Noach

Die Wasser des Noach

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Vor 14 Jahren fand die erste orthodoxe Rabbinerordination nach der Schoa auf deutschem Boden statt – ein Ereignis, das ein großes Medienecho hervorrief. Ein Jahr später folgte die zweite Rabbinerordination, und mir fiel als Vorstandsmitglied die Ehre zu, im Namen der bereits amtierenden Rabbiner den neu Ordinierten zu gratulieren.

Dies fiel mir schwer, denn eigentlich hatten die bisher Studierenden ein ruhiges, relativ sorgenfreies und wohlbehütetes Leben an der Jeschiwa, und nun erwarteten sie die nicht immer so angenehmen Herausforderungen des Rabbineralltags. Wozu sollte man da gratulieren?

Da fiel mir der Kommentar des Meschech Chochma zu unserem Wochenabschnitt ein. Rabbi Meir Simcha von Dvinsk (1843–1926) bezieht sich darin sehr eindrücklich darauf, wie der Midrasch Noach, den Hauptprotagonisten und Namensgeber unserer Parascha, mit Mosche, dem menschlichen Hauptprotagonisten der Tora, vergleicht.

Ein Vergleich zwischen Mosche und Noach

In diesem Vergleich wird Mosche gegenüber Noach bevorzugt. Noach wurde zunächst »ein gerechter Mann« genannt (1. Buch Mose 6,9), dann jedoch »ein Mann der Erde« (9,19), was auf einen deutlichen Abstieg hinweist. Mosche hingegen bezeichnet die Tora zu Beginn als »einen ägyptischen Mann« (2. Buch Mose 2,19), zum Ende der Tora wird er dann aber mit höchsten Worten als »ein Mann Gʼttes« bezeichnet (5. Buch Mose 33,1).

Noch erstaunlicher ist, wie der Meschech Chochma die diametral entgegengesetzte Entwicklung begründet: Noach sonderte sich ab, um mit Gʼtt zu wandeln, und kümmerte sich dabei nicht um die spirituellen Bedürfnisse und Belange seiner Generation. Mosche hingegen setzte sich für das jüdische Volk ein, was dazu führte, dass er diesen Aufstieg bis zur himmlischen Bezeichnung »Mann Gʼttes« erfährt.

Erstaunlich kommt diese Begründung daher, weil wir genau das Gegenteil annehmen und erwarten würden: Jemand, der sich von den Belanglosigkeiten der Welt absondert, um mit seiner Spiritualität und mit Gʼtt eins zu werden, sollte doch höhere Sphären erreichen können als ein Mann, der sich stets mit den alltäglichen, oft sehr materiellen Anliegen befasst, mit ihnen auch viel Zeit verliert und sich von geistigen Höhen hinabbegeben und mit Niedrigerem beschäftigen muss.

Umso größer die Botschaft, die Rabbi Meir Simcha der Wertung der Tora entnimmt: Gʼtt will nicht, dass wir uns absondern, um unserem eigenen spirituellen Leben zu dienen. Vielmehr sollen wir uns der Welt zuwenden, uns um die Bedürfnisse der anderen kümmern, wenn nötig mit Hingabe, so wie Mosche.

Auch wenn es paradox erscheinen mag, dass ausgerechnet auf diesem Wege die höchsten Stufen der Gʼttesnähe erreicht werden können, so ist es in Wirklichkeit sehr schlüssig: Denn auch die Mitmenschen und die Umwelt sind Gʼttes Geschöpfe, und je mehr wir uns ihnen zuwenden und uns um sie kümmern, desto näher kommen wir damit dem Willen Gʼttes.

Mit dieser Erklärung gerüstet, war ich vor 14 Jahren imstande, den angehenden Rabbinern von ganzen Herzen zu gratulieren, denn mit der abgeschlossenen Ausbildung und den sie erwartenden Gemeindetätigkeiten hatten sie nun die Gelegenheit, Gʼtt wesentlich näher zu kommen als bisher in den vier Wänden während ihrer Tora-Studien.

Der Prophet Jeschajahu scheint mit seiner Kritik an Noachs Verhalten sogar noch einen dramatischen Schritt weiter zu gehen (54,9). Er bezieht sich auf die Sintflut mit dem Ausdruck »Mej Noach« – »die Wasser des Noach«. Ausgerechnet nach dem »vollkommenen Gerechten« (1. Buch Mose 6,9), dem Einzigen jener Zeit, der nicht an der Sintflut schuld war, werden die strafenden Wasser der Sintflut benannt? Warum?

