Religion

Eine Wohnung für G’tt

Der Sinn des Lebens ist es, sich in der Welt mit Haschem zu verbinden

von Rabbiner Avraham Gislason  13.02.2020 12:58 Uhr

Außenansicht des Zweiten Tempels in Jerusalem im Modell Foto: Getty Images

Der Sinn des Lebens ist es, sich in der Welt mit Haschem zu verbinden

von Rabbiner Avraham Gislason  13.02.2020 12:58 Uhr

Weshalb sind wir hier? Was ist der Sinn und Zweck unseres Lebens? Unsere Weisen drücken diesen Sinn auf verschiedene Arten aus. Manchmal heißt es »Wedawka bo« (»um an Ihm festzuhalten«), und manchmal ist auch vom Bau einer »Dira b’tachtonim« (einer Wohnung für Seine Anwesenheit in den Unterwelten) die Rede.

Haschem Eine solche Wohnung zu bauen, bedeutet, dass wir durch unsere Taten und unsere Andachten die Gegenwart der Schechina (g’ttliche Gegenwart) in dieser Welt offenbaren. Die Vereinigung der Schechina mit Haschem wird in der Tora anhand eines in die Tiefe gehenden Konzepts diskutiert, das im Wesentlichen aufzeigt, dass die g’ttliche Gegenwart, die sich in dieser Welt offenbart und uns somit auch erreichen kann, nichts anderes ist als der Schöpfer selbst.

Um mit den Worten von Rabbiner Avrohom Tzvi Kluger zu sprechen: »Durch das Erfüllen jeglicher Mizwa oder Verrichten einer Tefila (Gebet) wird bezeugt, dass diese Welt eigentlich nicht so ist, wie sie uns erscheint.«

Jede Person kann durch ihr eigenes Handeln demonstrieren, dass diese Welt in Wirklichkeit eine Illusion ist und dass sich hinter allem ein viel tieferes spirituelles Bild befindet. Wenn also eine Person eine Mizwa erfüllt, korrigiert sie die Auswirkungen dieser Illusion und offenbart somit, dass Haschem selbst die eigentliche Realität ist, die hinter allem steht.

 

Durch unseren G’ttesdienst bringen wir auch G’ttliches in die Welt.

Durch unseren G’ttesdienst bringen wir auch G’ttliches in die Welt. Diese Offenbarung wird von unseren Weisen als eine Art intime Beziehung beschrieben. Wenn wir dem Willen des Schöpfers in dieser Welt nachkommen, dann vereinen wir nicht nur die beiden Aspekte von Haschem, die als Schechina und »Hakadosch Baruch Hu« (»der Heilige, gelobt sei Er«) bekannt sind, sondern wir knüpfen auch unsere eigene persönliche Beziehung zu Ihm.

Wenn wir uns in einem tieferen Sinne an Ihn anlehnen, lassen wir zu, dass seine Gegenwart sich in dieser Welt offenbaren kann. Einfacher ausgedrückt: Wenn wir unsere Awoda (G’ttesdienst) ausführen, bringen wir G’ttlichkeit in diese Welt.

TEMPEL Das ist die Frage, um die es beim Errichten einer Dira b’tachtonim geht. Es gibt verschiedene Orte, an denen wir sehen, dass die Schechina unter uns in dieser Welt wohnt. Der erste und offensichtlichste ist der Mischkan (Stiftszelt), unmittelbar gefolgt von den beiden Batei Mikdasch (Tempel). Diese heiligen Orte und deren Strukturen sind die wörtliche Demonstration einer Dira b’tachtonim.

Der Vers sagt: »Mach Mir ein Mikdasch (Heiligtum), und Ich werde unter euch wohnen.« Dies ist das eigentliche Gebot der Tora, eine Dira b’tachtonim zu bauen. Wir bauten diese mit ihren Strukturen, hielten den G’ttesdienst ab, und somit wohnte eine tatsächlich spürbare g’ttliche Gegenwart unter uns und in uns.

Unsere Weisen geben diesem Vers jedoch eine tiefere Bedeutung und erklären, dass das einfache Verständnis schwierig ist, da dort hätte stehen sollen: »Mach Mir einen Mikdasch, und Ich werde darin weilen.« Doch anstatt »darin zu verweilen« zu sagen, heißt es im Vers tatsächlich »unter ihnen zu wohnen«.

