Repariere!

Feinarbeit

Handwerkszeug: für jede Unvollkommenheit das richtige Instrumentarium Foto: Fotolia / Montage: Frank Albinus

Gott hat die Welt erschaffen, aber sie ist nicht vollkommen. Ganz und gar nicht. Kinder gehen hungrig zu Bett. Barbarische Menschen begehen Völkermorde. Völker erheben das Schwert gegen andere Völker. Obdachlose schlafen auf der Straße. Die Welt braucht Menschen, die sie reparieren.

Am Ende jedes traditionellen jüdischen Gottesdienstes, der dreimal täglich gehalten wird und Gott als den Heiligen Einen feiert, heißt es im Alenu‐Gebet: »Deshalb hoffen wir auf Dich, Ewiger, unser Gott, Dich bald in der Herrlichkeit Deiner Stärke zu sehen, um … die Welt zu vervollkommnen als Reich des Allmächtigen; und dass alle Sterblichen Deinen Namen anrufen.«

Dies ist der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit. Es ist die Anerkennung, dass Gott uns Arbeit übrig gelassen hat, um die Welt zu vervollkommnen, um ihre Zerbrochenheit zu reparieren – Tikkun Olam – um Schalom zu erstreben. Dieser hebräische Begriff wird normalerweise mit Frieden übersetzt, kommt aber vom Stammwort für »Ganzheit«. Wir können nicht ganz sein, wenn die Welt nicht ganz ist.

Handeln Der göttliche Funken in dir wird angestoßen, wenn du einem Menschen begegnest, geschaffen nach dem Bilde Gottes, der in tiefster Not ist. Dabei geht es nicht bloß um eine großzügige Geisteshaltung, es geht vielmehr darum, dass der Geist in dir das Herz zum Handeln aufruft.

Die Bibel steckt voller Gesetze, die einer tiefen Sorge um Benachteiligte, Fremde, Witwen und Waisen Ausdruck geben. Gott sagt: »Und einen Fremdling sollst du nicht kränken und nicht bedrücken, denn Fremdlinge wart ihr im Land Mizraim. Keine Witwe und Waise sollt ihr bedrücken. Wenn du sie aber bedrückst, werde ich, so sie zu mir schreit, ihren Schrei erhören, und mein Angesicht wird aufflammen, und ich werde euch töten durch das Schwert, dass eure Frauen Witwen und eure Kinder Waisen werden.

Wenn du meinem Volk, dem Armen neben dir, Geld leihst, sei nicht gegen ihn wie ein Schuldherr; leg ihm keinen Zins auf. Wenn du das Kleid deines Nächsten zum Pfand nimmst, sollst du es ihm bis zum Sonnenuntergang zurückgeben. Denn dies ist seine einzige Bedeckung, dies sein Gewand für seinen Leib; worin soll er schlafen? Und wenn er dann zu mir schreit, so werde ich ihn hören, denn ich bin barmherzig« (2. Buch Moses 22, 20–26). Wie wirst du die Welt reparieren?

Helden Danny Siegel wendet seine ganze Zeit und Kraft für das Reparieren der Welt auf. Vor über 30 Jahren gründete er eine ge‐
meinnützige Organisation zur Unterstützung von Mizwa‐Helden, wie er es nennt. Auf der ganzen Welt sucht er Menschen, die ihr Leben dem Dienst an anderen widmen, Menschen wie: Ranya Kelly, die »Schuh‐Dame« aus Denver, die ihr Werk begann, als sie eines Tages 500 Paar nagelneuer Schuhe in einer Mülltonne fand. In 22 Jahren hat sie bis heute brauchbare Gegenstände im Wert von über 23 Millionen Dollar vor der Vernichtung bewahrt und an Menschen in Not verteilt.

Paula Kay Beville, die Gründerin von Second Wind Dreams, einer Organisation, die älteren Menschen in Heimen und anderen Einrichtungen einen Lebenstraum erfüllt.

