Wajigasch

Emotionaler Moment

Nur durch Liebe entsteht der Tempel erneut. Foto: Getty Images

Nachdem sich Josef vor seinen Brüdern als Ägypter getarnt hatte, gibt er sich ihnen im Wochenabschnitt Wajigasch zu erkennen. Er erlebt dabei einen emotionalen Moment mit seinem jüngeren Bruder: »Er fiel seinem Bruder Benjamin an den Nacken und weinte; auch Benjamin weinte an seinem Nacken« (1. Buch Mose 45,14).

Auf den ersten Blick scheint es, als würde es sich hier um eine natürliche emotionale Reaktion handeln – um Freudentränen. Doch der Kommentator Raschi (Rabbiner Schlomo ben Jizchak, 1040–1105) beruft sich auf den Talmud und sagt, dass Josef und Benjamin im Moment ihres Zusammentreffens eine Zukunftsvision sahen: Josef sah die Zerstörung der beiden Tempel in Jerusalem, die sich künftig im Gebiet des Stammes Benjamin befinden würden, und beweinte diese. Und Benjamin sah die Zerstörung des Stiftszelts in Schilo, das sich künftig in Josefs Gebiet befinden wird.

interpretation Warum entscheiden sich die Weisen für eine solche Interpretation, und warum hält Raschi diese Deutung für die Hauptinterpretation des Verses? Die Antwort liegt darin, dass der Vers im hebräischen Original die Worte »Al Zavarei Benjamin« benutzt – wörtlich: »auf (oder aufgrund von) den Nacken (Plural) Benjamins«. Der Talmud (Megilla 16b) geht davon aus, dass der Vers daher nicht über Benjamins körperlichen Nacken handelt, denn dann würde nicht der Plural benutzt werden.

Die Tempel in Jerusalem sind die Verbindungsglieder zwischen Himmel und Erde, Geist und Materie, gleich dem Nacken, der den Kopf und den von ihm regierten Körper verbindet.

Doch warum wurde die prophetische Vision über die künftige Zerstörung gerade in diesem Moment entsandt? Der Kuzmirer Rebbe (1755–1856) beruft sich auf die talmudischen Weisen, die erklären, dass der Tempel nur wegen des gegenseitigen Hasses der Israeliten zerstört wurde.

gefahr Tatsächlich wissen wir von Historikern, dass es kurz vor der Ankunft der Römer in Jerusalem im Jahr 70 zu intensiven Kämpfen zwischen konkurrierenden jüdischen Gruppen kam. Laut der Lehren der Weisen ist keine äußere Gefahr so zerstörerisch für das jüdische Volk wie der mangelnde Zusammenhalt zwischen den Juden selbst.

Josef und Benjamin spüren in dem Moment, in dem der brüderliche Hass endet, was dieser in Zukunft auslösen kann. Der Tempel wurde durch grundlosen Hass zerstört und wird durch bedingungslose, brüderliche Liebe wiederaufgebaut werden. Immer wieder spricht die Tora von demselben Motiv für Hass. Kain hat das Gefühl, dass G’tt Abel stärker liebt (1. Buch Mose 4), Jakows Kinder haben das Gefühl, ihr Vater würde Josef mehr lieben (1. Buch Mose 37).

Die Liebe unseres Vaters im Himmel ist das, was Kain fehlte, bevor er den ersten Mord der Geschichte beging. Die Liebe des irdischen Vaters, stellvertretend für den Vater im Himmel, fehlte den Brüdern, bevor sie sich entschieden, einen Mord zu begehen.

individuum Das tiefere Verständnis der Tora lehrt uns, dass G’tt alle seine Kinder gleichermaßen liebt, jedes Individuum so, als wäre es das Wichtigste für ihn. Doch im Diesseits können Menschen mit fehlendem Segen getestet werden, finden sich in verschiedenen Rollen wieder.Dieser fehlende Segen wird fälschlicherweise als grundlegend fehlende Liebe G’ttes verstanden. Es sieht aus, als hätte G’tt seine Lieblinge, und genau dies macht die Menschen auf einer seelischen Ebene aggressiv.

Unser grundlegendes Gerechtigkeitsgefühl sagt uns: Wenn jeder Mensch gleichermaßen im Ebenbild G’ttes erschaffen wurde, dann ist es unfair, wenn jemand mit deutlich mehr Privilegien durchs Leben geht, mehr im Segen G’ttes baden darf.

Doch bei der vermeintlichen Beraubung in der Ebenbildlichkeit handelt es sich nur um eine zeitlich begrenzte Prüfung, die zum Wohle aller geschieht. Josef lehrt seine Brüder die adäquate Antwort auf gefühlte Missstände.

Und das tut er, indem er nicht sagt: »Wieso war ich der ausgestoßene Bruder«, sondern indem er den Brüdern sagt: »Kommt doch näher zu mir! (…) Lasst es euch nicht leid sein, dass ihr mich hierher verkauft habt, denn um Leben zu erhalten, hat mich G’tt vor euch her gesandt« (1. Buch Mose 45, 4–5).

Der Autor hat am Rabbinerseminar zu Berlin studiert und ist Sozialarbeiter.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajigasch erzählt davon, wie Jehuda darum bittet, anstelle seines jüngsten Bruders Benjamin in die Knechtschaft zu gehen. Später gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen und versöhnt sich mit ihnen. Der Pharao lädt Josefs Familie ein, nach Ägypten zu kommen, um »vom Fett des Landes zu zehren«. Jakow erfährt, dass sein Sohn noch lebt, und zieht nach Ägypten. Der Pharao trifft Jakow und gestattet Josefs Familie, sich in Goschen niederzulassen. Josef vergrößert die Macht des Pharaos, indem er die Bevölkerung mit Korn versorgt.
1. Buch Mose 44,18 – 47,27

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