Im tieferen Sinne sagt uns der Vers, dass, wenn wir unser Leben mit starker Emuna (Glaube) leben und uns mit Haschem verbinden, indem wir ständig Mizwot ausführen und ununterbrochen mit Ihm sprechen, wir tatsächlich eine Bleibe erschaffen, wo die g’ttliche Gegenwart in uns selbst wohnen kann.

Herz Deshalb heißt es im Vers: »Ich werde unter ihnen wohnen«, und nicht »in ihm«. Darüber spricht das berühmte Lied, in dem es heißt: »bilwawi mischkan ewne« (»in meinem Herzen werde ich ein Heiligtum bauen«).

Abgesehen von dem Mischkan, den Batei Mikdasch und dem Herzen jedes Juden sagen uns unsere Weisen aber auch: Wenn ein Mann und eine Frau in einem auf Torawerten begründetem Heim zusammenleben und alles daransetzen, Keduscha (Heiligkeit) in ihr Zuhause zu bringen, dann wohnt die Schechina mit ihnen in ihrem Haus.

Wenn Mann und Frau in Heiligkeit und Schalom Bajit (häuslicher Frieden) zusammenleben, schaffen sie die Bedingungen für das Verweilen der g’ttlichen Gegenwart, und sie wird wirklich ein Maß für die Beziehung.

Wenn also Mann und Frau mit ungeheurer Einheit, Liebe und Frieden zusammenkommen, bringen sie Haschem und seine Schechina direkt in ihrem eigenen Heim zusammen. Diese Art von Zuhause ist dann erfüllt von Heiligkeit, Licht und innerer Ruhe.

SCHABBAT Wenn wir den Schabbat auf die richtige Art und Weise heilig halten und auf Arbeit verzichten, schaffen wir einen Ort im Hier und Jetzt, an dem die Schechina wohnen kann. Je mehr wir den Schabbat durch unsere Gebete, Gesänge und Torazitate heilig halten, desto mehr wird die Dira b’tachtonim erweitert.

Tatsächlich bekommt in einem jüdischen Haus, in dem am Schabbat keine negativen Worte geäußert werden, sondern nur Worte der Liebe und Ermutigung, Toraverse und feierliche Gesänge, der Ruhetag eine höhere Bedeutung.

Haschra’at HaSchechina (die Behausung der g’ttlichen Gegenwart) wird auch in der Mischna diskutiert. Rabbi Chanania ben Teradion sagt: »Wenn zwei zusammensitzen und sie Worte über die Tora sprechen, dann ist die Schechina in ihrer Mitte.« Rabbi Chalafta ben Dosa sagt: »Wenn zehn Männer zusammensitzen und sich ausschließlich mit der Tora beschäftigen, ruht die Schechina mitten unter ihnen.«

Eine Synagoge wird auch als »Mikdasch me’at«, als ein Mikrotempel, bezeichnet.

So auch im Talmud, Sanhedrin 39a: »Wann immer zehn zum Gebet versammelt sind, ruht dort die Schechina.« Lassen wir diese Worte für eine Minute auf uns wirken. Wenn sich Juden zusammenfinden, um zu dawnen (beten), ruht die g’ttliche Gegenwart unter ihnen. Das bedeutet, dass wir, wenn wir als Gemeinde gemeinsam dawnen, den Zweck der Schöpfung erfüllen!

Eine Synagoge wird auch als »Mikdasch me’at«, als ein Mikrotempel, bezeichnet. Wir wandeln unsere Synagoge zu einem Dira b’tachtonim um. Es ist kein Zufall, dass eine Synagoge oft als Mikdasch me’at, ein Mikrotempel, bezeichnet wird. So, wie die g’ttliche Gegenwart auch im heiligen Tempel in Jeruschalajim wohnte, so wohnt sie auch bei uns, in unserer Synagoge.

Aus diesem Grund gibt es so viele Halachot und Minhagim (Bräuche) bezüglich »Keduschat Beit Haknesset« (die Heiligkeit der Synagoge). Die Aufrechterhaltung der Heiligkeit der Synagoge ist es, die die notwendigen Bedingungen für die Dira b’tachtonim schafft. Mit anderen Worten, wenn wir die richtige Art von Wohnung bauen, dann wird die Schechina sich dort auch zum Wohnen aufhalten.