John Beltzer, den Gründer von Songs of Love, einer Gruppe von Musikern, die Stücke für Kinder mit lebensbedrohlichen Krankheiten komponieren. Jeannie Jaybush, die sich in der St. Joseph’s Baby Corner in Seattle um die Bedürfnisse armer Mütter und ihrer Neugeborenen kümmert.

Clara Hammer, die »Hühner‐Dame« aus Jerusalem. Als sie eines Tages miterlebte, wie eine arme Frau bei einem Metzger um Knochen für eine Suppe bettelte, war sie so fassungslos, dass sie vor 22 Jahren den Chicken Fund gründete, durch den über 250 bedürftige Familien jede Woche zum Schabbat ein Hühnchen bekommen. Als sie mit ihrer Reparatur‐Arbeit begann, war sie bereits 72 Jahre alt.

Danny ist ein unermüdlicher Lehrer und Fürsprecher der Vervollkommnung der Welt. Er schöpft seine Inspiration aus seinen profunden Kenntnissen jüdischer Werte und aus Beispielen wie dem Giraffe Heroes Project, das Menschen ehrt, die »ihren Hals recken«, um die Welt ein wenig besser zu machen. 1975, bei der Gründung seines Ziv Tzedakah Fund, brachte er 995 Dollar zusammen und verteilte sie an unbekannte Mizwa‐Helden.

Allein im Jahr 2005 sammelte und verteilte Danny annähernd zwei Millionen US‐Dollar an Dutzende von Projekten unter der Leitung außergewöhnlicher Menschen aller Religionen, Rassen und Glaubensrichtungen. Der Jahresbericht seines Fonds enthält eine Fülle bewegender Berichte über das heilige Werk, das diese Helden tun, und ist eine höchst inspirierende Lektüre.

Mizwa‐Tag David Levinson ist Drehbuchautor. Mit Temple Israel of Hollywood gehört er einer wunderbaren Gemeinde an. Weil er etwas Gutes für die Gemeinschaft tun wollte, stellte er für verschiedene Gruppen in mehreren Stadtteilen von Los Angeles eine Liste kleiner Aufgaben zusammen, die an einem Tag zu bewältigen sind – Malern, Gärtnern oder Reparieren. An einem Sonntag im Jahr 1999 warb er 300 Mitglieder seiner Gemeinde für eine Mizwa. Die Teilnehmenden hatten nicht nur viel Spaß an der Arbeit, sondern sie fühlten sich auch nützlich und gebraucht, und das gab ihnen ein Hochgefühl.

Im darauffolgenden Jahr meldeten sich 600 Menschen freiwillig zum Mizwa‐Tag. Bald war er Gesprächsthema unter den Sozialdiensten, die von dieser eintägigen Hilfslawine profitierten, und rasch verbreitete sich die Mund‐zu‐Mund‐Propaganda in der ganzen Stadt. Kirchen wollten sich beteiligen, und die Zahl der Schulen, Horte und anderen sozialen Einrichtungen, die Hilfe benötigten, schoss wie Pilze in die Höhe. Im Jahr 2002 hatte das Projekt 1.500 Menschen erreicht, die einen Tag der Vervollkommnung der Welt widmen wollten.

Als sich immer mehr Menschen beteiligten, benannten Levinson und der Vorstand seiner Gemeinde das Projekt in Big Sunday um. Heute hat sich der Big Sunday zu einer riesigen Aktion entwickelt. Dabei arbeiten über 30.000 Menschen aus allen Schichten bei den unterschiedlichsten Projekten mit, von der Zubereitung einer war‐ men Mahlzeit bis zur Installation einer Sprinkleranlage. Teenager stellen Shows für ältere Mitbürger auf die Beine, und Freiwillige legen Gärten an und säubern Strände.

