Erinnerung

»Ein stetiges Zeichen«

Rabbiner Elias Dray Foto: privat

Herr Rabbiner Dray, am 27. Januar wurde in der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus zum ersten Mal in der Geschichte des Bundestags eine Torarolle fertiggestellt. Wie haben Sie die Zeremonie im Andachtsraum empfunden?
Das war wirklich ein besonderes Erlebnis für mich. Ich musste dabei an meinen Großvater Bernhard Berger denken. 1944 ist er aus dem Zug nach Auschwitz gesprungen. Er hätte sich wahrscheinlich nicht gedacht, dass sein Enkelsohn zwei Generationen später im deutschen Parlament eine Torarolle einweiht!

Wie konnte Ihr Großvater überleben?
Er stammte aus der polnischen Stadt Oswiecim und war in einem kleineren Lager interniert. Von dort wurde er deportiert und wusste, dass der Zug ins KZ Auschwitz fährt. Er ist zusammen mit vier Freunden aus dem Zug gesprungen. Sie haben sich bei einem Bauern versteckt und auf dem Hof die letzten Monate bis zu ihrer Befreiung überlebt.

Eines der Tora-Gebote lautet »Sachor« – »Erinnere dich«. Haben Sie daran gedacht, als die Rolle vollendet wurde?
Ja, in der Tora gibt es Hunderte von Beispielen, wie wir uns gemeinsam im Gedenken verbinden können. Die Tora ist ein stetiges Zeichen, dass wir nachdenken und uns erinnern sollen, was in der Geschichte passiert ist, was dem jüdischen Volk geschehen ist – und was unsere Aufgabe ist.

Sind das Gebot »Erinnern« in der Tora und die Aufgabe, sich der Geschichte bewusst zu bleiben, wirklich ein und dasselbe?
Im 5. Buch Mose 32,9 heißt es: »Gedenke der Tage der Vergangenheit, erwäge die Jahre vergangener Generationen, frage deinen Vater, dass er dir künde, deinen Großvater, dass er es dir erzähle.« Daran musste ich im Bundestag auch denken.

Am 27. Januar wurden die letzten Buchstaben geschrieben – welche sind das?
»Le-Ejnei Kol Israel« – »Vor den Augen von ganz Israel«. Die letzten Verse des 5. Buches Mose lauten: »Und es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der Ewige erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht (…) und mit all der mächtigen Kraft und den großen Schreckenstaten, die Mose vollbrachte vor den Augen von ganz Israel.«

Was wird mit der Torarolle jetzt passieren?
Die Torarolle von 1793 befindet sich jetzt im Jüdischen Museum Berlin. Gut 70 Jahre hatte sie im Schrein der Amberger Synagoge gestanden, bis ich 2015 auf sie aufmerksam wurde und sie in Israel restaurieren ließ. Wir wollen sie feierlich in die Synagoge einbringen. Derzeit planen wir die Zeremonie für den 20. Juni, wenn die Corona-Pandemie das zulässt. Aber auch der 9. November wäre ein gutes Datum, weil die Rolle kurz vor der Pogromnacht am 9. November 1938 von einem Religionslehrer gerettet wurde. Mir war es sehr wichtig, dass die Tora wieder im Gottesdienst verwendet wird.

Mit dem Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Amberg sprach Ayala Goldmann.

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