Erinnerung

Ein Leben für den Dialog

Schalom Ben-Chorin (1913–1999) Foto: zr

Kurz nach dem Tod des Journalisten, Dichters und Religionsphilosophen Schalom Ben-Chorin im Mai 1999 gab Rabbiner Walter Homolka ihm zu Ehren den inzwischen vergriffenen Band Ein Leben für den Dialog heraus. Er schilderte darin seinen Lehrer als einen Mann voll Eifer und Engagement in der Sache, gütig im Herzen und voller liebender Offenheit für den anderen.

Schalom Ben-Chorin hat Vorstellungen geprägt, ohne die jüdisch-christliche Begegnungen heute nicht mehr denkbar wären. Als Fritz Rosenthal 1913 in München geboren, studierte er Germanistik und Religionswissenschaft und wurde zu einem der Vordenker des deutschsprachigen liberalen Judentums des 20. Jahrhunderts. Nach mehreren Verhaftungen durch die Nazis emigrierte er 1935 ins damalige Palästina; 1956 besuchte er erstmals wieder seine Heimatstadt München.

Lange bevor es offizielle Kontakte gab, bemühte sich Ben-Chorin um Begegnungen zwischen Juden und Christen, Deutschen und Israelis. Er gehörte 1961 zu den Mitgründern der »Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen« beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und wirkte von 1970 bis 1987 als Dozent und Gastprofessor in Jerusalem, Tübingen und München.

Brückenbauer Jetzt, zu seinem 100. Geburtstag am 20. Juli, gibt es in München eine Vielzahl von Veranstaltungen, die Schalom Ben-Chorin, sein Werk und seine Wirkung würdigen. In Jerusalem hat man bereits Anfang dieses Monats an ihn erinnert. »Er baute Brücken, die auch in Zukunft halten« war das Symposium überschrieben, zu dem die Konrad-Adenauer-Stiftung und das Deutsche Literaturarchiv Marbach eingeladen hatten.

Der liberale Berliner Gemeinderabbiner Tovia Ben-Chorin sprach dabei über die Beweggründe für das Denken und Handeln seines Vaters: Er habe sich in der Tradition jener Propheten gesehen, die – wie Jesaja oder Micha – den Gott Israels als Gott aller Völker und Menschen verkündet hätten.

Als Schalom Ben-Chorin und seine zweite Ehefrau Avital im Frühjahr 1958 in Jerusalem die Gemeinde Har-El gründeten, war dies die erste bewusst progressive Gemeinde im Staat Israel. Har-El wuchs, konnte 1962 ihr eigenes Gebäude in der Shmuel-Hanagid-Straße beziehen und wurde zur Wegbereiterin der israelischen liberalen religiösen Bewegung, die heute gut 30 Mitgliedsgemeinden zählt.

Zum 100. Geburtstag von Schalom Ben-Chorin hat die Leiterin des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern, die Theologin und Judaistin Verena Lenzen, jetzt ein Büchlein herausgebracht. Darin begegnen wir dem jungen Lyriker Fritz Rosenthal, dem Journalisten mit dem Namenskürzel »S. B. C.«, dem mutigen Vorkämpfer des interreligiösen Gesprächs und einem modernen Denker auf der Suche nach einer Theologie des Judentums und einer religiösen Antwort nach der Schoa. Lenzen beschreibt einen Grenzgänger, der sich selbst als Autor mit theologischen Interessen und publizistischen Methoden bezeichnete und den jüdisch-christlichen Dialog schon früh als Mittel im Kampf gegen das Heidentum des NS-Regimes begriff.

Künstlergeneration »Schalom Ben-Chorin wollte, mit eigenen Worten, nicht ›auf ein Postament gestellt‹ werden, das er selbst nie zu seinem Standort erwählte«, schreibt Lenzen: »1931 gab sich der junge Fritz Rosenthal einen hebräischen Namen, ›Friede, Sohn der Freiheit‹, der zugleich Protest, Proklamation und Programm war, verriet er doch die Sehnsucht jener jungen Künstlergeneration nach Freiheit und nach dem Ausbrechen aus allen Beschränkungen, die das Leben fesselten.«

Sein Aufbruch zu einer religiösen Verständigung zwischen Judentum, Christentum und Islam in Palästina Anfang der 40er-Jahre sei von »unerhörtem Mut« gewesen und warte bis heute »auf eine angemessene theologische und judaistische Aufmerksamkeit«. Ebenso seien die Gedichte des jungen Poeten kaum im Rahmen der deutsch-jüdischen Exillyrik wahrgenommen worden.

Von den späten 50er-Jahren an wurde Schalom Ben-Chorin in den deutschsprachigen Ländern vor allem durch sein Engagement für den jüdisch-christlichen Dialog bekannt und vielfach gewürdigt. »Man kann das Judentum nicht aus Büchern kennenlernen«, hat Ben-Chorin einmal gesagt, »sondern muss es als gelebte Wirklichkeit erfahren, mit der Schönheit des Schabbats und der Feste und mit den Härten eines Anspruchs, der oft unsere Möglichkeiten übersteigt, und mit der Gefahr einer Erstarrung in Traditionen, die den lebendigen Glauben zu ersticken drohen.«

Sein Werk bleibt auch für innerjüdische Debatten von Belang, so etwa sein 1939 erschienenes Buch Jenseits von Orthodoxie und Liberalismus: Versuch über die jüdische Glaubenslage der Gegenwart.

Verena Lenzen: »Schalom Ben-Chorin. Ein Leben im Zeichen der Sprache und des jüdisch-christlichen Gesprächs«, Hentrich & Hentrich, Berlin 2013, 96 Seiten, 9,90 €

Lesen Sie auch unsere Redezeit »Ich höre ihn durch seine Bücher« mit Tovia Ben-Chorin über seinen Vater

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