Frühstück Mitglieder Dutzender Kirchen und Synagogen bereiten Frühstücksbuffets für Obdachlose zu und stellen ihnen Lebenssmittelkörbe zusammen. Sogar der Oberbürgermeister von Los Angeles, Antonio Villaraigosa, gab seine Unterstützung, indem er seinen Citywide Day of Service mit dem Big Sunday zusammenlegte.

So wurde aus einem kleinen Reparatur‐Projekt ein großes gemeinschaftsstiftendes Ereignis. Das Motto des Big Sunday sagt bereits alles: »Egal, wer du bist, egal, wo du wohnst, egal, was du tust, jeder kann einem anderen auf irgendeine Art und Weise helfen.«

Natürlich wissen Levinson und seine Kollegen, dass ein einziger Tag ehrenamtlicher Arbeit die Welt kaum vollkommener machen kann; aber es ist ein Anfang. Wenn es gelingt, so viele Menschen in der Stadt der Engel dafür zu gewinnen, Freude und Erfüllung am Dienst für andere und an der Reparatur des Zerbrochenen zu finden, dann besteht die Hoffnung, dass aus einem Tag des Dienens ein ganzes Leben des Dienens werden kann und diese Menschen neu erkennen, wie wichtig es ist, Gottes Werk auf Erden zu tun. Inspirationen können Sie sich auf www.bigsunday.org holen.

Ballkleid Die Schulabschlussfeier markiert für alle jungen Menschen einen wichtigen Übergangspunkt im Leben. Gerade Mädchen kleiden sich dafür gern besonders hübsch, fast ein wenig wie Aschenputtel beim Ball. Aber was, wenn sie sich das teure Kleid, die Schuhe und Accessoires nicht leisten können?

Im Jahr 2002 erkannten mehrere Frauen an beiden Küsten der USA, dass Hunderte von Mädchen in diesem Dilemma steckten. In Philadelphia gründete Joyce Jesko die gemeinnützigen Fairy Godmothers (Feenpatinnen; www.fairy-godmothers.com), die gut erhaltene Abschlussballkleider sammeln und oft um‐
sonst an diejenigen weitergeben, die sie benötigen.

In San Francisco schickten Laney Whitcanack und Kristi Smith Knutson eine E‐Mail an Freundinnen, weil sie ihrer jungen Freundin Lo Qiu ein Kleid besorgen wollten. Auf einen Schwung wurden ihnen 85 Kleider gespendet.

Daher gründeten sie The Princess Project (www.princessproject.org), das jungen Frauen in San Francisco und Umgebung Kleider für die Abschlussfeier zur Verfügung stellt. Im Jahr 2006 startete die 17‐jährige Marisa West, aus Beltsville im US‐Bundesstaat Maryland, ein Projekt, bei dem sie Abschlussfeierkleider für die Opfer des Wirbelsturms Katrina sammelte. Alle drei Projekte erbrachten jeweils über 1.000 Kleider!

Eine Schülerin, die ein Kleid erhielt, schrieb Marisa folgenden Dankesbrief: »Hallo, ich bin Schülerin an der Cabrini High School und besuche die 11. Klasse. Ich habe bei dem Sturm alles verloren; in unserer Wohnung stand das Wasser knapp drei Meter hoch. Ich bin sooooo dankbar, dass Miss West dies tut. Alle Schülerinnen freuen sich so riesig über die Kleider, und über hundert haben sich als ehrenamtliche Helferinnen gemeldet.

Sonnenschein Manche Mädchen konnten sich kein Kleid leisten, und viele andere waren einfach überfordert. So kehrt tatsächlich etwas Sonnenschein in unser Leben nach dem Sturm ein. Vielen lieben Dank, Marisa West! Was wir empfinden, lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Gott segne Sie und alle, die geholfen haben. J. Dandridge, New Orleans«

In mindestens einem Dutzend Städten in Amerika engagieren sich Ehrenamtliche dafür, dass junge Frauen zu ihrer Abschlussfeier angemessen gekleidet sind.