Nur zwei Wochenabschnitte weiter stoßen wir auf unseren Vorvater Awraham, wie er in innigem Gebet vor Gʼtt steht und unter Aufbietung all seiner Kräfte und mit kühnen Worten geistige Welten in Bewegung setzt, um die verruchtesten aller Städte, Sdom und Amora (Sodom und Gomorra), zu retten (18, 23–32).

Awraham kämpft bis zuletzt

Ganze zehn Verse beschreiben die wortgewaltige Verhandlung zwischen Awraham und Gʼtt. Darin wird besonders deutlich, wie Awraham bis zuletzt kämpft und an der Hoffnung festhält, wenigstens eine der Städte wegen der Verdienste einiger Gerechter zu retten, die es dort geben mag. So sehr lagen ihm selbst diese Bösewichte am Herzen!

Sein Verantwortungsgefühl und seine Liebe zu den Mitmenschen übersteigen jegliche menschliche Logik, denn der Beschreibung der Tora und des Talmuds zufolge handelte es sich um grausame und brutale Menschen ohne jegliches Mitgefühl für Arme und Schwache. Um wie viel größer muss Awrahams Mitgefühl gegenüber Menschen gewesen sein, die sich nicht durch derartige Boshaftigkeit auszeichneten!

Diametral entgegengesetzt dazu steht die Reaktion Noachs, als er davon hörte, dass außer seiner Familie die gesamte Erdbevölkerung vernichtet werden soll: Er schweigt. Ein für seine Umwelt bedrückendes Schweigen, welches das fehlende Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Mitmenschen, mehr noch, gegenüber der ganzen von Gʼtt erschaffenen Welt mit all ihren Lebewesen dokumentiert. Noachs Mitverantwortung an den Wassern der Sintflut ist derart schwerwiegend, dass sie sogar seinen Namen erhalten: »die Wasser des Noach«.

Im Chassidismus wird zwischen einem »Gerechten im Pelz« und einem »Gerechten wie ein Ofen« unterschieden. Gemeint ist, dass manche Gerechte ihre Gerechtigkeit für sich selbst leben, abgeschirmt, so wie die Wärme, die vom Körper hergestellt wird, im Pelz gespeichert, aber nicht nach außen abgegeben wird. Demgegenüber gibt es Gerechte, welche die Umwelt an ihrer Gerechtigkeit teilhaben lassen, indem sie sich und ihre Verdienste für andere einsetzen, so wie ein Ofen die Umgebung erwärmt.
Raschi (1040–1105) führt in seinem Kommentar (1. Buch Mose 6,9) die Meinung an, die dem obigen Vergleich folgend Noach mit dem ersten und Awraham mit dem zweiten Typ eines Gerechten vergleicht.

Bei aller Kritik sollte doch auch Noachs Standpunkt nachvollzogen werden können. Schließlich wird er am Anfang unserer Parascha nicht umsonst als »gerechter vollkommener Mann« bezeichnet. Möglicherweise schätzte sich Noach derart ein, dass er nicht die Kraft aufbringen würde, die Realität zu verändern, oder aber war seine Generation derart verkommen, dass ein Eingreifen keine gewünschte Wirkung erreichen würde.

Auf Letzteres weist hin, dass mit demselben Wortlaut Gʼtt ankündigt, dass Er »die Erde verderben werde«, wie davor schon geschildert ist, dass »die Erde verdorben sei«. Dies bedeutet, dass nicht Gʼtt die Menschheit vernichtete, sondern sie sich selbst! Sie war schon im Vernichtungsprozess begriffen, durch ihr eigenes Verhalten, das sie ins Verderben stürzte. Diesem griff Gʼtt mit der Sintflut vor, so erklärt es Rabbi Ovadia di Sforno (1475–1550).

Nichtsdestotrotz weichen unsere Weisen nicht davon ab, dass wir uns an Awraham ein Vorbild nehmen und uns für die Mitmenschen einsetzen sollen, selbst wenn es sich um Bösewichte handelt. Mit Stolz berufen wir uns auf Awraham als unseren ersten Vorvater und erhalten von seinem Verantwortungsgefühl und seinem Verhalten Orientierung.

Der Autor ist Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

inhalt
Der Wochenabschnitt Noach erzählt von G’ttes Beschluss, die Erde zu überfluten. Das Wasser soll alles Leben vernichten und nur Noach verschonen. Der soll eine Arche bauen, auf die er sich mit seiner Familie und einem Paar von jeder Tierart zurückziehen kann. So erwacht nach der Flut neues Leben. Der Ewige setzt einen Regenbogen in die Wolken als Symbol seines ersten Bundes mit den Menschen. Doch die beginnen, die Stadt Babel zu erbauen, und errichten einen Turm, der in den Himmel reicht.
1. Buch Mose 6,9 – 11,32

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