Talmudisches

Erst heiraten und dann Tora lernen – oder umgekehrt?

Damit die Gedanken nicht abschweifen: Etliche Rabbinen meinten, wem es unmöglich sei, ohne Frau zu leben, der sollte zuerst heiraten und danach Tora studieren. Foto: Flash 90

Die Weisen des Talmuds waren Männer. Doch wir erfahren auch etwas über ihre Frauen. Da ist zum Beispiel Bruria, die Ehefrau von Rabbi Meir, die an einem Tag 300 Halachot von 300 Weisen gelernt haben soll (Pessachim 62b). Oder wir lesen von Jalta, der Frau von Rabbi Nachman. Sie soll 400 Weinkrüge zerbrochen haben, weil ein Gast ihres Mannes sie herabsetzte (Berachot 51b).

Dass die Gelehrten und Weisen verheiratet waren, steht also fest. Doch es überrascht, dass es auch Stimmen gab, die meinten, Frauen würden nur von der Tora ablenken. So kommt in einer Diskussion im Traktat Kidduschin (29b) die Frage auf, was denn wohl vorzuziehen sei: Sollte man zuerst mit dem Studium der Tora beginnen oder zuerst heiraten?

Gedanken Die erste Antwort in der Diskussion lautet: Zuerst studiert man Tora, und dann heiratet man. Wem es aber unmöglich sei, ohne Frau zu leben, der sollte zuerst heiraten und danach Tora studieren. Offenbar wird befürchtet, dass man sich irgendwann nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren kann, wenn man keine Frau hat. Die Gedanken schweifen vielleicht ab?

Rav Jehuda berichtet, dass Schmuel gesagt hat: »Die Halacha ist, man soll zuerst eine Frau heiraten und dann Tora studieren.« Rabbi Jochanan ist davon wenig begeistert und fragt: »Mit einem Mühlstein um den Hals – wie kann man da Tora studieren?« Dann wird gefolgert: »Das eine gilt für uns, das andere für jene.« Mit anderen Worten: Das eine gilt für Babylon, das andere für die Weisen im Land Israel.

Familie Raschi (1040–1105) meint in seinem Kommentar zu dieser Stelle, »erst das Studium und dann die Heirat« gelte für das Land Israel, weil man dort, in der Nähe der Familie, auch noch für ihren Lebensunterhalt sorgen müsse. Die Tosafot nach Rabbenu Tam (1100–1171) hingegen sind der Auffassung, dies sei für Babylonien gemeint. Denn von dort müsse man ja erst noch ins Land Israel gehen, um dort zu lernen.

Aber die Diskussion geht weiter: Rabbi Chisda pries im Gespräch mit Rabbi Huna den jungen Rabbi Hamnuna und erzählte, dieser sei ein großer Mann. Da sagte Rabbi Huna: »Wenn er kommt, dann schicke ihn zu mir.« Als Hamnuna kam, sah Huna, dass jener keine Sudra über dem Kopf trug. Rabbi Huna fragte ihn: »Was ist der Grund dafür, dass du keine Sudra trägst?« Dieser antwortete wahrheitsgemäß: »Weil ich nicht verheiratet bin.« Da wandte sich Rav Huna von ihm ab und sagte: »Komm nicht vor mein Angesicht, bis du geheiratet hast!«

Sudra Eine Sudra, von der hier die Rede ist, war weniger eine Kopfbedeckung als vielmehr eine Art Kefije, ein größeres Tuch, das man über den Oberkörper warf und womit man auch den Kopf bedeckte. Dies zu tragen, scheint der Brauch verheirateter Männer gewesen zu sein.

Man muss nicht besonders feinfühlig sein, um zu bemerken, dass es hier ein Spannungsfeld zwischen jenen gab, die wollten, dass man sich voll auf die Tora konzentriert, und jenen, die wussten, dass sie nicht allein, sondern lieber verheiratet sein wollten.

Das findet seine extreme Ausformung in einem Gespräch zwischen Rabbi Josef, der von seinem Vater Rava für sechs Jahre zum Studium zu einem anderen Rabbi geschickt wurde. Nach drei Jahren hatte Josef wieder einmal Lust, seine Frau zu besuchen.

Also brach er am Vorabend von Jom Kippur auf. Als sein Vater das hörte, nahm er eine Waffe und stellte sich ihm in den Weg. Und hier verwendet der Talmud »explizite« Sprache: »Hast du dich an deine Hure erinnert?« (Ketubot 63a).

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert

Rosch Haschana

»Wenn ich einmal reich wärʼ …«

An Neujahr, so sagt der Talmud, legt Gʼtt die Summe fest, die wir im kommenden Jahr verdienen werden. Warum wir trotzdem arbeiten, planen und gut haushalten sollten

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.09.2026

Teschuwa

Auf die echte Erneuerung!

Statt einfach nur unsere schlechten Laster loszuwerden, bedeutet die Mizwa vielmehr das Finden unseres wahren Ichs

von Rabbiner Jaron Engelmayer  11.09.2026

Neujahr

Stunde null

Zu Rosch Haschana können wir alljährlich durch Teschuwa unsere guten Potenziale hervorrufen

von Rabbinerin Elisa Klapheck  11.09.2026

Rosch Haschana

Jahr der Einheit

Wenn wir uns gegenseitig stärken, werden wir viel erreichen

von Rabbiner Avichai Apel  11.09.2026

Ernte

Von Möhren und Mehrn

Unsere Redakteurin will zu Rosch Haschana eine selbst gezogene Karotte essen. Ein jiddisches Wortspiel brachte sie auf die Idee – und auf einen Weg, auf dem sie manches über das Judentum und über sich selbst lernte

von Mascha Malburg  11.09.2026

Spiritualität

Eine Reise zum Ich

Unser Autor verbrachte die Feiertage als Kind in der Enge der jemenitischen Gemeinschaft von Kiryat Arba. Dann verließ er die religiöse Welt – und fand sie an Rosch Haschana in der Ukraine wieder

von Yonatan Amrani  11.09.2026

Zuwendung

Hagars Schicksal

Am Neujahrstag erzählt der Toraabschnitt von Saras ägyptischer Magd, der Mutter Jischmaels. Oft übersehen, ist sie eine Figur, die uns mahnt, die Augen offen zu halten und uns anderen Völkern nicht zu verschließen

von Paige Harouse  11.09.2026

Tekia

Wenn das Schofar zur Hoffnung ruft

Warum auch in bewegten Zeiten Zuversicht wachsen kann

von Rabbiner Raphael Evers  11.09.2026