Ausbildung

Diskurs und logische Herleitung

Die Jeschiwa atmet eine Atmosphäre tiefer Geistigkeit. Lesepulte, Schriften, legere Lederbänke im Studierraum, kurz nach Mittag weht ein Duft von Linsen aus der Küche über den Flur, der zur Synagoge führt. »All die spirituelle Energie der Gründer ist hier noch spürbar«, sagt Shlomo Rottmann ebenso stolz wie ehrfürchtig.

Er ist mit 35 Jahren der älteste der neuen Studenten und Rabbinatsanwärter und stammt aus Jerusalem. Daniel Batyrev und Jacob Rürup sind in Essen und München geboren, aufgewachsen sind sie in Tübingen und Berlin.

Das ist an sich schon ein Novum in der jüngeren Geschichte der Lehranstalt, die 2009 von der Lauder-Stiftung und dem Zentralrat der Juden in Deutschland wiedereröffnet wurde, und bereits ein Erfolg, der für sich spricht: In Deutschland geborene orthodoxe Juden studieren am Rabbinerseminar zu Berlin, 1878 von Rabbiner Esriel Hildesheimer gegründet. Das gab es – mit Ausnahme des 2018 ordinierten Rabbiners Jochanan Guggenheim – seit 1938 nicht mehr.

SINN Seit Dezember und Januar sind sie nun Teil der Gemeinschaft in Berlin-Prenzlauer Berg. Was bringt junge Menschen dazu, ihr Leben der Religion zu »opfern«? »Ich muss gleich einmal etwas klarstellen. Das ist für mich kein Opfer, sondern ein reiner Gewinn«, protestiert Daniel sofort. »Ich gehe ja nicht ins Kloster, und ich gebe auch nichts auf. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder.« Jacob hält sich bei der Antwort auf diese Frage noch zurück, und Shlomo lächelt.

»Wir sind wie ein großes Puzzle, wir gehören zusammen, aber jedes Teil ist anders«, sagt er. Das ist sehr rabbinisch und trifft es genau: Unterschiedlicher könnten die drei kaum sein.

Daniel ist Schwabe und als Einziger des Trios »sehr säkular aufgewachsen«, wie er sagt. Jacob ist bereits in einem religiösen Umfeld groß geworden. Shlomos Vater wurde in Miami geboren, seine Mutter in Antwerpen, »und ich entstamme der aschkenasischen Familie eines hohen Rabbiners in Frankfurt am Main«.

»Ich lebe in einer Stadt mit vielen Facetten. Und ich lebe gerne orthodox.«

Jacob Rürup

Daniel ist der Wissenschaftler unter ihnen. »Mein Vater ist Mathematiker. Ich bin jemand, der den Sachen gern auf den Grund geht, etwas zu Ende denkt. Ich mochte Mathe, weil man etwas beweisen muss. Ich will der Wahrheit auf den Grund gehen. Herausfinden, wie wir unser Leben sinnvoll und gut leben.« Daniel studierte Bioinformatik in Tübingen und »Computational Neuroscience« an der Hebrew University in Jerusalem, wo er gerade seine Promotion ablegt.

Zeitgleich besuchte er in Israels Hauptstadt auch die Jeschiwa Machon Shlomo im Viertel Har Nof. Zum orthodoxen Judentum sei er von allein und »sehr langsam« gelangt. »Da ich alles hinterfrage, hat es zehn Jahre gedauert, mich selbst davon zu überzeugen, dass das orthodoxe Judentum logisch, konsistent und richtig ist.«

Dabei habe er entscheidende Parallelen zur Naturwissenschaft entdeckt: »Beides ist eine Suche nach der Wahrheit. Naturwissenschaften suchen sie in der physischen Welt. In der Tora und im Rabbinerseminar geht es um ethische und moralische Wahrheit. Beides beinhaltet den Diskurs und logische Herleitungen.« Noch immer scheint ihn die »Opfer«-Frage zu wurmen: »Wenn ich etwas für richtig empfinde, bin ich bereit, Zeit und Kraft zu investieren, um an die Wahrheit zu kommen.«

Shlomo ist vielleicht so etwas wie der Praktiker der Gruppe. Zwölf Jahre studierte er in Israel in einer Jeschiwa und arbeitete im Immobiliensektor. Er ist bereits in Leipzig als Assistenzrabbiner beschäftigt, leitet Gottesdienste am Schabbat, liest aus der Tora. Um fünf Uhr steht er auf und nimmt den Zug nach Berlin, damit er um 7.30 Uhr zum Gebet in der Synagoge ist. Von neun bis 18 Uhr ist Unterricht und Studium. »Um acht komme ich abends nach Hause.« Der Alltag im Seminar ist für alle nicht einfach.

