dort zu dem einen G’tt bete. Und wichtig: Wan hat überhaupt einen Glauben. Würde es auch die anderen Religionen nicht geben, so der Rambam sinngemäß, hätte das Auswirkungen in der messianischen Zeit. »Der Messias würde kommen, und keiner würde verstehen, was er will. Er würde eine Welt ohne Glauben vorfinden.« Jede Religion hat in sich etwas Heiliges. Nur, wie sie der Mensch dann entwickelt, ist manchmal falsch. »Doch so lange es mich und meinen Glauben nicht berührt, muss ich mich daran nicht stören.«

Das Gute in anderen Religionen ist zu erkennen, das in Awoda Zara nicht. Und so heißt es in der Tora: Der Götzendienst sei von der Erde zu vernichten. Doch gelte dies für die Kinder Israels, die nicht von den anderen Völkern lernen sollten. Entsprechend seien auch die Anweisungen im 5. Buch Moses zu verstehen. Sie stünden im Kontext der biblischen Geschichte, waren eine Mizwa, also eine religiöse Pflicht für die Israeliten, die damals auf G’ttes Geheiß das Land besiedeln sollten.

Frieden Doch sei dies keineswegs eine Legitimation für heutige Gewalt. Rabbiner Gamson macht noch einmal deutlich: »Es gibt wohl keine andere Religion, welche die Bedeutung des Friedens so betont wie das Judentum.« Entsprechend des Prinzips »drachea darke noam«, die Wege der Tora sind Lieblichkeit.

Rabbiner Gideon Sylvester schreibt: »Gewalttätige Ultranationalisten haben keinen Platz in unserer Kultur«. Nur an‐ständige und zivilisierte religiöse Führerschaft könne Ruhe in die religiöse Vielfalt des Nahen Ostens bringen und das Judentum wirklich als »Licht für die Völker« verbreiten. Gemäß dem talmudischen Prinzip (Brachot 6a), dass wahre Toragelehrte Frieden in die Welt bringen.

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