Meinung

Ein Schritt zu weit

Bürgersteig in Beit Schemesch: Geschlechtertrennung ist nicht halachisch. Foto: Flash 90

Zwischen Tel Aviv und Jerusalem, im Landesinnern Israels, liegt die Stadt Beit Schemesch. Dort habe ich eine Wohnung, dort leben zurzeit meine Frau und unsere Kinder.

Die Stadt ist inzwischen für zwei Attraktionen berühmt: Da ist zum einen die Höhle am Rande der Stadt mit ihren von der Decke herunterhängenden Tropfsteinen, den Stalaktiten. In ihrer Seltenheit für Israel einmalig, zieht diese Sehenswürdigkeit Jahr für Jahr Touristen und Wandergruppen von innerhalb und außerhalb des Landes nach Beit Schemesch.

attraktionen Die zweite Attraktion, ebenso eine weltweite Seltenheit, ist eine Gruppe jüdischer Stadtbewohner, die in den vergangenen Wochen Aufsehen erregt haben, indem sie beispielsweise vor einer orthodox‐religiösen Mädchenschule demonstriert haben, weil ihnen die Mädchen dort »nicht sittsam genug« gekleidet waren. Einer der Demonstranten meinte sogar, ein sieben Jahre altes Schulmädchen anspucken zu müssen.

Solche ›Attraktionen‹ sind am Vormittag zu sehen. Am späten Nachmittag, so zwischen Nachmittags‐ und Abendgebet, randalieren die selben dann gegen Polizisten und beschimpfen sie als »Nazis«.

Und da wäre noch etwas: In Beit Schemesch kann man Israels einzige Straße besuchen, in der es einen ausgeschilderten Gehweg für Männer und einen separaten für Frauen gibt. Auch diese ›Sehenswürdigkeit‹ lockt viele Interessierte dorthin. Aber nicht nur Touristen, sondern Journalisten und Fotografen, die dann den Zuschauern auf der Fernsehcouch diese Bilder samt »Expertenmeinung« servieren.

egozentriker Wir müssen eingestehen, so sehr es auch schmerzt: Es gibt ihn, den jüdischen Fundamentalismus. Er ist weder gesichtslos noch schwer identifizierbar.

Der jüdische Fundamentalist ist zunächst einmal wie jeder andere Fundamentalist ein Egozentriker, der die Realität seinem eigenen und illusionären Welt‐ und Menschenbild zwanghaft anzugleichen versucht, statt die Wirklichkeit als solche anzuerkennen. Der jüdische Fundamentalist ist tatsächlich der Meinung, dass er etwas für »sich« erreicht hätte, wenn er Andersdenkende aus seiner Nachbarschaft hinausgeekelt hat.

Der Schaden, den sein »Erfolg« jedoch für die gesamte jüdische Religion, in deren Namen er fälschlicherweise auftritt, verursacht, ist ihm schlichtweg egal. Denn Fundamentalismus ist religiöser Egoismus, seinem Wesen nach unsozial und immer nur selbstverherrlichend. Dem jüdischen Fundamentalisten ist die Entweihung des Judentums egal, schließlich ist es ja nur »sein Judentum«. Weder weiß er mit der Funktionalität der Halacha, noch mit dem Geist der Tora umzugehen.

Daher steht der jüdische Fundamentalist nicht innerhalb, sondern außerhalb des orthodoxen Konsenses gesetzestreuen Judentums. Nicht weil er das religiöse Gesetz übertreibt, sondern weil er es bricht.

Geschlechtertrennung Nie und nimmer hat die Halacha Geschlechtertrennung auf öffentlichen Gehwegen gefordert oder zur Diskussion freigegeben. Nie und nimmer hat die Halacha Verständnis dafür gehabt, Minderjährige anzuspucken und im Namen der Sittsamkeit zu schikanieren. Nie und nimmer hat die Halacha einem Juden das Recht gegeben, jüdische Polizisten, deren Aufgabe darin besteht, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, zu beschimpfen.

Wie sehr diese kleine, aber leider auffällige Subkultur das allgemeine Wohl des Judentums, die Einheit des Judentums, schlichtweg nicht interessiert, offenbart sich in eben diesen Kriegen gegen die Versöhnung unseres Volkes.

Um nichts anderes geht es hier. Wer nämlich denkt, es gehe in dieser Beit‐Schemesch‐Story nur um einen lokalen Konflikt zwischen benachbarten religiösen Gemeinden, der irrt. Hier geht es darum, dass eine kleine Minderheit andauernd den Frieden im jüdischen Volk sabotiert. Es sind dies Menschen, denen es Genugtuung verschafft, dass Israel nicht zur Einheit und Ruhe gelangt. Der jüdische Fundamentalist hat sich schon längst aus der Gemeinschaft des Judentums herauskatapultiert. Für ihn gilt nur noch seine Welt.

Konzepte Wirklich schade daran ist aber noch etwas anderes: Seit Jahrzehnten zerbricht sich das fromme Torajudentum, in Deutschland insbesondere die Mitglieder der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands, den Kopf, wie man Jüdinnen und Juden, die ihre eigene Religion weder verstehen noch leben, genau dahin wieder zurückbringen kann – zu einer authentischen jüdischen Identität. Verschiedene Konzepte, Wege und Strategien wurden hierzu erarbeitetet, und wir alle basteln noch immer an diesem Projekt. Es ist die kollektive Mizwa unseres Zeitalters.

Doch solche Nachrichten, wie sie in den vergangenen Wochen aus Beit Schemesch und auch Jerusalem zu uns gelangt sind, erschweren die Fortsetzung dieses Projektes. Sie bringen das Torajudentum in Verruf, und schlimmer noch: Sie stärken den jüdischen Religionsverlust, sie produzieren den Hass auf die eigene Religion. Ich bin mir nicht sicher, ob wir das einfach so verzeihen sollten.

Der Autor ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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