Wajakhel–Pekude

»Einen Tag sollst du ruhen«

Gesundes, ja heiliges Mittelmaß: sechs Tage Arbeit und einen Tag Schabbat – nicht umgekehrt Foto: Getty Images

Die Doppelparascha Wajakhel–Pekude ist für Vorbeter eine lange und zähe Angelegenheit. Der Inhalt ist wenig spannend: Es geht um die Maße und die Verarbeitung der Gerätschaften des Heiligtums. Auch der große Kommentator Raschi (1040–1105) klinkte sich irgendwann aus und ließ Dutzende Bibelsätze unkommentiert.

Am Anfang unseres Doppelabschnitts steht jedoch das Mahnwort, den Schabbat zu halten: »Sechs Tage hindurch darf Arbeit verrichtet werden, am siebten Tag sei euch ein heiliger Schabbat, dem Ewigen zu Ehren.«
In diesem Fall sind sich die Rabbiner einmal einig. Der Zusammenhang zwischen dem Schabbat und den Arbeiten für die Gerätschaften und das Stiftszelt sei folgender: Auch für diese heiligen Arbeiten darf man die Schabbatgesetze nicht verletzen.

Erklärungsbedarf gibt es aber nicht nur zu den drei Sätzen, die Wajakhel–Pekude vorangehen. Auch der Inhalt unmittelbar vor der Doppelparascha ist in diesem Kontext interessant. Es wird da nochmals davon berichtet, wie Mosche vom Berg Sinai zurückkehrte: »(…) die beiden Gesetzes­tafeln waren in Mosches Hand«.

GOLDENES KALB Die beiden Ereignisse – das Verkünden der Tora und die Arbeiten für das Stiftszelt – stehen einander konträr gegenüber. Denn als Mosche die Tora empfängt, lagert das Volk unten und übt sich in Geduld, »40 Tage und 40 Nächte«. Das lange Warten hat den Israeliten nicht gutgetan. Sie fertigten ein Goldenes Kalb und huldigten dem Tier. Eigentlich unvorstellbar: Dieselben Männer und Frauen, die durch das Schilfmeer geschritten waren und Wunder erlebt hatten, knien sich Wochen später vor einem Kalb aus Gold nieder?

Doch, das ist möglich. Denn dieses Volk ist kein normales Volk, es hat erst kürzlich mehr als 200 Jahre Knechtschaft in Ägypten hinter sich gelassen. Der Auszug musste schnell vorangetrieben werden. Um Mitternacht zogen sie los und eilten in die Wüste. Wir erinnern uns jedes Jahr an Pessach an diese Eile; nicht einmal für Sauerteigbrot hatten sie genügend Zeit.
Fast jeden Tag erlebte das Auszugsvolk Außergewöhnliches. Das hörte dann auf, als sie am Fuße des Berges Sinai lagerten. Die 40 Tage ohne den Anführer Mosche und ohne Programm hinterließen bei ihnen tiefere Spuren als die Eindrücke der vergangenen Wundertage. Die Sklaverei in Ägypten, so brutal sie auch war, sorgte wahrscheinlich dafür, dass ihre Tage strukturiert waren. 40 Tage Nichtstun hingegen kaum.

BREMSEN In unserem Wochenabschnitt geschieht nun das Gegenteil. Die Arbeiten für die Gerätschaften sind äußerst kompliziert: Eine halbe Elle hier, zwei Ellen dort, das Knüpfen der Teppiche, das Färben der Felle und die Goldschmiedearbeit – es gibt für alle viel zu tun. Doch zuvor werden die Israeliten gebremst: »Wer am Schabbat eine Arbeit verrichtet, soll getötet werden.« Der Kommentator Siforno, Rav Ovadia di Sforno (1475–1550), erklärt zu dieser Stelle: »Getötet – trotz Verrichtung einer heiligen Arbeit!«
Für das Wüstenvolk ist dies eine schwierige Erfahrung: Zuerst wird es am Berg Sinai zu Müßiggang verpflichtet, dann muss es Arbeit verrichten – und wird im gleichen Atemzug unter Androhung des Todes gebremst.

Warum die ständige Gängelei? Die Schrift scheint davon auszugehen, dass die Israeliten ohne Unterbrechung für das Heiligtum gearbeitet hätten, sieben Tage die Woche – sonst wären sie nicht gewarnt worden. Damals gab es noch keine Gewerkschaft – aber: Sieben Tage arbeiten ohne Pause?
Aus heutiger Sicht sind die damaligen Zustände nicht nachvollziehbar. Wir blättern in den Haggadot und sehen Zeichnungen von glücklichen Hebräern, die aus Ägypten ausziehen. In Wirklichkeit waren es wahrscheinlich eher gehetzte Individuen, die von klein auf nur Steineklopfen kannten.