Jacob, geboren 2001, ist der Jüngste. Er absolvierte die Lauder-Schule und das Jüdische Gymnasium in Berlin und anschließend ein Semester Jura in Frankfurt/Oder. »Das war nichts für mich. Nicht in dieser Form«, schüttelt er den Kopf. Viel jüdische Identität sei immer um ihn herum gewesen, aber auch außerhalb der Schule habe er sich die Tora angeeignet. »Es war klar, dass ich einmal nach Israel gehen würde.«

Daniel Batyrev will der Wahrheit auf den Grund gehen und ein sinnvolles Leben suchen.

Zwei Jahre verbrachte er in der Jerusalemer Yeshivat Hakotel. »Als ich zurückkam, war ich viel in den Gemeinden in Berlin und außerhalb unterwegs, auch als Vorbeter. Dabei merkte ich, dass es mir Spaß macht, mein Wissen um die Tora weiterzugeben.« Der Verantwortung, die dahinterstecke, sei er sich vollends bewusst. »Im Moment arbeiten wir am religiösen Fundament, und wir begleiten Rabbiner praktisch in den Gemeinden.«

In Berlin kennt er sich bereits bestens aus. Auch Daniel hat sich mit Frau und Kindern schnell zurechtgefunden. »Ich bekomme hier mein schwäbisches Bier im Supermarkt, das ist okay.« Jacob ist verlobt. Shlomo bleibt wenig Zeit, die Stadt zu erkunden, er ist aber zuversichtlich: »Vielleicht lerne ich hier in Deutschland bald ein nettes jüdisches Mädchen kennen?«

Gemeinsam werden sie drei bis fünf Jahre in diesem Studierraum verbringen, lesen, debattieren, sophistisch streiten, zuhören. Gemeinsam leisten sie bereits Dienst am Menschen. Sie helfen mit in der Betreuung ukrainischer Geflüchteter, unterstützen sie, sich eine Wohnung einzurichten, und helfen dabei, Fuß und Vertrauen zu fassen. »Da sind wir als Studenten selbstverständlich aktiv«, sagt Daniel.

ZIELE So überraschend unterschiedlich wie ihre Herkunft und Berufungen sind auch ihre Ziele: »Ich möchte Rabbiner werden in einer deutschen Gemeinde«, sagt Shlomo. »In Israel gibt es Tausende Rabbiner. Hier werden wir gebraucht.« Sein größter Wunsch sei es, zudem in Deutschland eine Jeschiwa zu eröffnen – »so wie es mein Großvater in Long Beach, New York, und später in Israel tat. In meiner Familie sagte man: Wenn G’tt dir ein Geschenk macht, musst du es an andere weitergeben.« Man müsse eben immer in Bewegung bleiben, lacht er.

»Nein, nicht in eine Gemeinde«, sagt Daniel entschlossen. »Ich möchte meine akademische Lehre weiterverfolgen und dort mit jüdischen Studierenden als Rabbiner arbeiten. Das ist meine Zielgruppe. Junge Erwachsene, die ich intellektuell ansprechen kann. Und eines der Dinge, die ich erreichen möchte, ist, Vorurteile gegen orthodoxes Judentum aufzuarbeiten.«

Auch Jacob hat seine Vorstellungen: »Ich mache seit vielen Jahren Jugendarbeit, weil ich noch sehr nahe dran bin an dieser Altersgruppe. Ich würde gern in einer Gemeinde darauf den Fokus legen.« Bei aller Verschiedenheit der Puzzleteile sind sie sich doch im Ganzen wieder einig. »Ich lebe in einer Stadt mit vielen Facetten. Und ich lebe gern orthodox. Mein Ziel ist es auch, zu sagen, dass man orthodoxes Judentum heute in Deutschland ohne Probleme leben kann«, sagt Jacob.

»Weißt du, im Hebräischen nennen wir Moses Mosche Rabbenu. Er war der erste Rabbiner. Es ist unsere Pflicht, die Tora weiterzugeben«, drückt es Shlomo aus. Und Daniel bringt es schon wie ein druckreifes Theorem auf den Punkt: »Orthodoxes Judentum gehört nicht ins Museum, sondern auf die Straße.«

Schelach Lecha

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