EILMELDUNG! Nach Terroranschlag: Israel bereitet Abriegelung des Westjordanlandes vor

Hohe Feiertage

Drei geöffnete Bücher

Foto: Getty Images/iStockphoto

Hohe Feiertage

Drei geöffnete Bücher

Die Tradition beschreibt das Schicksal der Rechtschaffenen, Mittelmäßigen und Bösen. Wer seine Fehler wiedergutmachen will, sollte sich damit auseinandersetzen

von Chajm Guski  15.09.2023 10:37 Uhr

Der Plot kommt vielen bekannt vor: Der Wecker klingelt oder der Radiowecker springt an – und der Tag beginnt. Nur bei unserem Protagonisten ist es nicht das erste Mal. Der Wecker hat den gleichen Tag bereits mehrfach genauso begonnen.

Sei es in Täglich grüßt das Murmeltier oder in dem Film Palm Springs, eines ist den Handlungen der Filme fest eingeschrieben: Die Protagonisten versuchen, aus dem Kreislauf zu entkommen, indem sie etwas »besser« machen oder die eine Sache finden, die sie lösen müssen, um ihr Leben weiterzuführen.

ZUSCHAUER Für uns Zuschauer gilt das nicht. Wir haben nur diese eine Chance. Wir haben keine Möglichkeit, Situationen mit Abstand zu betrachten und sie erneut »richtig« zu meistern. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können an ihren Folgen arbeiten und diese wieder auf den »richtigen« Weg führen. Auch wir können auf den Weg zurückfinden, der für uns vorgesehen war – und da ähneln wir den Protagonisten der Zeitschleifen-Filme.

Dazu ist vor allem eines wichtig: Einsicht und eine andere Perspektive. Die Worte von Rabbi Kruspedai im Talmud (Rosch Haschana 16b) sollen diese Einsicht auslösen. Er sagte, dass Rabbi Jochanan lehrte: »Drei Bücher werden an Rosch Haschana vor dem Heiligen, gepriesen sei Er, geöffnet: eines der bösen Menschen, eines der rechtschaffenen Menschen und eines der mittelmäßigen Menschen, bei denen sich gute und schlechte Taten die Waage halten. Völlig Gerechte werden sofort eingeschrieben und für das Leben besiegelt; völlig Böse werden sofort aufgeschrieben und für den Tod besiegelt; und für mittelmäßige Menschen wird das Urteil von Rosch Haschana bis Jom Kippur ausgesetzt, ihr Schicksal bleibt unentschieden.«

Weiter heißt es im Talmud: »Wenn sie sich durch die guten Taten und Mizwot, die sie während dieser Zeit verrichten, verdient machen, werden sie für das Leben eingeschrieben; wenn sie sich nicht verdient machen, werden sie für den Tod eingeschrieben.« Wie kann das verhindert werden? Der Midrasch sagt (Bereschit Rabba 44,12): »Drei Dinge wenden das schlechte Urteil ab: Gebet, Zedaka und Teschuwa.«

diskussionen Doch den Kommentatoren aller Zeiten ist aufgefallen, dass ein einfaches Verständnis des Zitats zu Problemen führt, denn es bildet die Welt nicht ab. Gute Menschen sterben auch in jungem Alter. »Unschuldige« Menschen werden aus dem Leben gerissen – böse werden alt. Das führte zu Diskussionen darüber, was diese Bücher bedeuten.

Gebet, Zedaka und Teschuwa wenden das schlechte Urteil ab.

Für Raschi (1040–1105) steht fest, dass diese Bücher Aufzeichnungen der Taten des Menschen sind. In den Sprüchen der Väter, den Pirkej Awot, heißt es (2,1): »Wisse, was über dir ist: ein allsehendes Auge, ein allhörendes Ohr, und wisse, dass alle deine Taten in ein Buch eingeschrieben werden.« Der Kommentator Rabbenu Jona erklärt hierzu, es gehe darum, dass der Mensch sich klarmachen solle, dass er sich dauernd in der Präsenz G’ttes bewege. Vor einem König würde man sich auch nicht falsch benehmen.