Klatsch und Tratsch Wenn wir uns aber nur zusammenfinden, um uns zu unterhalten und uns über den neuesten Klatsch und Tratsch zu informieren, handelt es sich ausschließlich um ein soziales Miteinander, das nicht die Voraussetzungen einer Bleibe für die Schechina schafft und deshalb auch nicht als solche funktioniert.

Zur Synagoge zu gehen, ist eine »Awoda« und als solche nicht immer einfach.

Manchmal ist es schwer, pünktlich aufzustehen, schwer, den Komfort aufzugeben, schwer, die Kinder zurückzulassen, oder den Ehepartner. Wir alle stehen vor Herausforderungen, aus welchem Grund auch immer, und dennoch sind wir verpflichtet, pünktlich zu sein.

Wenn wir es also mit größten Anstrengungen geschafft haben, zur Synagoge zu kommen, sollten wir das nicht auch wertschätzen? Sollten wir dann nicht die Gelegenheit nutzen, unsere Bestimmung zu erfüllen und versuchen, uns im tieferen Sinne mit Haschem zu verbinden, um der Schechina zu erlauben, unter uns zu wohnen? Sollte ich nicht einen Mischkan in der Synagoge und in meinem eigenen Herzen erschaffen?

Wenn das nicht der Fall ist, sollten wir uns fragen: Was tun wir dann hier? Warum geben wir uns die Mühe? Wenn ich nicht daran interessiert bin, mich mit Haschem zu verbinden, warum habe ich mich letztendlich überhaupt bemüht, in die Synagoge zu kommen?

Tatsache ist, dass durch das Leben in dieser Welt – und speziell in unserer schnelllebigen Zeit – unser Verstand mit allen möglichen und verwirrenden Arten von Informationen überflutet wird. Wir denken ständig über Geschäfte, Finanzen und körperliches Verlangen nach.

MEDIEN Wir werden von Ängsten über unsere Einkünfte, Finanzen, Fristen, Kinder und mögliche Lebenspartner überrollt. Durch die ständige Beeinflussung durch Fernsehsendungen, Filme und Soziale Medien werden einige unserer Gedanken verwirrt und abgetötet.

Unsere Fähigkeit, an etwas zu denken, das außerhalb dieser Welt liegt, hinter die Matrix hinauszuschauen und die Schechina zu enthüllen, ist plötzlich völlig beeinträchtigt. Unser Verstand arbeitet permanent auf Hochtouren, jedoch nicht, um Tora zu lernen und zu beten. Er ist vielmehr ständig damit beschäftigt, die Eitelkeit und Torheit dieser Welt zu erfassen und innerlich aufzunehmen, was auf Kosten der Heiligkeit geht, da es für sie nun keine Bandbreite mehr gibt.

Wir beabsichtigen nicht, uns von Haschem zu entfernen, wir wollen uns auch nicht in dieser Welt verlieren, und sicherlich wollen wir auch nicht verhindern, unsere Bestimmung zu erfüllen. Leider haben wir als Volk einfach unseren Auftrag vergessen – und somit auch unsere Größe!

Wer nur zum Gebet geht, um zu tratschen, schafft keine Bleibe für die Schechina.

Wer nur zum Gebet geht, um zu tratschen, schafft keine Bleibe für die Schechina. Die Welt von heute ist nichts anderes als eine große Täuschung, um uns davon abzuhalten, tatsächlich über unser Leben und unsere Ziele nachzudenken – ein einziges großes Ablenkungsmanöver, das uns davon abhält, mit Haschem zu reden und die Realität hinter den Vorhängen zu enthüllen.

Unser Auftrag ist jedoch, die Matrix zu durchbrechen und uns wieder mit unserer eigentlichen Bestimmung im Leben zu verbinden. Das heißt: Verbinde dich wieder mit Haschem! Verbinde dich wieder mit der für dich gemeinten Realität!

Der Autor ist Rabbiner der Gemeinde Kahel Yereim und des Chassidus Learning Center in Thornhill (Kanada). Für die Übersetzung ins Deutsche sorgte Oberrabiner Raphael Evers (Jüdische Gemeinde Düsseldorf).

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