Einsicht

Fitness mit Rambam

Rauf aufs Laufband: Egal ob man schneller oder weiter läuft oder seine Leistung hält, während man beständig älter wird, die Fortschritte sind messbar. Foto: ddp

Als ich in der vergangenen Woche mein Pensum auf dem Laufband erfolgreich absolviert hatte, dachte ich darüber nach, wie viel besser ich mich fühlte, verglichen mit dem Moment, als ich mich nach einem frühmorgendlichen Minjan zum Studio geschleppt hatte. Der augenscheinlichste Grund liegt darin, es überhaupt dorthin geschafft zu haben. Allein das Erscheinen im Fitnessstudio ist ein kleiner Triumph. Es ist unglaublich, wie viele Ausreden der Yetzer (Trieb) uns einflüstert, wenn wir uns einer kleinen Mühe unterziehen sollen.

Die Endorphine, die durch intensive Bewegung freigesetzt werden, spielten sicherlich auch eine große Rolle. Es gibt keinen besseren Stimmungsaufheller als Sport – der Effekt ist garantiert. Das Beste aber am Fitnessstudio ist das Gefühl zu wachsen. Egal ob man schneller oder weiter läuft oder seine Leistung hält, während man beständig älter wird, die Fortschritte sind messbar. Zu jedem Lauf gehört mindestens ein halbes Dutzend Gespräche im Kopf, in denen jede Menge überzeugende Gründe vorgebracht werden, warum gerade jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, aufzuhören. Man erlebt am eigenen Leibe, wie zutreffend die Erklärung von Dav Dessler ist, dass seit dem Sündenfall Adams Yetzer hara (der böse Trieb) aus unserem Innern spricht: »Ich will«. Wenn der Yetzer hatov (gute Trieb), der von außen spricht: »Du sollst«, eines dieser Streitgespräche gewinnt, stellt sich das Gefühl ein, wirklich etwas ge‐
schafft zu haben.

Verbindung Was mich mein morgendlicher Lauf lehrte, war die enge Verbindung zwischen Glück und persönlichem Wachsen. Von allen Schöpfungen Haschems sind die Menschen die Einzigen, deren Handeln nicht von Instinkten bestimmt wird, die jedem Mitglied der Art gleichermaßen innewohnen. Nur wir können über die Zukunft nachdenken und uns individuelle Ziele setzen; nur wir können uns dafür entscheiden, auf ein momentanes Vergnügen zu verzichten, um ein langfristiges Ziel zu erreichen.

Wachstum Haschem hat jedem von uns das Bedürfnis nach Wachstum eingepflanzt. Dieses Wachstum ist abhängig da‐
von, ob es uns gelingt, unsere Schwächen zu überwinden, seien sie körperlicher, emotionaler oder geistiger Natur. Der Reiz des Fitnessstudios liegt darin, dass wir die Fortschritte dort auf objektive Weise messen können. Die Erkenntnis, dass Menschen so programmiert sind, dass sie nach Wachstum streben, hat wichtige Auswirkungen auf unsere Rolle als Eltern. Die meisten von uns richten all ihre Energien darauf, ihre Kinder gegen Schmerz abzuschirmen und sie vor der Erfahrung eines Misserfolgs zu schützen. Dieser Wunsch, unsere Kinder vor Fehlschlägen zu bewahren, treibt seit 30 Jahren die Bewegung an, die sich die Stärkung des Selbstwertgefühls auf die Fahnen geschrieben hat. Mein Freund Rabbi Avraham Birnbaum schrieb kürzlich in Yated Ne’eman über den Trend an unseren Schulen, den Kindern keine schlechtere Note als Eins minus zu geben, ungeachtet der Leistung oder der aufgewendeten Mühe.

Rückschläge Statt unsere Kinder gegen Rückschläge abzuschirmen, sollten wir unsere Energien lieber dazu nutzen, ihnen dabei zu helfen, die richtigen Instrumente zu entwickeln, mit denen sie solche Rück‐schläge überwinden können und angesichts von Misserfolgen durchhalten. Statt sie mit Lob zu überhäufen – dem sie ohnehin bald mit Misstrauen begegnen, wenn es unabhängig von Mühe oder Leistung verteilt wird –, müssen wir ihnen beibringen, wie man sich Ziele setzt und dann daran arbeitet, sie zu erreichen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie das Glück erfahren, das aus der Überwindung von Hindernissen, innerlichen und äußerlichen, erwächst, während wir ihnen zur gleichen Zeit stets bewusst machen müssen, dass Fortschritte nur im Vergleich zu sich selbst und zu den Hindernissen, die sie überwinden, gemessen werden können, nicht im Vergleich zu anderen.

