Social Media

Frag den Rabbi lieber zweimal

Haben wir es innerhalb der jüdischen Gemeinschaft bei Facebook also mit zwei konkurrierenden Lagern zu tun?

Rabbiner sollen jüdische Lebensführung und Gelehrsamkeit vorleben und ihrer Gemeinde als Vorbild dienen. Die Kernaufgabe rabbinischer Tätigkeit liegt in der Erläuterung und Auslegung der Tora. Dazu gehört es, die Gemeinde halachisch zu beraten und im Zweifelsfall Entscheidungen zu treffen.

In einer Zeit, da Versicherte ihren Sachbearbeiter bei der Krankenkasse nie zu Gesicht bekommen und Anrufe bei Hotlines zunehmend von Livechats abgelöst werden, ist auch die uralte Tradition, sich beim Rabbiner Rat zu holen, in die Sphären der sozialen Medien eingezogen.

Jewig So gründete vor drei Jahren die jüdische Initiative für informelle Bildung »Jewig« die Gruppe »Frag den Rabbiner« auf Facebook. Was mit einem Rabbiner und einigen Aktivisten begann, ist heute eine Community von 4575 Mitgliedern und mehr als 30 orthodoxen Rabbinern, die bereit sind, ihnen in Fragen der jüdischen Traditionsliteratur und Lebensführung beizustehen.

Zunächst sah das Konzept der Initiatoren vor, dass sich die Gruppe mit halachischen Fragen einschließlich der Kaschrut befassen sollte, also den Kernthemen eines traditionellen jüdischen Lebenswandels. Viele der Mitglieder sind junge Jüdinnen und Juden, die in nicht traditionellen Elternhäusern aufgewachsen sind und sich jetzt um ein toratreues Leben bemühen. Halachische Fragen, die spontan in Alltagssituationen auftreten, können hier schnell und unkompliziert gestellt werden.

Die Niedrigschwelligkeit des Angebots macht den Erfolg der Gruppe aus, ist sich die Initiatorin des Projekts, Katja Novominski, sicher. Die Hemmschwelle, einfach online seine Frage ins Smartphone zu tippen, ist viel niedriger als die, sich einen Termin geben zu lassen und den Rabbiner seiner Gemeinde persönlich aufzusuchen.

Mikwe Es blieb jedoch nicht bei Fragen wie: »Darf ich mit künstlichen Nägeln in die Mikwe?« oder »Ich habe gehört, man solle keine Kreuze zeichnen, wie ist es dann mit Pluszeichen?«. Manche Teilnehmer missbrauchten die Gruppe auch für interkonfessionelle Auseinandersetzungen, persönliche Profilierung oder stellen schlichtweg keine Frage, sondern teilen eigene, oft unpassende Inhalte. Daher entschied sich das Administratorenteam »schweren Herzens für einen harten Moderationsstil«, betont Novominski.

Die Regeln lauten: 1.) Fragen haben mit dem Wort »Frage« zu beginnen, rabbinische Antworten mit dem Wort »Antwort«. 2.) Die Fragen dürfen nur Informationen enthalten, die für die Frage relevant sind (keine Vorgeschichten, Ausführungen oder Statements); externe Links sind verboten. 3.) Solange der Rabbiner nicht geantwortet hat, sind jegliche Posts unter der Frage verboten.

Beiträge, die gegen diese Regeln verstoßen, werden gelöscht. Und Mitglieder, die sich trotz Verwarnung nicht zur Ordnung rufen lassen, müssen die Gruppe verlassen.

Freiheit Dem Wiener Journalisten Samuel Laster erschien das Format mit der Zeit etwas zu steif und förmlich. Er schätzte zwar die rabbinische Expertise, wünschte sich aber mehr Freiheit und Diversität in den von den Mitgliedern geteilten Inhalten und in den Diskussionen. So gründete er vor knapp drei Monaten gemeinsam mit einigen Mitstreitern das Format »Frag den Rabbiner unzensiert«.

Was sich zunächst nicht ganz jugendfrei anhört, ist eine neue »Plattform für Ihre Fragen zu Judentum und Halacha«, wie es in der Gruppenbeschreibung heißt. Aber im Unterschied zu »Frag den Rabbiner« herrsche hier »ein freies Diskussionsklima im Stil eines Wiener Salons«, findet Laster. Mittlerweile ist das Forum auf 4311 Personen angewachsen.

Haben wir es innerhalb der jüdischen Gemeinschaft bei Facebook also mit zwei konkurrierenden Lagern zu tun? Steht der Judenheit gar ein Social-Media-Schisma bevor? Die etwa gleich großen Mitgliederzahlen scheinen eher darauf hinzudeuten, dass viele User gern Mitglied in beiden Gruppen sein möchten. Offenbar steht ihnen der Sinn manchmal eher nach festen Regeln und ein andermal nach Wiener Salon

Wa’etchanan

Die Kraft des Gebets

Wie wir Enttäuschungen verarbeiten und unser Gottvertrauen bewahren können

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  24.07.2026

Talmudisches

Töchter Jerusalems

Was unsere Weisen über Tu beAw und die Partnersuche lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  23.07.2026

Tischa beAw

Nach der Zerstörung

Der Tag der Trauer um den Tempel steht heute auch im Schatten von Schoa und 7. Oktober

von Rabbiner Yehoyada Amir  23.07.2026

Dewarim

Mosches Vermächtnis

Im fünften Buch der Tora richtet sich die Botschaft direkt an eine neue Generation

von Jacov Rürup  17.07.2026

Talmudisches

Nähe und Liebe

Was unsere Weisen über die Herausforderungen für Paare lehren

von Detlef David Kauschke  17.07.2026

Bein Hametzarim

Die verborgene Struktur der drei Wochen

Warum die Zeit der größten Trauer zugleich auf die endgültige Erlösung verweist

von Valentin Lutset  17.07.2026

Tradition

»Frauen waren schon immer weise«

Seit vier Jahren leitet Rabbanit Yemima Mizrachi Seminare für die Frauen von europäischen Rabbinern. Und definiert damit die Rolle der Rebbetzin neu

von Mascha Malburg  16.07.2026

Streit

Welche liberalen Konversionen werden in Israel anerkannt?

Die Union progressiver Juden behauptet, künftig würden nur Giurim ihres Rabbinatsgericht für die Alija anerkannt. Nun stellt der Zentralrat dies mit Verweis auf die Jewish Agency richtig

 15.07.2026 Aktualisiert

Matot-Mass’ej

Hand in Hand

In der biblischen Erzählung von der Verteilung des Landes wird ein wichtiges Prinzip deutlich

von Rabbinerin Yael Deusel  10.07.2026