Talmudisches

Elf Richtlinien

Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Elf Richtlinien

Wie unsere Weisen Psalm 15 auslegten

von Yizhak Ahren  29.11.2024 09:28 Uhr

Psalm 15 besteht nur aus fünf Versen, doch der Talmud (Makkot 24a) hat in diesem Psalm elf wichtige Richtlinien für die religiöse Praxis ausgemacht: »Ein Psalm Davids. Ewiger, wer darf in Deinem Zelt wohnen, wer darf auf Deinem heiligen Berg ruhen? Wer makellos wandelt und recht tut und vom Herzen Wahrheit redet, auf seiner Zunge nicht Verleumdung hegt, seinem Nächsten nichts Böses zufügt und nicht Schmach auf seinen Freund lädt; dem das Verworfene als verächtlich gilt, während er die den Ewigen fürchten in Ehren hält; der, wenn er zu seinem Schaden geschworen hat, es doch nicht abändert; der sein Geld nicht um Zins gibt und nicht Bestechung gegen den Unschuldigen annimmt. Wer solches tut, wird nimmermehr wanken.«

Im ersten Vers des Psalms wird eine Frage gestellt: Was sind Leitlinien für ein gottgefälliges Leben? Die folgenden Verse beschreiben dann ein Elf-Punkte-Programm, und Anmerkungen des Talmuds erklären die Worte des Psalmisten. Doch will man die Intention verstehen, bedarf es eines Kommentars.

»›Wer makellos wandelt‹ – das ist Awraham, von dem es heißt: ›Wandle vor mir und sei makellos‹« (1. Buch Mose 17,1). Awrahams Verhalten gilt als vorbildlich. Gläubig befolgte er Anweisungen des Ewigen, ohne Einwände zu erheben.

Abba Chilkija antwortete nicht, wenn man ihn während der Arbeitszeit grüßte

»›Und recht tut‹ – wie beispielsweise Abba Chilkija.« Wodurch hat sich dieser Tannait als jemand erwiesen, der penibel auf das Recht achtet? Im Talmud (Taanit 24a) wird berichtet, dass Abba Chilkija während der Arbeitszeit auf einen Gruß nicht antwortete. Diese Unhöflichkeit begründete er später mit dem Argument, dass er seinen Arbeitgeber nicht durch Wortwechsel habe schädigen dürfen.

»›Und vom Herzen Wahrheit redet‹ – wie beispielsweise Rav Saphra.« Was wissen wir von ihm? Raschi (1040–1105) referiert folgende Begebenheit: Rav Saph­ra wollte etwas verkaufen, und jemand machte ihm ein Angebot. Da Rav Saphra aber gerade das Schma rezitierte, reagierte er nicht. Der Käufer meinte, der Preis sei wohl zu niedrig, und erhöhte sein Angebot. Als Rav Saphra sein Gebet zu Ende gesprochen hatte, erklärte er, dass er den niedrigeren Preis akzeptiere.

»›Auf seiner Zunge nicht Verleumdung hegt‹ – das ist unser Vater Jakow, der sprach: ›Vielleicht wird mich mein Vater betasten, so würde ich in seinen Augen wie ein Betrüger dastehen‹« (1. Buch Mose 27,12). Jakow wollte also nicht lügen, aber seine Mutter zwang ihn dazu aufgrund einer Prophezeiung.

»›Seinem Nächsten nichts Böses zufügt‹ – der nicht ins Handwerk seines Nächsten greift.« Man soll demnach den Wirkungsraum eines Konkurrenten beachten. »›Und nicht Schmach auf seinen Freund lädt‹ – der sich seiner Verwandten annimmt.« Gefordert wird, dass man denjenigen beschützt, der dies nötig hat.

»›Dem der Verworfene als verächtlich gilt‹ – das ist König Chiskijahu, der die Gebeine seines Vaters auf einer Strickbahre schleifte.« Warum tat der König dies? Weil sein Vater Götzendienst praktiziert hatte.
»›Während er diejenigen in Ehren hält, die den Herrn fürchten‹ – das ist König Jehoschafat, der, wenn er einen Gelehrten sah, von seinem Thron aufstand, diesen umarmte und küsste und ihn Lehrer und Meister nannte.« Von Jehoschafats Verhalten kann man lernen, wie Toragelehrte zu ehren sind.

Rabbi Jochanan fastete, obgleich ein Ausspruch in dieser Form nicht bindend ist

»›Der, wenn er zu seinem Schaden geschworen, es doch nicht abändert‹ – wie beispielsweise Rabbi Jochanan, der einst sprach: ›Ich will so lange fasten, bis ich nach Hause komme.‹« Rabbi Jochanan fastete, obgleich ein Ausspruch in dieser Form nicht bindend ist.

»›Und nicht Bestechung gegen den Unschuldigen annimmt‹ – wie beispielsweise Rabbi Jischmael ben Rabbi Jose.« Der Talmud (Ketuwot 105b) erzählt, dass Rabbi Jischmael nicht bereit war, von seinem Pächter einen Korb Früchte anzunehmen, den dieser ihm einen Tag früher als sonst üblich geben wollte, obwohl keine verbotene Bestechung zu erkennen war.

»Wenn Rabbi Gamaliel zum Vers kam ›Wer solches tut, wird nimmermehr wanken‹, weinte er und sprach: ›Nur wer dies alles tut, wird nicht wanken; wer aber nur eines von diesen tut, der wird wanken!‹ Da entgegnete man ihm: ›Es heißt ja nicht: Wer dies alles tut, sondern: Wer solches tut – auch eine von diesen.‹«

In der Auslegung des letzten Verses gibt es also eine Meinungsverschiedenheit. Nach Ansicht der Weisen, die Rabbi Gamaliels Interpretation widersprechen, erhalten sogar diejenigen den zugesagten Segen, die nicht alle in Psalm 15 erwähnten Punkte praktiziert haben.

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden haben ein Beit Din gegründet. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz kritisiert den Schritt als »Spaltungsmanöver«

von Mascha Malburg  19.05.2026

Klang

Ewiges Nachhallen

Warum die Israeliten in die Stille der Wüste ziehen mussten, um das Wichtigste zu hören

von Rabbiner Jaron Engelmayer  17.05.2026

Pro & Contra

Ist die traditionelle jüdische Familie passé?

Ja, sagt Rabbiner Alexander Grodensky: »Die traditionelle Familie ist heute eine Illusion.« Nein, meint Daniela Fabian: »Eine Familie zu gründen, hat Zukunft, weil sie Leben in die Welt bringt«

von Rabbiner Alexander Grodensky, Daniela Fabian  17.05.2026

Talmudisches

Jüdische Longevity

Was unsere Weisen über gutes Altern lehrten

von Detlef David Kauschke  15.05.2026

Bamidbar

Die Kraft der Stämme Israels

Das jüdische Volk strebt dem Frieden nach – ist dafür aber auch bereit zu kämpfen

von Yonatan Amrani  15.05.2026

Interview

»Musik ist die Sprache, die die Seele versteht«

Jüdische Melodien begleiten Rabbiner Daniel Fabian schon sein Leben lang. Heute helfen sie ihm, das Judentum erfahrbar zu machen

von Mascha Malburg  15.05.2026

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026