Kurz, unsere Aufgabe als Eltern besteht darin, ihnen Chancen zu bieten, damit sie die Wahrheit der Aussage von Chazal erleben: »L’fum tzaara agra«, die Belohnung kommt der Mühe gleich. Rabbi Noah Weinberg pflegte zu sagen, die Vorstellung, dass das Gegenteil von Freude Schmerz ist, sei ein Produkt westlicher Dekadenz: Schmerz ist häufig die Vorbedingung für wahre Freude. Er hielt es für sehr wichtig, möglichst oft von seinen zahlreichen Misserfolgen zu sprechen, die ihm begegneten, bevor er »Aish HaTorah« gründete.

Als ich meinem morgendlichen Chavrusah (Studienpartner) von meiner im Fitnessstudio gewonnenen Einsicht über das inhärente menschliche Bedürfnis zu wachsen erzählte, brachte er einen wichtigen Einwand vor: Man darf Moshol (gleichnishaft) nicht mit Nimshal (wörtlich) verwechseln. Der Reiz des Fitnessstudios liegt darin, dass es konkrete und messbare Fortschritte ermöglicht. In den meisten wichtigen Bereichen, in denen wir nach Wachstum streben, steht uns ein solches objektives Feedback nicht zur Verfügung.

Erfolg Beispiel: Das Lernen in der Jeschiwa, nach der tieferen Methode des Beiyun‐ oder der schnelleren Methode des Bekius‐Lernens. So fällt es einem Jeschiwa‐Studenten nicht leicht, seine Fortschritte beim Beiyun‐Lernen zu messen. Es gibt vielleicht Indikatoren des Wachstums, doch der Fortschritt verweigert sich der Quantifizierung hartnäckig. Das temporeichere Bekius‐Studium bietet konkrete Maßstäbe in Form der Dapim (Seiten), die man durchgearbeitet hat. Und beim Bekius‐Studium ist es leichter, Tests zu formulieren, mit denen geprüft wird, wie gut der Schüler das Material beherrscht. Diese konkrete Messbarkeit der Fortschritte macht es für viele Menschen attraktiv. Ich kann mich gut daran erinnern, wie mein Rosch Jeschiwa mich warnte, als ich eines Nachmittags an der Mirrer Yeshiva für die Prüfung lernte: »Bekius wird dir so sehr gefallen, dass du nicht mehr zum Iyun zurückfindest.«

Dennoch wäre es ein tragischer Fehler, all unsere Lebensenergien auf die bequeme Verfügbarkeit von objektivem Feedback zu konzentrieren. Manche Dinge sind an sich erstrebenswerter als andere. Nicht alle Fortschritte sind von gleichem Wert. Sonst wären wir alle gut beraten, jeden verfügbaren Augenblick im Fitnessstudio zu verbringen, wo das Feedback sowohl objektiv als auch unmittelbar ist.

Fortschritt Die Entwicklung von Middos (Charaktereigenschaften) zum Beispiel ist nicht leicht zu quantifizieren. Situationen wie die, die Rambam in Hilchos Teshuva beschreibt, in denen man sich in der exakt gleichen Situation wiederfindet, in der man in der Vergangenheit schon einmal ein Scheitern erlebte, kommen nicht alle Tage vor. Die Schwierigkeit, Fortschritte von Middos zu messen, mindert kein bisschen die Notwendigkeit, stets eine Besserung anzustreben.

Die Vervollkommnung unserer Middos ist das oberste Ziel des Leben. Je mehr wir erfolgreich darin sind, die Middos von Haschem nachzuahmen – so wie Er gütig und barmherzig ist, so müssen wir gütig und barmherzig sein –, umso mehr sind wir dazu fähig, uns mit Ihm zu verbinden und umso stärker ist die Verbundenheit mit Ihm in der kommenden Welt. Doch die endgültige Punktzahl in der Prüfung werden wir erst erfahren, wenn wir in die Welt der Wahrheit kommen. Im Fitnessstudio gewinnen wir ein Gefühl für die enge Verbindung zwischen persönlichem Wachstum und der Freude am Leben. Nirgendwo sonst können wir so rasch die Lust am Weitermachen erfahren, weil wir ein Ziel erreichen wollen, auch wenn ein Teil unseres Gehirns schreit: »Aufhören!« Doch wenn die Lektion erst einmal gelernt ist (und die Endorphine ausgesschüttet werden), ist es an der Zeit, sie auf wichtigere Ziele anzuwenden, als schneller oder länger zu laufen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.Jewishmediaresources.org

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