Pessach

Freiwillig versklavt

Ein moderner Sklave ist heute jemand, der immerzu mit dem Telefon in der Hand herumläuft und bei jedem Piepton und Leuchten auf das Display schauen muss. Foto: Getty Images

Die Israeliten sind versklavt, Mosche verhandelt noch immer mit Pharao über den Auszug aus Ägypten, neun Plagen sind schon geschehen, um den Herrscher zum Einlenken zu bewegen, aber vergeblich. Inmitten dieser Dramatik ergeht eine eigentümlich wirkende Weisung: »Dieser Monat soll euch der Anfang der Monate sein, der erste sei er euch unter den Monaten des Jahres (2. Buch Mose 12,2).

Diese Anordnung fand Rabbiner Schlomo ben Jizchak (Raschi, 1040–1105) so bedeutsam, dass er sie als die erste Mizwa Gottes an Israel wertete. Der Monat, in dem ihr aus Ägypten auszogt, diene euch als Ausgangspunkt für euren Kalender – die Zeitrechnung der künftigen Generationen soll sich an eurem Aufbruch in die Freiheit und in die Selbstbestimmung ausrichten.

NISSAN Und auch Nachmanides (Ramban, 1194–1270) schrieb zu diesem Vers: «Israel soll Nissan als den ersten Monat ansehen und die folgenden elf Monate danach nummerieren, damit er als Erinnerung an das große Wunder dient, sodass, wann immer wir die Monate nennen, somit auch das Wunder erwähnt wird. Deshalb werden in der Tora die Monate nie benannt, sondern nur nummeriert.»

Der Monat des Auszugs aus Ägypten ist der Ausgangspunkt für den jüdischen Kalender.

Die Kommentatoren stimmen darin überein, dass die jüdische Monatszählung die Erinnerung an die Befreiung und Erlösung verewigen soll. Nun kennen wir es von anderen Kalendern aus dem Alten Orient, dass zum Beispiel die Thronbesteigung eines Herrschers zur Grundlage der Zeitrechnung gemacht wurde. Oder eine zentrale religiöse Figur dient dafür als Fixpunkt.

Aber jüdische Zeiteinteilung richtet sich nicht etwa nach einem Datum im Leben Mosches aus, sondern nach der vom ganzen Volk gemachten existenziellen Erfahrung von Freiheit. Das lädt uns ein, über Zeit und unseren Umgang mit ihr nachzudenken.

Unsere Arbeits- und Lebensverhältnisse, obgleich nicht immer selbstbestimmt und frei von Ausbeutung, sind doch nicht mit Sklaverei zu vergleichen. Wir leben heute unter so freiheitlichen Umständen, wie es wohl kaum Generationen vor uns vergönnt war. Der einzige Lebensbereich, in dem wir uns mitunter als Sklaven beschreiben, betrifft die Zeit.

Inmitten einer freien Welt empfinden wir uns als fremdbestimmt.

«Ich habe keine Zeit», jemand steht unter «Zeitdruck», der Abgabetermin einer Arbeit wird als «Deadline» (Todeslinie) beschrieben. Wir jagen von einem Termin zum nächsten, Stress und Gehetztsein bestimmen unseren Alltag. Inmitten einer Welt, die uns viele Freiheiten eröffnet, empfinden wir uns als fremdbestimmt, als Getriebene und nicht als Gestalter unseres Lebens.

PRIORITÄTEN Der große Dichter Jehuda Halevi (1075–1141) meinte: «Knechte der Zeit sind Sklaven, allein ein Knecht Gottes ist frei.» Er drückte damit aus, dass es auf Prioritäten ankommt. Ein moderner Sklave ist heute jemand, der immerzu mit dem Telefon in der Hand herumläuft und bei jedem Piepton und Leuchten auf das Display schauen muss.

Welche WhatsApp-Nachricht ist gerade eingegangen? Was schreiben andere auf Facebook, welche Fotos posten sie auf Instagram? Wie reagiere ich spritzig auf einen Tweet? Auf welche E-Mail muss ich gleich antworten?

Jedes Mal werden wir herausgerissen aus etwas, mit dem wir gerade beschäftigt sind – das verhindert die konzentrierte Beschäftigung mit einem Gegenstand oder einem Menschen, ständig werden wir unterbrochen, und unsere Gedanken schweifen ab. Diese Unterordnung unter die Signale unseres Handys raubt uns unendlich viel Zeit, weil es jedes Mal sehr lange dauert, bis wir in die gerade unterbrochene Tätigkeit zurückfinden.

UNHÖFLICHKEIT Zu einer groben Unhöflichkeit wird es allerdings, wenn wir gerade mit jemandem im Gespräch sind und doch zwischendurch immer wieder unsere Nachrichten abrufen. Wo sind wir dann eigentlich? Sind wir wirklich präsent in der Gegenwart, die wir gerade durchleben?

Was häufig zurückbleibt, ist ein Gefühl der Leere: Man hat so vieles am Tag gemacht, aber doch nicht eigentlich etwas geschafft. Wir fühlen uns gehetzt, sind unablässig beschäftigt und dabei doch unproduktiv.

Was ist es eigentlich, dass uns zu Getriebenen macht? Wie können wir wieder das Gefühl zurückgewinnen, dass wir unser Leben bewusst gestalten? Die Tora erinnert uns daran, dass die Erfahrung von Freiheit zur Grundlage unseres Zeitmaßes gemacht wurde. Die Pessach-Geschichte verknüpft den Kalender mit dem Gedanken des Frei-Werdens und fordert uns auf, unseren eigenen Umgang mit Zeit zu überprüfen.

«Knechte der Zeit sind Sklaven, allein ein Knecht Gottes ist frei», schrieb Jehuda Halevi.

Auch das abendliche Ritual des Zählens der Omertage, das gleich am zweiten Pessachabend einsetzt und uns zu Schawuot, dem Fest der Gabe der Tora, führt, verweist uns auf diese Fragen, dieses Nachdenken.

Äußere Befreiung wird erst dann wirksam, wenn sie auch von einem inneren Frei-Werden begleitet ist. Zum Seder sollen wir uns selbst in den Auszug aus Ägypten hineinversetzen.

Die in Jerusalem lebende Dichterin Bella Schor beschreibt mit ihren Zeilen, was das für uns bedeutet: «Ich kam zum Pharao / und sagte ihm: / Entlasse mich aus der Knechtschaft in die Freiheit! / Er schaute mich an / und sagte mir kaum hörbar: / Was willst du von mir? / Es liegt doch in deiner Hand.»

Chag Pessach und Chag HaCherut Sameach!

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde Hameln und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland (ARK).

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden haben ein Beit Din gegründet. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz kritisiert den Schritt als »Spaltungsmanöver«

von Mascha Malburg  19.05.2026

Klang

Ewiges Nachhallen

Warum die Israeliten in die Stille der Wüste ziehen mussten, um das Wichtigste zu hören

von Rabbiner Jaron Engelmayer  17.05.2026