Interview

»Es reicht nicht aus, die Bücher im Regal zu haben«

Rabbiner Avraham Radbil Foto: Stephan Pramme

Interview

»Es reicht nicht aus, die Bücher im Regal zu haben«

Rabbiner Avraham Radbil über Studium, Jeschiwa und die Bedeutung jüdischer Bildung

von Detlef David Kauschke  23.08.2010 13:37 Uhr

Herr Rabbiner, Sie haben erst vor einem Jahr Ihr Jeschiwastudium beendet. Geht das Lernen danach weiter?
Ich versuche, jede Möglichkeit zu nutzen meine Studien fortzusetzen. Doch geht es jetzt mehr ums Lehren als um das Lernen.

Sie erleben jetzt die Praxis des Rabbinerberufs. Wie war dazu im Rückblick die Zeit der Theorie in der Jeschiwa?
Ich hatte das Glück, einen Teil meines Studiums in New York zu verbringen. Dort habe ich viel Praktisches gesehen. Es ist sehr hilfreich, wenn man lernt, wie das theoretische Wissen anzuwenden ist.

Ist das Talmudlernen schwieriger als das Studium weltlicher Fächer?
Ja, denn bei den weltlichen Fächern geht es darum, dass Wissen vermittelt wird – man hört Vorlesungen, muss die Informationen erinnern. Beim Talmudstudium muss man sich das Wissen selbst erarbeiten.

Haben sich die Lerninhalte und -methoden im Verlauf der Jahrhunderte geändert?
Es haben sich unterschiedliche Methoden entwickelt. Einige Jeschiwot legen Wert darauf, so viel Gemara-Texte wie möglich zu lernen, ohne die Kommentare besonders zu betrachten. Andere beschäftigen sich intensiv mit ausgewählten Traktaten, dann mit den Kommentaren. Wieder andere versuchen, die Texte erst durch die rabbinischen Kommentare zu verstehen.

Früher hatten Rabbiner vielfach zusätzlich eine weltliche Ausbildung. Haben Sie noch einen anderen Beruf gelernt?
Ich habe ein Psychologiestudium begonnen, konnte es aber aus Zeitgründen noch nicht beenden. Doch kenne ich viele Rabbiner, die einen zusätzlichen Beruf erlernt haben.

Warum soll das Volk des Buches auch das Volk des Studiums sein?
Weil es nicht ausreicht, die Bücher im Regal stehen zu haben, man muss ihre Inhalte kennen. Das ultimative Ziel ist, durch Lernen seine Persönlichkeit zu verbessern.

Wie vermitteln Sie Ihren Gemeindemitgliedern die Bedeutung jüdischer Bildung?
Durch verschiedene Angebote, wie zum Beispiel das Beit-Midrasch-Programm, in dem unsere Gemeindemitglieder im Chawruta-Lernen sich Themen aus Tora, Talmud, Halacha oder Philosophie nähern.

Mit dem Assistenzrabbiner der Synagogen-Gemeinde Köln sprach Detlef David Kauschke.

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