Symbol

Freiheit, die ich meine

Leicht und locker: Fromme israelische Frauen bereiten die »Mazza schmura« zu. Foto: dpa

Obwohl wir an Pessach die Geburt des jüdischen Volkes feiern, hat das Fest wenig Ähnlichkeit mit dem Jom Haazmaut oder dem amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli. Ein kleines Gedankenexperiment führt uns die Einzigartigkeit von Pessach vor Augen. Wenn, was Gott verhüte, Israel von arabischen Armeen überrannt oder von einer iranischen Atombombe zerstört würde, würde am darauffolgenden 5. Ijar niemand die israelische Unabhängigkeit feiern. Was gäbe es auch zu feiern, wenn der Staat, der mit so großer Hoffnung geboren wurde, nicht mehr bestehen würde?

Über 3.000 Jahre nach der Befreiung aus Ägypten versammelten sich Juden in aller Welt um den Sedertisch, obwohl das leuchtende Versprechen dieser Begebenheit, das Versprechen einer nationalen Geburt, nie verwirklicht worden war. Die Sklaverei Ägyptens war alles andere als die letzte. Es folgte das babylonische, persische, griechische und römische Exil. Das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen, war unseres nur für einen kleinen Teil der Dauer unserer Existenz als Volk. Die Juden feierten Pessach, als sie sich in Höhlen vor den Römern und in dunklen Kellern vor der Inquisition versteckten.

Todeslager Selbst in den Todeslagern der Nazis lasen Juden Weizenkörner auf, Korn um Korn, um Mazzot zu backen. Trotz endloser Tage von mörderischer Arbeit bei einer Essensration, die der Hälfte des Existenzminimums entsprach, tauschten Juden ihre Rationen gegen weniger nahrhafte Mazzot ein. Andere, die keine Mazzot finden konnten, tauschten Brot und Suppe gegen rohe Kartoffeln, damit sie kein Chamez essen mussten – selbst, nachdem die Rabbiner ihnen erklärt hatten, dass das Gebot, sein Leben zu erhalten, von ihnen verlange, Brot zu essen.
Wie unseren Vorfahren in Ägypten wurden den Juden in den Todeslagern Frauen und Kinder aus den Armen gerissen. Man brauchte keine besondere Vorstellungskraft, um die Worte der Haggada zu verstehen: »Sie haben uns gefoltert; sie haben uns unterdrückt; sie haben unerträglichen Druck auf uns ausgeübt.« Dennoch priesen sie Gott. Wie konnten sie das tun? Ein Kommentar zur Haggada stellt die Frage: Angenommen, ein Mensch wird aus dem Gefängnis entlassen und landet einige Zeit später erneut im Gefängnis – würde er seine Mitgefangenen auffordern, zusammen mit ihm den Tag seiner ersten Entlassung zu feiern?

Die Tora nennt den Feiertag: Chag Haaviv oder Chag Hamazzot. Doch wir nennen ihn Pessach, in Erinnerung daran, dass G’tt die Häuser der Israeliten ausließ, als Er die Erstgeborenen der Ägypter tötete.

Aufgrund der Befreiung aus Ägypten weiß jeder Jude, ganz gleich wie schlimm seine gegenwärtige Situation ist, nächstes Jahr wird er frei sein. Und wenn nicht nächstes Jahr, dann das Jahr darauf. Und auch wenn er es persönlich nicht mehr erlebt – wie all jene, die in Ägypten und in den Todeslagern starben –, wird das jüdische Volk überleben, um Pessach unter glücklicheren Umständen zu feiern.

Doch die Hoffnungen auf unsere Zukunft als Gemeinschaft sind nur ein Teil des Ganzen. Die Befreiung endete nicht mit dem Auszug aus Ägypten, sondern am Berg Sinai. Durch die ägyptischen Wunder und die Übergabe des Gesetzes offenbarte Gott ein Reich des Geistes, dem keine Macht irgendeines Tyrannen etwas anhaben kann.

Bestandteile Die Mazze erinnert uns daran, dass unsere Freiheit letztendlich eine geistige ist. Mazze, schreibt der Maharal, ist das Symbol unserer Freiheit gerade deswegen, weil sie geistiges Brot ist. Sie besteht nur aus den absolut unentbehrlichen Bestandteilen: Weizenmehl und Wasser. Jede weitere Zutat macht sie unbrauchbar. Die geistige Welt ist eine der Einfachheit und Einheit.

Weil die gewonnene Freiheit ihrem Wesen nach eine geistige Freiheit war, konnte sie niemals völlig verloren gehen. Wir hörten auf, Sklaven für Sklaven zu sein und wurden zu Dienern des Heiligen Einen, gesegnet sei Er. Die Pharaonen jeder Generation versuchen, in diese Beziehung einzudringen, doch jenseits eines gewissen Punktes können sie uns kein Leid zufügen.

Mit der Feier des Pessachfestes in den Todeslagern brachten Juden ihren Widerstand gegen ihre Nazi-Unterdrücker und ihre Verachtung für sie keinen Deut weniger mutig zum Ausdruck als ihre Vorfahren, die vor dem Auszug aus Ägypten Schafe schlachteten, die den Ägyptern heilig waren.

Schweigend taten sie damit kund: »Ihr könnt uns verhungern lassen, ihr könnt uns töten, doch die Hauptsache unseres Seins könnt ihr nicht zerstören. Denn ihr könnt uns das Wissen nicht rauben, dass wir in einer Welt leben, die mit Sinn erfüllt ist; eine Welt, in der jeder Aspekt der physischen Existenz, auch noch die schlimms-te physische Erniedrigung, mit Heiligkeit erfüllt sein kann.«

Die Befreiung offenbarte eine Welt des Geistes und wie wir in sie eintreten können. Und diese Offenbarung bleibt mit uns, zu allen Zeiten und an allen Orten. Aus diesem Grund ist Pessach unser wahrer Unabhängigkeitstag.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.jewishmediaresources.com

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026