Talmudisches

Einander helfen beim Toralernen

Mancher Lehrer lernt das meiste von seinen Schülern. Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Einander helfen beim Toralernen

Was die Weisen über das Studium lehren

von Yizhak Ahren  13.05.2022 12:34 Uhr

Der Amoräer Rabbi Chanina bemerkte einmal: »Viel (Tora) lernte ich von meinen Lehrern; mehr als von meinen Lehrern lernte ich von meinen Genossen – und am meisten von meinen Schülern« (Taanit 7a). Wir staunen: Wie kann es sein, dass jemand von seinen Schülern mehr Tora gelernt hat als von seinen Lehrern?

Auf diese Frage finden wir im Talmud die folgende Antwort: »Rav Nachman Bar Jizchak sagte: Weshalb werden die Worte der Tora mit einem Baum verglichen, wie es heißt – ›Sie (die Tora) ist ein Baum des Lebens für diejenigen, die sie ergreifen‹ (Sprüche 3,18)? Dies besagt: Wie ein kleines Stück Holz ein großes in Brand steckt, so schärfen bei den Schriftgelehrten die kleinen die großen.«

Raschi erklärt, dass die jungen Toralernenden durch ihr ständiges Fragen eine Schärfung bewirken. Es ist also die Wissbegier der Schüler, die ihren Lehrern zu mehr Klarheit und Tiefe verhilft.

GENOSSEN Eine Mischna unterstreicht die Tatsache, dass neben einem Lehrer auch Genossen beim Toralernen eine wichtige Rolle spielen. Die Mischna lautet: »Jehoschua Ben Perachia sagt: Schaffe dir einen Lehrer und erwirb dir einen Genossen« (Sprüche der Väter 1,6).

Die Kommentatoren deuten die Wendung »erwirb dir« dahingehend, dass man sich auch dann um einen Lernpartner bemühen sollte, wenn für diese Beziehung Geld ausgegeben werden muss. In der Regel profitieren beide Partner vom gemeinsamen Lernen. In der Gemara lesen wir: »Die Tora wird nur in einer Gemeinschaft erworben« (Berachot 63b).

Heftig kritisiert wird, wer ohne einen Genossen Tora lernt: »Rabba bar bar Chana sagte: Weshalb werden die Worte der Tora mit dem Feuer verglichen, wie es heißt – ›Ist mein Wort nicht vielmehr Feuer, Spruch des Ewigen‹ (Jeremias 23,29)? Dies besagt: Wie das Feuer nicht allein brennt, so bleiben auch Worte der Tora nicht einem Einzelnen erhalten. Das ist es, was Rabbi Jose Bar Chanina sagte. Es heißt: ›Ein Schwert über die Einzelnen, sie werden töricht‹ (Jeremias 50,36). Ein Schwert über die Feinde der Schriftgelehrten (gemeint sind in Wirklichkeit: die Schriftgelehrten), die sich einzeln mit der Tora befassen. Und noch mehr, sie werden töricht … Und noch mehr, sie sündigen« (Taanit 7a).

Die von Rabbi Jose Bar Chanina beschriebene Entwicklung ist leicht nachzuvollziehen. Wenn ein korrigierender Partner fehlt, kann sich ein Missverständnis des Textes verfestigen. Und jemand, der eine halachische Vorschrift falsch ausgelegt hat, wird dann in der Praxis verkehrt handeln (ohne seine Sünde auch nur zu ahnen). Was ist demnach die Aufgabe eines Lernpartners? Er sollte Thesen seines Genossen sorgfältig prüfen und gegebenenfalls ergänzen und verbessern.

KUMMER Findet ein Toralernender keinen passenden Partner, kann ihm dies viel Kummer bereiten. Das lehrt uns die traurige Geschichte des Amoräers Rabbi Jochanan aus Tiberias. Als sein Studiengenosse (und Schwager) Rabbi Shimon Ben Lakisch starb, litt er sehr unter dem Verlust: »Da sprachen die Weisen: Wer geht zu Rabbi Jochanan, um ihn zu beruhigen? Die Jünger entschieden sich für Rabbi Elasar Ben Pedat, dessen Lehren präzise waren. Rabbi Elasar war dazu bereit und setzte sich zu dem Meister. Bei jeder Sache, die Rabbi Jochanan vortrug, sprach er zu ihm: ›Es gibt eine Lehre als Stütze für dich.‹«

»Da sagte ihm Rabbi Jochanan: ›Du willst Ben Lakisch gleichen? Wenn ich etwas vortrug, brachte er 24 Einwände vor, und ich habe dann 24 Antworten formuliert – dadurch wurde die Lehre erweitert und gefestigt. Du aber sagst immerzu, es gebe eine Lehre als Stütze für mich. Weiß ich denn nicht selbst, dass ich recht habe?‹ In seiner Verzweiflung zerriss Rabbi Jochanan seine Gewänder und rief aus: ›Wo bist du, Ben Lakisch? Wo bist du, Ben Lakisch?‹ Er schrie so lange, bis er seinen Verstand verlor. Da flehten die Jünger um Erbarmen, und Rabbi Jocha­nan starb« (Baba Metzia 84a).

Chaje Sara

Riwka ist die Richtige

Die biblische Geschichte zeigt, wie die Verheißungen des Ewigen auch durch Frauen erfüllt werden

von Rabbinerin Yael Deusel  06.11.2026

Talmudisches

G’tt will das Herz

Was unsere Weisen über die Verinnerlichung und das Leben mit der Tora lehren

von Vyacheslav Dobrovych  06.11.2026

Standpunkt

In der Tradition verwurzelt, der Welt zugewandt

Rabbiner Bradley Shavit Artson plädiert für ein selbstbewusstes, offenes und traditionsverbundenes Judentum, das sich den Herausforderungen unserer Zeit stellt

von Rabbiner Bradley Shavit Artson  05.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 03.11.2026

Aleeza Ben Shalom

»Wir suchen nach Körper und Seele«

Als Star der Netflix-Serie »Jewish Matchmaking« ist sie international bekannt und kommt auch nach Deutschland. Funktioniert die jüdische Liebe hierzulande anders?

von Mascha Malburg  02.11.2026

Wajera

Lots Töchter

Wie in der Tora über Inzest und sexuelle Gewalt gesprochen wird

von Paige Harouse  30.10.2026

Talmudisches

Sonnenanbeter

Was unsere Weisen über die Macht lehren, die wir dem Zufall zuschreiben

von Vyacheslav Dobrovych  30.10.2026

Mobilität

Scootern am Schabbes?

Was Rabbiner über Fahrräder, Roller und die Belohnung für jeden Schritt lehren

von Rabbiner Dovid Gernetz  29.10.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  26.10.2026