World Watch Harold Schulweis gehört zu den großen Rabbis unserer Zeit. Er ist eine prophetische Stimme, die im Angesicht von Ungerechtigkeit noch nie geschwiegen hat. Bei der größten Zusammenkunft seiner Gemeinde im Jahr 2004 forderte er seine Schäfchen dazu auf, etwas gegen den zunehmenden Völkermord in Darfur zu tun.

Mit Janice Kamenir‐Reznik gewann er eine dynamische Führungspersönlichkeit unter den Laien für die Leitung des Projekts, das den Namen Jewish‐World‐Watch erhielt. Innerhalb kürzester Zeit wurden mehrere Veranstaltungen organisiert, um Geld für die Einrichtung von Krankenhäusern und das Ausheben von Brunnen zu sammeln.

Damit sollte den Menschen, die vor den Unruhen aus dem Sudan flohen, geholfen werden. Als sie erfuhren, dass Frauen, die auf der Suche nach Brennholz die Flüchtlingslager verließen, vergewaltigt wurden, kauften Schulweis und Kamenir‐Reznik Hunderte von Solarkochern.

Zwar ging das Projekt von einer bestimmten Gemeinde aus, nämlich Valley Beth Shalom im kalifornischen Encino, doch in ganz Los Angeles richteten 40 weitere Synagogen jeweils eigene Jewish‐World‐Watch‐Gruppen ein, um Aufmerksamkeit und Spenden zu gewinnen. Die Folge: Tausenden kann geholfen werden. Mehr darüber erfahren Sie unter www.jewishworldwatch.org.

Naturschutz In seinem Buch Eine unbequeme Wahrheit weist Al Gore, der ehemalige Vizepräsident der USA, darauf hin, dass wir die Welt alles andere als reparieren, sondern vielmehr drauf und dran sind, unseren Heimatplaneten zu zerstören.

Wir ignorieren die enorme Steigerung des Kohlendioxidausstoßes und erwärmen damit die Erde mit alarmierender Geschwindigkeit, was wiederum zu Wetterkatastrophen führt, die Eiskappen an den Polen schmelzen lässt und damit unsere Existenz direkt bedroht, Gott behüte.

Al Gore ist nicht der Erste, der darauf hinweist, wie wichtig es ist, Gottes Ge‐ schenke in der Natur zu bewahren. In einem berühmten Kommentar zum Buch der Prediger werden wir gewarnt: »Gott nahm den ersten Menschen, ging mit ihm an allen Bäumen des Garten Eden vorüber und sprach: »Sieh meine Werke, wie fein und ausgezeichnet sie sind! Alles, was ich erschaffen habe, habe ich für dich erschaffen. Bedenke dies und plündere und verwüste Meine Welt nicht. Denn wenn du sie zerstörst, wird es nach dir niemanden mehr geben, der sie wiederherstellt.«

Betrachte die Werke Gottes. Schaue auf die Bäume, den Himmel, die Erde. Erblicke Menschen, geschaffen nach dem Bilde Gottes. Erkenne, dass du einer der Hüter von Gottes Schöpfung bist. Wenn du ein kleines Stückchen der zerbrochenen Welt reparierst, dann tust du Gottes Werk. Gott repariert. Sei ein Mensch, der repariert.

Nachdruck aus »Der Himmel sucht Mitarbeiter – Gottes Aufgaben‐Liste für seine irdischen Helfer«, Crotona, Amerang 2011, 175 S., 15,95 €

Ron Wolfson stammt aus Omaha/Nebraska und ist eine der bekanntesten jüdischen Stimmen der USA. Er lehrt als Professor für Pädagogik an der American Jewish University Los Angeles. Wolfson ist Bestsellerautor zahlreicher Bücher zu verschiedenen Themen des jüdischen Lebens (»The Shabbat Seder« u.a.). Der Crotona Verlag hat zwei davon (»Der Himmel sucht Mitarbeiter« und »Sieben Fragen, die auch im Himmel gestellt werden«) in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

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