Ekew

Freier Wille

Gelb oder blau? Der Mensch kann selbst entscheiden. Foto: Getty Images

In unserem Wochenabschnitt gibt Mosche die Worte des Ewigen an das Volk weiter: »Alles, was ich von dir bitte, ist, mich zu fürchten.«
An diesen Satz musste ich denken, als ich davon las, wie Nancy Reagan, die Frau des damaligen US-Präsidenten Ronald Rea­gan, 1982 eine Grundschule in Kalifornien besuchte und dort von einer Schülerin gefragt wurde, was sie denn tun solle, wenn ihr Drogen angeboten werden würden.

Nancy Reagan antwortete: »Just say no« (»Sag einfach nein«).
Nach kurzer Zeit bildeten sich an zahlreichen Schulen »Just Say No«-Organisationen, die Anti-Drogen-Programme ins Leben riefen, in denen junge Menschen Pakte schlossen, nicht mit Drogen zu experimentieren.

RECHENSCHAFT Das mag banal klingen, aber die Idee, Verantwortung und Rechenschaftspflicht direkt auf die Person zu übertragen, die die moralische Entscheidung trifft, unabhängig von anderen Faktoren wie Armut, Gruppenzwang, sozioökonomischer Benachteiligung oder Charakterschwäche, scheint weiterhin dem herkömmlichen Denken zu widersprechen. Die Vorstellung, dass wir für unser eigenes Handeln verantwortlich sind, wird zunehmend infrage gestellt.

So schrieb die britische Tageszeitung »Guardian« 2016 in einem Artikel, Nancy Reagans »Just Say No«-Kampagne habe Angst und Ignoranz verbreitet statt Informationen. Sie »verlagerte die gesamte Verantwortung auf den Einzelnen und verweigerte ihm die Werkzeuge, die er braucht, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Wenn wir nicht radikal den Kurs ändern und die Realitäten des amerikanischen Drogenkonsums und die zugrunde liegenden sozioökonomischen Faktoren anerkennen, werden Millionen von Kindern (…) weiterhin erwachsen werden und Ja sagen«.

Die Vorstellung, dass wir als autonome moralische Individuen handeln, die von »Bechira«, dem freien Willen, geleitet werden, ist wohl die grundlegendste Idee im Judentum. Ohne diese Fähigkeit wären wir kaum anders als Tiere, die von Instinkt, Neigung und Umwelt getrieben werden. Wir wären nicht mehr Handelnde, sondern würden zu Opfern, die die Schuld immer nur bei anderen sähen, aber nie bei uns selbst.

PROZESS Der Rambam, Maimonides (1138–1204), sieht im freien Willen das, was uns Menschen auszeichnet. Der Gelehrte baut diesen Grundsatz in einem zweistufigen Prozess auf. Am Anfang des fünften Kapitels seiner Hilchot Teschuwa (Gesetze der Reue) macht er die Einzigartigkeit des Menschen daran fest, dass er in der Lage ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und frei zu handeln. Einen Beleg dafür sieht der Rambam in den Worten des Ewigen: »Jetzt ist der Mensch wie einer von uns geworden – er weiß, was gut und böse ist« (1. Buch Mose 3,22).

Dies bedeute, erklärt Rambam: »Das menschliche Geschlecht ist einzig in der Welt, sodass sich ihm kein zweites in dieser Hinsicht gleichstellen kann. Er kann aus eigenem Antrieb, durch seine Vernunft und sein Denken das Gute wie das Böse als solches erkennen und das vollführen, was er will, sodass ihn niemand daran hindern kann, das Gute oder das Böse zu tun.«

Der Rambam identifiziert dies als etwas elementar Menschliches. Es hat also nichts damit zu tun, ob jemand jüdisch ist oder nicht. Mensch zu sein, bedeutet, eine von G’tt gegebene Intelligenz zu haben, die in der Lage ist, Gut und Böse richtig zu erkennen sowie die Fähigkeit zu haben, autonom zu handeln.

hauptprinzip Der Rambam argumentiert leidenschaftlich gegen die weit verbreitete Meinung, es gebe keinen freien Willen: »Und dies ist ein Hauptprinzip, die eigentliche Säule der Tora und ihrer Gebote, wie gesagt wird: ›Siehe, ich habe vor dir heute Leben und Gutes und Tod und Böses vorgelegt‹ (5. Buch Mose 30,15). Außerdem steht geschrieben: ›Siehe, ich lege euch heute Segen und Fluch vor‹ (11,26); was so viel sagen will wie: Die Macht liegt in eurer Hand, und was auch immer der Mensch zu tun geneigt sein mag, er hat einen freien Willen, sich für Gut oder Böse zu entscheiden.«

Warum wiederholt der Rambam seine Aussage und zitiert einen weiteren Tora-Vers, um seine Argumentation zu belegen?

Der Berliner Rabbiner Dovid Roberts erklärt, dass der freie Wille zwei Ebenen hat: Die erste ist universell und Bestandteil der Einzigartigkeit des Ebenbildes G’ttes. Sie ist völlig unabhängig davon, ob ein Mensch jüdisch ist oder nicht. Mensch zu sein, bedeutet, die grundlegende Fähigkeit zu haben, Gut und Böse zu erkennen, dieser g’ttlichen Komponente, Ausdruck zu verleihen und sich ihm letztendlich zu beugen und seinem Ruf zu folgen.

Daher wurden die heidnischen Gesellschaften zur Zeit der Sintflut für Diebstahl verantwortlich gemacht und Sodom für die institutionalisierte Gleichgültigkeit gegenüber Zedaka und sozialer Gerechtigkeit. Beide scheiterten sie. Sie wurden dem Menschen nicht gerecht und wurden daher abgelehnt und verschmäht. Sie konnten die nächste Stufe in der Entwicklung der Menschheit nicht erleben: die Offenbarung am Berg Sinai und die direkte Kommunikation des Ewigen mit den Menschen in Form der Tora.

STUFE Wenn man nicht zuerst die Kunst des Menschseins in ihrem vollsten und wahrsten Sinne anerkannt und gemeistert hat, ist es unmöglich, diese nächste Stufe zu erreichen.

Die wesentliche Botschaft von G’ttes Bitte an uns ist eindeutig: »Ich regiere die Welt, Ich bin für alles verantwortlich – mit einer winzigen Ausnahme, aber entscheidenden Dimension, in der du wie Ich bist. Ich habe dich nach Meinem Ebenbild geschaffen, mit der Fähigkeit zu denken und zu verstehen, was richtig und falsch ist. Zusätzlich hast du eine Neschama (Seele), die in der Lage ist, sich mit Meiner Tora zu verbinden. Der einzige Bereich jedoch, den Ich euch überlasse, sind die moralischen Entscheidungen. Um Demut und Ehrfurcht vor Mir auszudrücken, entscheidet ihr autonom und unterwerft euch Meinen Wünschen.«

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Ekew zählt die Folgen des Gehorsams der Israeliten auf. Wenn sie sich an die Gesetze halten würden, dann blieben die Völker jenseits des Jordans friedlich, und es würde sich materieller Fortschritt einstellen. Die bisherigen Bewohner müssen das Land verlassen, weil sie Götzen gedient haben – nicht, weil das Volk Israel übermäßig rechtschaffen wäre. Am Ende der Parascha verspricht Mosche, im Land Israel würden Milch und Honig fließen, wenn das Volk die Gebote beachtet und an die Kinder weitergibt.
5. Buch Mose 7,12 – 11,25

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