Die Wunder, die das Auszugsvolk später erlebte, waren mehr Mittel zum Zweck. Das tägliche Himmelsbrot (Man), die Wasserquelle aus dem Felsen, die frei herumlaufenden Wachteln – das alles und noch viel mehr lässt sie jedoch nicht zu einem Volk werden, sondern es sind die Strukturen, die den Menschen formen. Die heranwachsenden Individuen mussten lernen, wie sie mit Leere umgehen sollten und wie mit Arbeit.

VOLK Die Arbeit am Stiftszelt war eine wichtige, ja, sogar heilige Arbeit. Das Zelt und die Gerätschaften wären wohl schneller fertig geworden, hätte man auch am Samstag gearbeitet. Man hätte das Arbeitsverbot am Schabbat theologisch und exegetisch umgehen können, ähnlich wie man es bei medizinischen Notfällen tut.

Es geht aber weniger um den Schabbat als um das Volk. Wie keine andere Religion wird das Judentum von zeitlichen Einschränkungen begleitet. Dies reicht vom Landwirtschaftlichen (Joweljahr) bis in die Intimsphäre der Frau (Nida).

Die Transformation vom Sklaven- zum Wüstenvolk und dann zu den Israeliten ist in der Menschheitsgeschichte einzigartig. Wäre das Volk direkt nach dem Auszug aus Ägypten ins Land seiner Väter gezogen, hätte das zu einem Desaster geführt. Das geknechtete Volk musste noch vieles lernen, unter anderem, wie mit der Zeit umzugehen ist.

Es geht bei der Schabbatpflicht in unserer Doppelparascha nicht nur um die Gesetze des Ruhetags und die höhere Priorisierung gegenüber den Arbeiten zum Stiftszelt, sondern um die Erziehung eines heranwachsenden Volkes.
Darum auch die Worte: »Sechs Tage sollst du arbeiten.« Man hätte auch schreiben können: »Jeden siebten Tag sollst du ruhen.« Doch es geht nicht nur um den Schabbat, sondern um die Einordnung. Gott will weder Müßiggang, also sieben Tage Schabbat, noch Sklaverei, sondern das gesunde, ja, auch heilige, Mittelmaß: sechs Tage Arbeit, einen Tag Schabbat.

Der Autor ist Journalist in Zürich und hat an Jeschiwot in Gateshead und Manchester studiert.


inhalt
Im Wochenabschnitt Wajakhel werden die Israeliten daran erinnert, dass sie das Schabbatgesetz nicht übertreten sollen. Die Künstler Bezalel und Oholiab sollen aus freiwilligen Spenden Geräte für das Stiftszelt herstellen, und es wird die Bundeslade angefertigt.
2. Buch Mose 35,1 – 38,20

Pekude, der letzte Abschnitt des Buches Schemot, berichtet von der Berechnung der Stoffe, die für das Stiftszelt verarbeitet werden, und wiederholt die Anweisungen zur Herstellung der Priesterkleidung. Die Arbeiten am Mischkan werden vollendet, und es wird eingeweiht. Über ihm erscheint eine »Wolke des Ewigen».
2. Buch Mose 38,21 – 40,38

Chol Hamo’ed

Der Bedrohung trotzen

Auch wenn das jüdische Volk immer wieder angegriffen wird, hat es doch eine Zukunft

von Rabbiner Walter Rothschild  24.09.2021

Schmitta

Das Land ruhen lassen

Dem jüdischen Kalender zufolge hat jetzt ein Schabbatjahr begonnen. Eine biblische Weisung zum Naturschutz

von Rabbiner Schlomo Hofmeister  23.09.2021

Talmudisches

Ein Vorbild echten Gemeinsinns

Rabbi Elieser und die 30 Fragen zur Sukka

von Noemi Berger  20.09.2021

Laubhütte

Die Mizwa der Gastfreundschaft

Nicht jede Sukka ist koscher – was bei der Vorbereitung und beim Bau zu beachten ist

von Rabbiner Elischa Portnoy  20.09.2021

HA’ASINU

»Vollkommen in Seinem Werk«

Die Tora lehrt, dass alles, was G’tt tut, gerecht ist und wir es akzeptieren sollten

von Rabbiner Avraham Radbil  17.09.2021

Jom Kippur

Essen vor dem Fasten

Warum man sich vor dem höchsten jüdischen Feiertag eine üppige Mahlzeit erlauben sollte

von Rabbiner Avraham Radbil  15.09.2021

Talmudisches

Zwei Ziegenböcke

Über eine feierliche Zeremonie an Jom Kippur, bei der der Hohepriester zwei Lose zog

von Yizhak Ahren  15.09.2021

Jom Kippur

»Da bückten sie sich und fielen auf ihr Angesicht«

Ein neuer Bildband illustriert die vielfältigen Aufgaben des Kohen Hagadol an Jom Kippur im Tempel

von Yizhak Ahren  15.09.2021

Teschuwa

Jederzeit neu anfangen

Warum Umkehr zu einem besseren Leben auch nach Jom Kippur noch möglich ist

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  15.09.2021