»Stell dir vor, dir schaut ständig jemand zu«: Dies scheint die Botschaft zu sein. Wie sind in der Rückschau Handlungen zu beurteilen? Diese Einsicht bereitet den Weg für Teschuwa. Das entspricht dem, was Maimonides, der Rambam (1135–1204), in den Hilchot Teschuwa (1,1) beschreibt: Man erkennt seine schlechten Taten, bereut sie, verpflichtet sich, sie nicht zu wiederholen, und erklärt dies mündlich vor G’tt. Übersetzen könnte man »Teschuwa« mit »Buße« oder »Umkehr«, wie es in Gebetbüchern für die Hohen Feiertage zu lesen ist. »Teschuwa« kommt jedoch vom hebräischen Verb »schuw«, und das bedeutet »zurückkommen« oder »wiederherstellen«.

Rabbiner Joseph Soloveitchik (1903–1993) erklärte in seinem Buch Der halachische Mensch, Teschuwa sei ein aktiver Akt der Rückkehr zu G’tt und seinen Mizwot. Derjenige, der zurückkehrt, erschaffe in diesem Prozess ein neues Ich. Teschuwa ist also keine Rundmail vor den Hohen Feiertagen oder während der zehn Bußtage mit einem »Sorry« oder ein Tag, den man in der Synagoge verbringt. Vielmehr ist es notwendig, sich mit denjenigen, die man gekränkt oder verletzt hat, auseinanderzusetzen.

TATEN Das kann darin münden, dass die Tat aus der Vergangenheit eine neue Bedeutung in der Gegenwart erhält. Man denke an den Verkauf von Josef nach Ägypten. Nach der schlechten Tat versöhnt er sich mit seinen Brüdern, und die Tat erhält eine neue Bedeutung. So sagt er zu seinen Brüdern: »Seid aber nicht betrübt und macht euch keine Vorwürfe, weil ihr mich hierher verkauft habt; G’tt hat mich vor euch hergeschickt, um Leben zu retten« (1. Buch Mose 45,6). Und nach dem Verständnis von Raschi und anderen ging es nicht nur um Josefs Leben, sondern auch um das Leben der anderen.

Wir können nicht zurückreisen und die Dinge anders handhaben, aber wir können jetzt handeln und versuchen, sie wiederherzustellen. Im Idealfall so, dass wir im Folgejahr nicht die gleichen Fehler begehen. Die Zeit der Hohen Feiertage ist dafür geeignet, weil auch die Angesprochenen zugänglicher sind. Im Buch Jeschajahu (55,6) heißt es: »Suchet G’tt, wenn er nahe ist.« Die Zeit zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur ist genau diese Zeit.

Talmudisches

Bier

Was unsere Weisen über Getränke und ihre Wirkung lehren

von Rabbinerin Yael Deusel  21.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

Erlösung

Nur ein scheinbarer Gegensatz

Warum wir an die Ankunft des Maschiach glauben sollten – aber nicht an einen Zeitpunkt

von Vyacheslav Dobrovych  16.10.2026

Noach

Die Entstehung der Vielfalt

Wie nach der Sintflut eine neue Ordnung der Menschheit ihren Anfang nahm

von Yonatan Amrani  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Talmudisches

Klassengröße

Was unsere Weisen über das Lernen in Gemeinschaft lehren

von Yizhak Ahren  09.10.2026

Erziehung

Der widerspenstige Sohn

Wer sich gegen seine Eltern auflehnt, soll laut Tora mit dem Tod bestraft werden. Die jüdische Tradition ringt mit dem Text und fragt, wie Familien miteinander verbunden bleiben

von Shoshana Ruerup  09.10.2026

Bereschit

Worte retten Leben

Rechtzeitig miteinander zu sprechen, kann Hass und Gewalt verhindern und Versöhnung möglich machen

von Rabbiner Joel Berger  08.10.2026

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026