Prophezeiung

Die zertanzten Schuhe

Was unsere Fußbekleidung über das Leben und die messianische Zeit verrät

von Rabbiner Yehuda Teichtal  07.06.2010 16:10 Uhr

Nach einem langen Lauf: Der Mensch trägt Schuhe, um seine Füße vor Schmerz und Schmutz zu schützen. Foto: imago

Was unsere Fußbekleidung über das Leben und die messianische Zeit verrät

von Rabbiner Yehuda Teichtal  07.06.2010 16:10 Uhr

In seinen Prophezeiungen der zukünftigen messianischen Ära schreibt der Prophet Jesaia: »G’tt wird den Golf vom ägyptischen Meer austrocknen, und Er wird Seine Hand über dem Fluss Euphrat mit der Kraft Seines Atems schwenken. Er wird ihn [den Fluss] in sieben Ströme aufteilen und [das Volk] in Schuhen hinüberführen.« War es wirklich so wichtig, dass der Prophet erwähnte, dass wir in unseren Schuhen über den Fluss Euphrat geführt werden würden? Würde irgendjemand lieber in Badelatschen oder barfuß durch den Fluss gehen?

Baal Schem Tow Das erste Mal, dass der große Rabbi Israel Baal Schem Tow zu seinen Schülern über Simchat Tora sprach, erzählte er ihnen eine Episode. Diese hatte sich am Morgen des Feiertages zugetragen, an dem Ort, den wir Himmel nennen. Jeder weiß, sagte der Baal Schem Tow, dass am Feiertag von Simchat Tora die Juden etwas länger schlafen, da sie am Abend zuvor bei den »Hakafot« viel getanzt und auch etwas getrunken haben. Die Engel im Himmel trinken allerdings weder Wodka noch tanzen sie die ganze Nacht. Also wachen sie an Simchat Tora zur üblichen Zeit auf, bereit, ihre Morgengebete zu singen. Doch an diesem Tag hatten die Engel morgens nichts zu tun. Im Talmud steht, dass »die Engel im Himmel keinen Lobgesang auf G’tt singen können, solange Israel nicht G’ttes Lobgesang auf Erden singt«. Und da das jüdische Volk noch schlief, konnten die Engel nicht mit ihrem täglichen G’ttesdienst beginnen.

Was tun Engel, wenn sie sich langweilen? Dasselbe, was Menschen tun, wenn sie sich langweilen: Sie räumen auf. Also begannen die Engel damit, im Himmel ein wenig Ordnung zu schaffen. Als sie in den Garten Eden eintraten, fanden sie viele merkwürdige Dinge auf dem Boden liegen: zerrissene Schuhe und abgebrochene Absätze. Nun sind die Engel es gewöhnt, heilige Gegenstände im Paradies vorzufinden, wie zum Beispiel Gebetbücher, Gebetsschals, Tefillin, Torarollen und ähnliche heilige Dinge. Niemals jedoch hatten sie Schuhe von Bally, Ecco, Kenneth Cole oder Bruno Magli gesehen. »Was haben diese seltsamen Dinge hier im Paradies zu suchen?«, wunderten sich die Engel.

Tanzen Sie beschlossen, den Engel Michoel zu fragen, der als der überirdische Fürsprecher des jüdischen Volkes galt. Vielleicht wusste er etwas über dieses anormale Schuh‐Phänomen im Paradies. »Ja«, gab Michoel zu, »dies sind die Überbleibsel der Hakafot‐Feiern der letzten Nacht, bei der die Juden stundenlang mit ihren Torarollen tanzten.« Dann begann der Engel Michoel damit, die zerfledderten Schule zu zählen und in verschiedenen Stapeln aufzuhäufen, jenachdem, von welcher Gemeinde er sie erhalten hatte. Michoel sagte, dass Matat, einer der angesehensten Engel im Himmel, »aus den Gebeten Israels G’tt Kronen bindet. Heute werde ich eine noch viel glorreichere Krone für den Allmächtigen aus diesen zerrissenen Schuhen binden, von der durchtanzten Simchat‐Tora‐Nacht.«

Diese Episode erzählte der Baal Schem Tow seinen Schülern und vermittelte ihnen dabei – auf eine eher rührende und originelle Art und Weise – die Macht des Tanzens. Er erläutert damit das Majestätische an der Tatsache, dass sich einfache Menschen stundenlang mit G’tt und Seiner Tora freudig bewegen. Jedes Fest hat einen Platz im Himmel, und aus den zerfledderten Schuhen und den abgebrochenen Absätzen wird die schönste Krone für G’tt gemacht.

