Neulich beim Kiddisch

Ein Teppich voller Gummibärchen

Süß, bunt und manchmal sogar koscher – aber auch dann sollte man nicht zu viel davon essen. Foto: fotolia

U7 – für mich das Kürzel des Schreckens! Bisher habe ich das für eine schlimme Eltern-Kind-Erfahrung gehalten. Eine ärztliche Vorsorgeuntersuchung für Zweijährige. Oft kommen schlimme Dinge unter der Vorspiegelung guter Absichten daher, und Vorsorgeuntersuchungen sollen ja eigentlich eine gute Sache sein. Ich weiß aber, dass sie im Wesentlichen dazu dienen, die Eltern schön auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Da wird meiner Tochter ein Tennisball in die Hand gedrückt. Den soll sie werfen. Das macht sie zu Hause ständig mit unseren Bällen. Meist bevor wir zum Tennisplatz fahren wollen. Bei der netten Ärztin allerdings sah meine Tochter den Ball einfach nur an. Der Blick erinnerte mich an Hypnose, und mit der Endloswiederholung »Ja, wirf doch mal den Ball – zu Hause machst du das doch auch immer. Zu Hause wirfst du alle Bälle herum. Na, komm, wirf«, machte ich nicht den Eindruck allerbester geistiger Gesundheit.

Die Ärztin nickte nur und schrieb ständig irgendetwas in ihren Block. »Ja. Das kann sie, das kann sie«, rief ich immer und immer. Rückwärtsgehen? »Ja, ja. Natürlich!« Meine Tochter setzte sich aber lieber auf den Boden. Würfel stapeln? Keine Chance. Wahrscheinlich stand auf dem Block der Ärztin nur: »Kind kann nichts. Vater überambitionierter Träumer, lässt seine Frau nicht zu Wort kommen.«

as könnte schlimmer als diese Untersuchung sein? Ich sage nur: Kinderkiddusch – eine Veranstaltung, die eigentlich das Wohl der Eltern im Blick hat. Uns erreichte kürzlich eine Einladung. Unser zweites Kind hat uns offenbar wieder ins Rennen für diese Veranstaltung gebracht. Kinderkiddusch heißt eigentlich, dass die Eltern die Möglichkeit haben, am Schabbat entspannt zum Morgengebet zu gehen. In einem Nebenraum der Synagoge werden die Kinder bespaßt und beaufsichtigt. Auch während des Kidduschs passen »qualifizierte Kräfte« auf die lieben Kleinen auf.

Die Wirklichleit sieht jedoch anders aus. Zum einen verwechseln einige Eltern die Veranstaltung mit dem IKEA-Kinderland. Sie geben ihre Sprößlinge um 9 Uhr in der Synagoge ab, verschwinden in der Innenstadt und kommen zum Kiddusch mit vollen Einkaufstüten zurück.

Zum anderen scheint der Kinderkiddusch erfunden worden zu sein, um all die alten Lebensmittel irgendwie unter die Leute zu bringen. Wegwerfen wäre zu schade. Interessant ist, dass Kartoffelchips nach einigen Tagen zuerst weich werden, und wenn man wartet, werden sie wieder hart. Dann sind sie gerade gut genug für den Kinderkiddusch.

Aber die Helferin war vorgewarnt! Als mein Sohn zwei Jahre alt war, habe ich sie ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er keine Gummibärchen isst. Erstens sind die Dinger nicht koscher, und zweitens mag er nur Dinge, die irgendeine Konsistenz haben. Die Helferin dachte bestimmt: »Überambitionierter Schnösel! Alle Kinder mögen Gummibärchen!« und stopfte sie meinem Sohn gleich am frühen Morgen händeweise in den Mund.

Hoffentlich hatte die junge Frau meinen Hinweis noch im Ohr, als sie eine Stunde später den Mageninhalt meines Sohnes aus dem Teppich im Nebenraum scheuerte. Eigentlich, finde ich, ist der Kinderkiddusch gar nicht so übel. Ich habe nichts davon mitbekommen, den Ärger hatten andere.

Interview

»Eine heilige Mission«

Oberstleutnant V. hat mit seiner Einheit die sterblichen Überreste von Soldaten geborgen, auch jene der letzten Geisel Ran Gvili. Hier spricht er über die Prinzipien seiner Arbeit

von Detlef David Kauschke  19.03.2026

Wajikra

Im Zentrum

So wie das Buch Wajikra die Mitte der Tora markiert, sind Gebete und Opfergaben das Herzstück des jüdischen Bewusstseins

von Gabriel Umarov  19.03.2026

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026

Unterricht

Wenn Lehrer lernen

Jüdische Religionspädagogen aus ganz Deutschland treffen sich zur Weiterbildung – und finden Wege, alte Texte mit Theater, TikTok und KI wieder lebendig werden zu lassen

von Mascha Malburg  13.03.2026

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026