Unterlegen

Falsche Bescheidenheit

Nur keine Unterwürfigkeit: Wer stark ist, darf’s auch zeigen – sonst liegt er unten und hat schnell verloren. Foto: imago

Man sagt oft, dass Misserfolge, schlechte Taten und falsche Entscheidungen aus negativen Erfahrungen entstehen, die der Mensch in seinem Leben gemacht hat. Wenn ein Kind in der Schule keinen Erfolg hat, sagen wir nicht, dass sein Intelligenzquotient niedrig ist, sondern wir müssen die Bedingungen prüfen. Denn es kann sein, dass die Schule zu Hause vernachlässigt wird, das Kind keinen Schreibtisch hat oder die Umgebung für die Hausaufgaben zu unruhig ist. Vielleicht verhalten sich auch die Eltern dem Kind gegenüber schlecht, und sein Sozialstatus ist schwach – all dies kann sich auf sein Verhalten auswirken.

Eine nicht funktionierende Beziehung wird häufig damit begründet, dass einer der Partner keine Liebe in seinem Leben erfahren hat und deshalb nicht weiß, wie eine Beziehung funktionieren soll. Jemand, dessen Eltern eine schlechte Ehe geführt haben und der Gewalt in der Familie erlebt hat, könnte diese Methoden vielleicht in seinem eigenen Ehe‐ und Familienleben anwenden.

Wie kann jemandem, dessen Vergangenheit psychische Folgen hinterlassen hat, geholfen werden? Maimonides behandelt in seinem Buch Schmona Prakim die Frage der Balance zwischen den unterschiedlichen Eigenschaften eines Menschen. Es ist ein wichtiges Lebensprinzip, einen Ausgleich zwischen allen vorhandenen Kräften zu schaffen, damit nicht eine Kraft die andere überwiegt. Es geht darum, den goldenen Weg zu finden.

Gewalt Täglich können wir von geschlagenen Frauen hören und manchmal auch von geschlagenen Männern. Wir hören von Kindern, die Opfer elterlicher Gewalt wurden und von Menschen, die bei der Arbeit schlecht behandelt werden, und vielleicht am schlimmsten: von Kindern, die von anderen Kindern auf dem Schulhof misshandelt werden.

Die Überlegenheit eines Menschen gegenüber einem anderen ist immer das Ergebnis des ständigen Kampfes der Menschen um den eigenen Status in der Gesellschaft. Es gibt im Leben zwei Eigenschaften, die bei extremer Erscheinung negative Folgen haben: Arroganz und Demut.

Grundsätzlich ist Demut eine sehr gute Eigenschaft. In der Mischna steht: »Wer ist weise? Der von allen Menschen lernt«. Der demütige Mensch ist jemand, der andere respektiert und seine eigene Bedeutung im Rahmen hält. Damit lässt er seinen Mitmenschen, die eine andere Meinung haben und sich anders verhalten als er, auch Platz zum Leben.

Doch gibt es auch bei der Demut Stufen. Sollen der Gelehrte, der viele Titel besitzt, oder der reiche Mann mit großem wirtschaftlichem Erfolg alles verstecken, als ob sie nichts hätten? Unsere Weisen erklären, dass wahre Demut das Wissen darüber ist, was jemand hat und was er (noch) nicht hat. Ein Mensch muss wissen, wo sein tatsächlicher Platz im Leben ist. Es geht nicht darum, dass ein Minister wie ein Arbeiter gekleidet sein soll, denn er hat ein hohes Regierungsamt inne. Und von einem Professor wird nicht verlangt, sich den Vortrag eines Studenten anzuhören, nur weil man ja von jedem Menschen lernen könne.

Arroganz Auf der anderer Seite steht die Arroganz. Der überhebliche Mensch hält sich für besser als andere. Er denkt nicht nur, dass er immer recht hat, sondern er hält seine Meinung für die einzig richtige. Der extreme Glaube in die Richtigkeit der eigenen Meinung hat mitunter katastrophale Folgen. Die irrige Annahme, die eigene Wahrheit sei die einzig richtige, führt den Menschen dazu, die anderen um jeden Preis zu verdrängen. Dies kann höflich geschehen, aber meistens erfolgt es auf sehr unangenehme Art und Weise.

Modern könnte man es so formulieren: Der übertrieben Demütige hat zu wenig Selbstbewusstsein, beim Arroganten hingegen ist es zu stark. Anders gesagt, stehen sich hier Minderwertigkeitskomplex und Überlegenheitsgefühl gegenüber.

Der schlagende Ehemann, der Chef, der seine Mitarbeiter schlecht behandelt, oder die Schüler, die einen Klassenkameraden misshandeln – alle diese Taten entstehen aus einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Mitmenschen. Der Täter nutzt Macht und Status aus, um seinem Gegenüber zu zeigen, dass er überlegen ist.

Wenn ein Film diese Problematik darstellen möchte, werden oftmals zwei sehr unterschiedliche Figuren gezeigt: Der eine Protagonist ist groß, muskulös und abschreckend, der andere derart klein, dass man nicht glauben möchte, dass er jemandem etwas Böses tun kann. Und plötzlich stellt sich heraus, dass nicht die Körpermaße entscheiden, sondern die mentale Stärke. Plötzlich beherrscht gerade der Zwerg den Giganten. Wenn das nur im Film so wäre, könnte man darüber lachen. Das Problem aber ist, dass es sich dabei sehr oft um die Realität handelt. Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen oder mentalen Stärke in einer Machtposition sind, nutzen andere aus und demütigen sie.

Kampfansage Die Tora möchte dies bekämpfen. Der Wochenabschnitt Mischpatim ist bekannt als der Traktat, der viele zwischenmenschliche Gesetze beinhaltet. Das gesamte System des jüdischen Strafrechts basiert auf diesem Traktat. Rabbi Abraham Ibn Ezra schreibt dazu: »Bevor ich diesen Traktat kommentiere, werde ich eine Regel sagen: Die Hauptsache ist, dass ein Mensch keinen Raub begehen und jemandem überlegen sein soll, der schwächer ist als er selbst« (Hakatzar 21,1).

Das ganze Ziel des jüdischen Rechts ist es, den Missbrauch der anderen zu verhindern. Die Tora kennt die negative Neigung der Menschen zu Arroganz und Überheblichkeit. Damit wird versucht, den Eigenwert der anderen zu verletzen. Deshalb setzt die Tora Grenzen und versucht durch die Beschreibung vieler detaillierter Fälle, zwischen Schwachen und Starken Gleichberechtigung zu schaffen, zwischen Kindern und Eltern, zwischen Frauen und Männern. In diesem Sinne schließe ich mit dem Talmud: »Und den Rest mögest du selbst lernen« (Schabbat, 31,1).

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß‐Dortmund.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Mischpatim wird auch als Buch des Bundes bezeichnet. Hier geht es zunächst um Gesetze, die das Zusammenleben regeln. Der zweite Teil besteht aus Regelungen zur Körperverletzung, daran schließen sich Gesetze zum Eigentum an. Den Abschluss der Parascha bildet die Bestätigung des Bundes. Am Ende steigen Mosche, Aharon, Nadav, Avihu und die 70 Ältesten Israels den Berg hinauf, um den Ewigen zu sehen.
2. Buch Moses 21,1 – 24,18

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