Oase Nun muss man allerdings zwei Fragen stellen. Erstens: Warum war der Engel Michoel nur an den zerfledderten Schuhen der tanzenden Juden interessiert? Was war mit den durchschwitzen Hemden, den klatschnassen Unterhemden oder Mänteln der stundenlang tanzenden und hüpfenden Menschen in der Nacht von Simchat Tora? Warum sind diese Kleidungsstücke nicht auch zusammen mit den Schuhen ins Paradies gelangt? Und zweitens: Wie kann es Feste und deren Überbleibsel im Himmel geben? Der Garten Eden, also das Paradies, ist eine spirituelle Oase, die nicht durch physische Eigenschaften definiert und nicht von materiellen Objekten bevölkert wird.

Die einfache Anwort darauf könnte lauten: Wenn der Baal Schem Tow von »Schuhen« spricht, die von den Engeln im Paradies entdeckt werden, meint er damit eine bestimmte Energie – eine spirituelle Realität –, die von Juden erzeugt wird, die in der Nacht von Simchat Tora tanzen. Schließlich ist dies einer der fröhlichsten Momente im jüdischen Kalender. Doch wenn es keine wirklichen Feste im Himmel gibt, nur deren spirituelle Energie, warum waren die Engel dann so erstaunt über ihre Entdeckung?

Es ist eine uralte jüdische Vorstellung, dass jede Mizwa, die ein Mensch hier auf Erden erfüllt, im Himmel eine Energie freisetzt. An Simchat Tora zu tanzen, sollte davon nicht ausgeschlossen werden. Also warum waren die Engel dann angesichts der von den abgenutzten Tanzschuhen empor steigenden besonderen Energie so überwältigt? Bedeutung Welche Funktion haben Schuhe? Da die Wege des Menschen ihn nicht nur über Marmor und Teppiche führen, sondern eben auch über harte Oberflächen – Gehwege, Steine und Matsch –, muss er Schuhe tragen, um seine Füße vor Schmerz und Schmutz zu schützen.

Faulheit Auf spiritueller Ebene repräsentieren Schuhe die Maßnahmen, die wir ergreifen müssen, um unser Leben vor diversen verschmutzten und destruktiven Elementen zu beschützen, die uns entwürdigen und wehtun können. Wir können jeden Moment den unmoralischen Sehnsüchten erliegen. Wir können unehrenhaften Verhaltensweisen verfallen oder verschiedenen Süchten. Wir können von Ängsten übermannt werden, von Unsicherheit, Faulheit, Egoismus oder Depressionen. Als äußerst verletzliche menschliche Wesen müssen wir stets »Schuhe« tragen, um uns selbst sowie unsere Liebsten vor möglichem Schmutz in unserer Psyche und in unserer Umgebung zu schützen.

