Talmudisches

Fehlgebildete Harnröhren

Eine chirurgische Herausforderung: Operationen zur Korrektur einer angeborenen oder erworbenen Fehlbildung Foto: Thinkstock

Operationen zur Korrektur einer angeborenen oder erworbenen Fehlbildung der Harnröhre gehören auch heute noch zu den chirurgischen Herausforderungen. Umso mehr verblüfft es, im Talmud (Jewamot 75b–76a) nicht nur die Beschreibung der Problematik, sondern bereits erste Ansätze für korrigierende Eingriffe zu finden, interessanterweise im Zusammenhang mit Ausführungen zur Zeugungsunfähigkeit eines Mannes.

Unterschieden wird zwischen angeborenen Fehlbildungen sowie verstümmelnden Erkrankungen des Penis, bidej schamajim – durch die Hand des Himmels –, und erworbene Verletzungen, bidej adam – durch die Hand von Menschen.

Ausschluss Ein betroffener Mann ist, wie es heißt, von der Gemeinde des Ewigen ausgeschlossen (5. Buch Mose 29,2). Und nachdem die Erwähnung fehlt, wie viele Generationen seiner Nachkommen noch von der Gemeinschaft Israels ausgeschlossen sein sollen, schließen unsere Weisen folgerichtig, dass es gar keine solchen Nachkommen geben wird: Der Mann ist zeugungsunfähig. Damit wird er quasi einem Eunuchen gleichgestellt.

Zur Klärung der berechtigten Frage, ob der Betreffende überhaupt heiraten kann, gehen unsere Weisen genauer auf die Form und Ausprägung der Harnröhrenfehlmündung ein. Sie beschreiben Fehlmündungen auf der Oberseite des Penis (Epispadie) und auf der Unterseite (Hypospadie), zudem Weite und Form der Harnröhre und ihrer äußeren Öffnung. Sie diskutieren auch ausführlich Fistelbildungen als Öffnungen der Harnröhre durch die Haut an falscher Stelle und deren Folgen.

Während Rabbi Chija bar Abba der Meinung ist, eine Fehlmündung auf der Unterseite sei hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit weniger schlimm als eine oberseitige Öffnung, ist Rabbi Jehoschua ben Levi hier weniger optimistisch. Rav Huna führt aus, dass eine oval geformte Öffnung weniger schade als eine rinnenartige Öffnung. Damit hat er nach heutiger Sicht durchaus recht: Je länger diese Rinne ist, umso kürzer ist die eigentliche Harnröhre – und desto unwahrscheinlicher ist der Fall, dass der Betroffene Vater werden kann. Dass die Empfängnis auf natürlichem Wege bei einem solchen Partner allerdings nicht völlig ausgeschlossen ist, ist den Weisen durchaus auch bewusst. So führt Abaje an, der Patriarch Jakow, Vater von immerhin 13 Kindern, habe gewisse Schwierigkeiten mit der Ejakulation gehabt, was er aus 1. Buch Mose 49,3 schließt, wo Jakow seinen Sohn Reuven »meine Kraft und Erstling meiner Stärke« nennt.

Untersuchungsmethoden Auch nennt der Talmud unterschiedliche Untersuchungsmethoden, um einen ordnungsgemäßen Samenerguss zu überprüfen. Sie muten aus heutiger Sicht zwar etwas umständlich an, waren aber offenbar doch geeignet, ein verlässliches Ergebnis zu gewährleisten. In manchem Fall mögen wohl dennoch leise Zweifel geblieben sein, wie auch im Fall der Genitalverletzung eines späteren Familienvaters, in dem Rav beschied, man möge über die Herkunft der Kinder nachforschen.

Und schließlich, nach der Beschreibung von Ursachen, Formen, Folgen und Untersuchungsmethoden, finden wir bereits im Talmud erste Beschreibungen von operativen Eingriffen.

Nicht nur führt Mar bar Rav Aschi durch entsprechendes Einschneiden eine plastische Korrektur der Harnröhrenöffnung aus. Auch der Verschluss einer Harnröhrenfistel wird beschrieben: Die Ränder der Öffnung werden allseits angeritzt und die Zangen einer großen Waldameise dorthin platziert, welche die Wundränder zusammenziehen – selbstauflösendes Nahtmaterial der damaligen Zeit!

Und wenn das Loch wieder aufgeht? Nun, die Komplikationen bei der Harnröhrenfistelchirurgie fürchten wir auch heute noch in der modernen Medizin.

Die Autorin ist Urologin. Sie leitet den Egalitären Minjan »Mischkan ha-Tfila« in Bamberg und ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.

Lech Lecha

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