»Entferne die Schuhe von Deinen Füßen«, sagte G’tt zu Moses, »denn der Ort, an dem Du stehst ist heiliger Boden«. Nur wenige Seelen gehen – wie Moses am brennenden Busch – immer und überall auf heiligem Boden und können deshalb ihr ganzes Leben ohne Schuhe unterwegs sein. Dies sind die einzigartigen Seelen, die so tiefgründig mit ihrer inneren Spiritualität und G’ttlichkeit verbunden sind, dass die zahlreichen unmoralischen Freuden unserer Welt keinerlei Wirkung auf sie haben. Für die meisten von uns besteht das Leben allerdings aus dem Kampf zwischen unseren tierischen Tendenzen und unseren spirituellen Sehnsüchten, zwischen unseren Egos und unseren höheren spirituellen Identitäten. Deswegen dürfen wir niemals, auch nicht für einen kurzen Moment, unsere Schuhe ausziehen, wenn wir ein integres und tiefgründiges Leben führen möchten. Wir dürfen nicht unsere Schutzmaßnahmen gegen den Schmutz in unserem Herzen und unserer Umgebung ablegen. Wenn wir unsere Schuhe ausziehen, könnten wir im Graben landen.
Paradies Nun ist die große Frage: Gibt es einen Platz für unsere »Schuhe« im Paradies? Das Paradies ist ein Ort, der vollständig vom höheren Licht G’ttes durchdrungen ist. Es ist der einzige Ort, der die Harmonie, die Schönheit und die Perfektion seines Schöpfers widerspiegelt – ein Ort im Himmel frei von Politik, Sittenlosigkeit und Profanität. Die Tatsache, dass unsere schweißdurchtränkten Hemden, Jacken oder Hüte Teil einer Mizwa waren – einschließlich dem Tanzen an Simchat Tora – und eine mächtige Energie im Himmel hervorbrachten, war keine Überraschung für die Engel, denn diese Realität ist so alt wie das Leben selbst. Erstaunt waren sie beim Anblick der zerfledderten Schuhe. Sie fragten sich, was der menschliche Kampf gegen schmutziges Verlangen im allerheiligsten Garten Eden zu suchen hat.

Der große Fürsprecher der Menschheit, der Engel Michoel, hatte die Antwort auf diese Frage, die diese heiligen Geschöpfe so verwunderte. Er vermittelte ihnen die revolutionäre Idee, dass jeder zerfledderte Schuh, der Kampf eines jeden Menschen gegen seine oder ihre innere Dunkelheit den wohl wertvollsten »Bestand« im gesamten Paradies darstellt, auch wenn der Schuh zerrissen und der Kampf nicht vollendet ist. Einige Engel mögen G’tt eine Krone aus Israels Gebeten binden, erklärte Michoel, aber die glorreichsten Kronen für den Allmächtigen bestehen aus den Schuhen der durchtanzten Simchat‐Tora‐Nacht. Diese Kronen werden aus der Freude um die Verbindung einfacher Menschen mit G’tt inmitten der Dunkelheit gefertigt. Es ist dieser Tanz, der Tanz einer »kleinen Kerze der Wahrheit in einem Universum der Lügen« – um die Worte des Lubawitscher Rebben zu gebrauchen –, der im Garten Eden am meisten geschätzt ist.

Messias Die Ära des Moschiach (Messias) ist das Paradies auf Erden, die Ära in der Geschichte, wenn der Himmel und die Erde eins werden und die gesamte Menschheit sich gemäß dem g’ttlichen Bildnis verhalten wird. Der Prophet beschreibt sie als Zeit, in der G’tt »den Geist der Verschmutzung« von der Erde entfernen wird. Doch trotz dieses spirituellen Hochs der messianischen Ära, die unsere heutigen Anstrengungen zu bedeutungslosen Erfahrungen machen wird, sagt Jesaia uns, dass dies alles mit angezogenen Schuhen beginnen wird! »G’tt wird Seine Hand über dem Fluss Euphrat mit der Kraft Seines Atems schwenken. Er wird ihn [den Fluss] in sieben Ströme aufteilen und [das Volk] in Schuhen hinüberführen.«

Denn es ist genau diese Anstrengung der Menschheit, das Licht G’ttes in unser profanes Leben zu lassen, die die Welt des Moschiach herbeiführt, wenn unsere physische Welt endlich Frieden mit G’tt schließt. Jedesmal, wenn Ihr »Nein« zu einem unmoralischen Verlangen sagt, und jedes Mal, wenn Ihr Eure externe Wesensart bekämpft und »Ja« zu einer Mizwa sagt, bereitet Ihr den Weg zur Welt des Moschiach vor.

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